[Leserunde] #Ecolesen: Abschluss und Fazit

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In welchem die Leserunde zum Abschluss gebracht, Resümee gezogen und „Der Name der Rose“ endgültig zugeschlagen wird.

Mit „Der Name der Rose“ hat auf dem Wissenstagebuch-Blog die erste Leserunde überhaupt stattgefunden. Und wisst ihr was? Ich würde es wieder tun! Der Austausch hier und auf Twitter und das Lesen eurer eigenen Blogbeiträge hat den Roman für mich zu einem größeren Vergnügen gemacht.

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Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses (2016)

Zwischen Meeresfrüchten und Pralinen im Kreise der Istanbuler High Society stellt sich die dreifache Mutter Peri nur eine Frage: Wo ist Gott? Aufgewachsen zwischen tiefreligiöser Mutter, kemalistischem Vater, marxistischen und nationalistischen Brüdern, beginnt schon als Kind über philosophische Fragen nachzudenken. Von klein auf treibt sie die Frage um, warum Gott, so es ihn oder sie denn gibt, das Schlechte in der Welt geschehen lässt. Die Theodizee in Romanform. Dann beginnt sie als junge Frau ein Studium in Oxford. Als das Seminar „Gott“ zur Wahl steht, ist Peri Feuer und Flamme. Doch schon bald merkt sie, dass „Gott“ und ihre neuen Bekanntschaften sie in ihren Grundfesten erschüttern.

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Ich habe schon seit langer Zeit mehr kein Buch gelesen, in dem ein Protagonist die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes als wesentlich für sein Dasein empfindet. Es war erfrischend und bereichernd, sich – hier anfangs aus Sicht des Islam und der islamischen Mystik, dann religions- und ideologieübergreifend – in Romanform mit philosophischen und theologischen Fragen zu befassen.
Mich hat es keinen Augenblick lang gewundert, als ich später gelesen habe, Shafaks Bücher seien in der Türkei heftig umstritten. Sie spart nicht mit Gesellschaftskritik und diskutiert besonders Nationalismus, patriarchale Strukturen und ein antiquiertes Verständnis des Islam. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund:

„‚Was sie da von sich geben, klingt nach reiner Paranoia‘, sagte sie leise. ‚Europäer, Westler, Russen, Araber … Wenn Sie diese Leute kennen würden – nicht als Kategorie, sondern individuell –, würden Sie besser sehen, dass wir alle einen Körper und eine Seele besitzen und mehr oder weniger gleich sind.‘ Sie stockte. ‚Uns selbst erkennen können wir nur im Gesicht des … anderen.‘“

Besonders anschaulich gelingt Shafak die Schilderung Peris innerer Zerrissenheit. Neben ihren Freundinnen „der Sünderin“ und „der Gläubigen“ sieht sie sich als Verwirrte. Sie ist erschöpft von den immer neuen Fragen, die sich ihr in ihren Studien stellen. Antworten erhält sie nur wenige. Weit weg von zu Hause, dazu geboren in eine Religion, die unter Beschuss steht, gelingt es der introvertierten und nachdenklichen Peri nicht immer, gut auf sich selbst zu achten.

„Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoffe bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stimmen eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte.“

Shafaks Sprache ist wunderbar. Als sie das Make-up einer Figur als „Fahne eines Landes in Aufruhr, das nicht nur seine Unabhängigkeit, sondern auch seine Unberechenbarkeit erklärt hatte“ beschreibt, war ich vollends überzeugt. Die Autorin findet einen eigenen Ton zwischen den eher nüchternen Betrachtungen eines Entwicklungsromans und blumigen Anklängen als Hommage an nahöstliche Poesie. Dass die Handlung gegen Ende des Buches für meinen Geschmack ein wenig zu viel Fahrt aufnimmt, tut der Begeisterung für diese Geschichte keinen Abbruch. Elif Shafak ist eine wichtige Stimme der europäischen Literatur: kritisch, politisch und versöhnend. „Der Geruch des Paradieses“ war mein erstes, bestimmt aber nicht mein letztes Buch von ihr.


Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses (OT: Havva’nın Üç Kızı, deutsche Ausgabe aus dem Englischen von Michaela Grabinger), verschiedene Ausgaben.

Weitere Meinungen zum Buch bei
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[Ankündigung] Leserunde im April: Umberto Ecos „Der Name der Rose“

Liebe LeserInnen!

Beim Austausch über 18 Klassiker für 2018 haben Elisa von Reisender Bücherwurm und ich beschlossen, Umberto Ecos „Der Name der Rose“ gemeinsam zu lesen. Über  Mitlesende, die Lust auf einen Gedankenaustausch haben, freuen wir uns sehr.

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Hierum geht’s in „Der Name der Rose“

„Der englische Franziskanermönch William von Baskerville ist in einer delikaten politischen Mission unterwegs in eine italienische Benediktinerabtei. Dort gerät er, zusammen mit seinem etwas unbeholfenen, jungen Adlatus Adson von Melk, in einen Strudel von kriminellen Ereignissen und drastischen Versuchungen. Aber nicht umsonst stand William lange Jahre im Dienste der heiligen Inquisition. Das Untersuchungsfieber packt ihn. Er sammelt Indizien, entziffert magische Zeichen, entschlüsselt Manuskripte und dringt immer tiefer in ein geheimnisvolles Labyrinth vor, über das der blinde Seher Jorge von Burgos wacht…“

                                                                                        Klappentext der dtv-Ausgabe

Mittelalter, Kriminalgeschichte, Religion, Philosophie und große Geheimnisse – hier kommt einiges zusammen.

Wann?

Die Leserunde startet am 1. April 2018 und soll einen Zeitraum von etwa vier Wochen umfassen. Falls wir alle bedeutend länger zum Lesen brauchen oder es noch mehr Diskussionsbedarf gibt, verlängern wir.

Was?

An jedem Sonntag werden an dieser Stelle Fragen und Gedanken zum bereits Gelesenen veröffentlicht. Die Fragen könnt ihr für die Diskussion auf euren Blogs aufnehmen – oder einfach eigene Fragen in die Runde werfen.

Auf Twitter können wir uns unter #Ecolesen austauschen.

Das Leserunden-Bild könnt ihr natürlich in euren Beiträgen verwenden.

Wer?

Bloggende mit eigenen Blogs, die Spaß an einer gemeinsamen Klassiker-Leserunde haben. Wer keinen eigenen Blog betreibt oder keine kompletten Beiträge verfassen möchte, kann natürlich auch hier in den Kommentaren und/oder auf Twitter mitdiskutieren.

Bei Interesse hinterlasst einfach einen Kommentar unter diesem Beitrag und ich verlinke euch in der Teilnehmerliste.

Fragen und Anregungen gern an wissenstagebuch(at)web.de.

Es lesen mit:

@Janin79634484

Adrian

BritLitScout

Lisa Reads

Manuel @loki1978de

Reisender Bücherwurm

Romantastisch

Schnute

Silke @doreMiNaSo

Wissenstagebuch

 

Auf diese Sachbücher freue ich mich im Frühjahr/Sommer 2018

2018 wird hoffentlich ein gutes Jahr für den Sachbuchmarkt, denn es stehen einige Ereignisse an, die auf interessante Literatur hoffen lassen: Vor 400 Jahren begann mit dem Zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und der auch ein Religionskrieg war. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen ein–  vorerst leider nur kurzes – Zwischenspiel in der Demokratiegeschichte Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Tennessee erschossen und Nelson Mandela würde seinen 100. Geburtstag feiern.

Beim Stöbern in den Verlagsvorschauen habe ich erfreut festgestellt, dass vermehrt Biographien über historische Frauenfiguren publiziert werden und das Tabuthema psychische Erkrankungen auf den Sachbuchmarkt drängt. Auch die weibliche Sexualität ist kein Tabu mehr, es erwartet uns ein Buch zweier norwegischer Medizinerinnen, das auch aufgrund seines prägnanten Titels Aufsehen erregen wird. Daneben habe ich noch einige viel versprechende Bücher aus dem Bereich der Ur- und Frühgeschichte gesehen; auch hier scheint der Humor nicht zu kurz zu kommen. Die Sachbücher im ersten Halbjahr 2018 sind bunt und vielfältig, da ist für jeden etwas dabei.

Georg Schmidt
Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs
Die Totengräber Der letzte Winter der Weimarer Demokratie

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali
Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran

Christopher de Bellaigue
Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie

Norman M. Naimark
Genozid. Völkermord in der Geschichte

Gary Cox
Jean-Paul Sartre. Existentialismus und Exzess

María Hesse
Frida Kahlo. Eine Biographie

Hermann Kulke/Dietmar Rothermund
Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute

Malachy Tallack (Text) / Katie Scott (Illustrationen)
Von Inseln, die keiner je fand

Stefan Breuer
Wegbereiter des Rassenstaates. Die nordische Bewegung in der Weimarer Republik

Brenna Hassett
Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben

Carolyne Larrington
Fit für Walhalla. Nordische Mythen für Einsteiger

Nina Brochmann / Ellen Støkken Dahl
Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht

Daphne Merkin
Mein fremdes Ich

striche

Habt ihr schon Sachbücher im Auge? Welche Themen interessieren euch im Jahr 2018; worüber wollt ihr mehr erfahren? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!

 

Jun-Hyung Park – Die Augen des Strafrechts (2016)

Dieses Jahr scheint im Zeichen koreanischer Autoren zu stehen: Nach Han Kangs „Die Vegetarierin“ und Yeonmi Parks „Meine Flucht aus Nordkorea“ war ich gespannt auf die Gedanken eines koreanischen Juristen zu Reformen des Strafrechts.

„Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“ von Jun-Hyung Park liefert tatsächlich einige Denkanstöße, die ich so noch in keiner anderen juristischen Schrift gefunden habe. Der Autor spricht sich grundsätzlich dafür aus, das Strafrecht zu vereinfachen; juristische und umgangssprachliche Begriffe sollten übereinstimmen, damit auch der Laie genau weiß, woran er ist. Der Gedanke ist natürlich Unterstützens wert, doch leider geht die Umsetzung mit einer (gar nicht so) latenten Wissenschaftsfeindlichkeit einher. In Bezug auf vermeintlich allzu komplizierte juristische Formulierungen zur Rechtswidrigkeit einer Tat schreibt er:

„Das liegt an dem sogenannten ‚wissenschaftlichen Vergnügen‘, weil die komplizierte Formulierung […] viel interessanter klingt als die einfache Aussage […].
Das ‚Vergnügen in der Wissenschaft‘ ist allgemein nicht falsch. Denn dadurch kann die Wissenschaft noch interessanter gestaltet und bereichert werden. Aber in der Rechtswissenschaft sollte man sich von dem wissenschaftlichen Spaß fernhalten.“
(S. 32 f.)

Außerdem bleibt bis zum Schluss unklar, auf welches Rechtssystem Park sich bezieht. Ist es das koreanische, in dem es den Straftatbestand des Raubes mit Vergewaltigung (S. 18 ff.) zu geben scheint? Wenn ja, warum besteht der Anhang dann aus einem hundert Seiten umfassenden Abdruck des deutschen Strafgesetzbuches? Auch gibt es hin und wieder einige sprachliche Ungenauigkeiten, was an der Übersetzung aus dem Koreanischen oder der fehlenden Vergleichbarkeit einiger Rechtsinstitute liegen könnte. Fußnoten fehlen völlig; Behauptungen wie

„Aber selbst das Gesetz aus der Bronzezeit war an der Resozialisierung von Straftätern nicht ganz desinteressiert.“ (S. 59) 

werden nicht belegt. Der übermäßige Gebrauch von Absätzen hat das Lesen für mich erschwert, da Sinnzusammenhänge auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen waren.

Insgesamt hatte ich mir mehr von diesem Büchlein versprochen. Es wäre für den deutschen Leser großartig gewesen, wenn Park sich auf das koreanische Strafrecht bezogen hätte, um hier Parallelen und Unterschiede zum deutschen Recht feststellen zu können. In seiner jetzigen Form ohne klare Bezugspunkte verwirrt das Büchlein den Laien und Juristen gleichermaßen.

Jun-Hyung Park, Die Augen des Strafrechts – Denkanstöße für unser Rechtssystem“, Verrai Verlag 2016, 74 S., 12,90€, ISBN 978-3-9818041-7-1.

 

 

Jonas Lüscher: Kraft (2017)

Was ursprünglich als Dissertation geplant war, wird zum Roman: Jonas Lüscher erzählt in „Kraft“ mit geistreichem Witz und skurrilem Humor die Geschichte eines Tübinger Rhetorik-Professors, der im Silicon Valley vor den Trümmern seines Lebens steht.

Lüscher_Kraft„Warum alles was ist, gut ist und wie wir es dennoch verbessern können“ – Zu dieser durch und durch optimistischen Weltanschauung soll Kraft als einer von vielen Geisteswissenschaftlern eine Argumentation liefern und dafür von einem reichen Investor eine Million Dollar einstreichen. Nichts leichter als das, denkt sich Kraft und reist für einen Monat ins Silicon Valley, um sich seinem Vortrag zu widmen. Was man mit einer Million nicht alles machen könnte: Sich von seiner Frau und seinen pubertierenden Zwillingen loskaufen, endlich die Unterhaltsschulden für die anderen beiden Kinder loswerden, noch einmal ganz neu anfangen,… Je länger Kraft auf den derzeitigen Zustand der Welt im Allgemeinen und sein bisheriges Leben im Besonderen blickt, merkt er: Eigentlich ist nichts gut, wie es ist. Eigentlich ist alles sogar ziemlich verkorkst.

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VII. Anselm oder Der bewiesene Gott

Dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (auch von Aosta, nach seinem Geburtsort oder von Bec, nach dem Ort seines Wirkungsbeginns), ca. 1033–1109 n. Chr., widmet Wilhelm Weischedel nur einen kurzen Abschnitt. Dies verwundert, denn häufig ist zu lesen, dass Anselms Argumente zu den meist zitierten in der Philosophie gehören und sich u. a. Thomas von Aquin, Descartes und Kant an ihnen abgearbeitet haben. Er gilt als „Vater der Scholastik“, jener im Mittelalter häufig verwendeten Beweismethode, die wissenschaftliche – meist theologische – Fragen durch theoretische Erwägungen, ein Für und Wider der Argumente und deren Überprüfung, klären will.

NPG D23949; St Anselm after Unknown artist

Bildnis Anselms aus dem späten 16. Jhdt., unbekannter Künstler

Nachdem Anselm als Adelssohn gegen den Willen seiner Familie in ein Kloster eingetreten war, stieg er in dessen Hierarchie schnell auf. Die Weihe zum Bischof von Canterbury erhielt er dann, wie überliefert ist, wohl letztlich gegen seinen Willen, auch, so mutmaßt Weischedel, um von den politischen Querelen jener Zeit verschont zu werden. Es tobte nämlich gerade der Investiturstreit, der Streit um die Frage, ob weltliche Herrscher berechtigt seien, geistliche Ämter in ihrem Sinne zu besetzen.

Anselm von Canterbury ist besonders bekannt für seinen Gottesbeweis, in welchem er der Vernunft, anders noch als sein geistiger Vorgänger Augustinus, einen hohen Stellenwert einräumt. Der Erzbischof leitet eine Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft her, indem er sagt, keine von beiden genüge für sich allein, um die Wahrheit zu erkennen. Er argumentiert, dass tiefe Einsicht nur aus dem Glauben heraus erwachsen könne („Ich glaube, damit ich einsehe“), weil der Glaube als Liebe zu gut dazu führe, Gott erkennen zu wollen. Da Gott sowohl als Schöpfer der Vernunft wie auch des Glaubens ist, gebe es keinen Widerspruch zwischen den beiden. Folglich könne man auch auf die Vernunft vertrauen, um Gott erkennen zu wollen.

Sein vernünftiger Gottesbeweis sieht so aus: Gott muss als das absolut Größte verstanden werden. Wenn wir uns also Gott vorstellen, dann muss es Gott auch geben, da größer als die reine Vorstellung nur die Vorstellung und das Sein ist.

Dieser Gedankengang wird in den folgenden Jahrhunderten häufig aufgenommen, abgelehnt, vor allem aber diskutiert. Auch ein Mönch äußerte Kritik an Anselms Beweisführung, wie Weischedel erzählt: Wenn man auf diese Art Gott beweisen könne, dann müsste ja auch eine perfekte Insel, die man sich vorstellt in der Wirklichkeit existieren, denn auch sie sei ja nur vollkommen, wenn sie tatsächlich existiere. Überliefert ist eine anschließende Klosterhaft jenes Mönches.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 86–89.

Albert Camus: Der Fremde (1942)

Albert Camus – Viel zu lange habe ich mich von diesem großen Namen abschrecken lassen. In der Schule nie in die Verlegenheit gekommen, Camus lesen zu müssen, hat sich vor allem eines herausgestellt: „Der Fremde“ ist nicht nur tiefsinnig, sondern auch äußerst lesbar.

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Im Algerien der 1930er Jahre besucht der junge Meursault die Beerdigung seiner Mutter. Besonders mitzunehmen scheint ihn das Ganze nicht. Auch sonst erscheint er seltsam distanziert von seinem eigenen Leben: Als ihn seine Freundin fragt, ob er sie heiraten wolle, erwidert er, für ihn sei es „in Ordnung“. Als ein Nachbar ihn bittet, seine Geliebte zu überlisten, um sie verprügeln zu können, stimmt er bereitwillig zu, „weil er so nett gefragt wurde“. Als er schließlich wegen Mordes vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird, zieht all das wie in Ferne an ihm vorbei. Doch schließlich, als der Geistliche mit ihm in seiner Zelle über den nahenden Tod und alles, was danach kommt, sprechen will, braust Meursault zum ersten Mal auf: Nach dem Tod komme nichts. Er habe so gelebt und nicht anders, seine letzten Minuten wolle er nicht „mit Gott vertrödeln“.

Camus schildert detailliert Meursaults Tagesablauf, er lässt ihn Eier braten, mit dem Nachbarn über dessen Hund sprechen und arbeiten gehen. Der Leser verfolgt all das und versteht lange Zeit doch nicht, was der Protagonist ihm sagen soll. Seltsam gedankenleer, schnell gelangweilt, erscheint er ­– fremd irgendwie. Dabei erfährt man erst ganz zum Schluss, als der Protagonist, vom Geistlichen zur Trauer ob seines eigenen Todes genötigt, nicht mehr an sich halten kann, was es mit dem Verhalten Meursaults auf sich hat: Er lebt, wie er es für richtig hält, als überzeugter Atheist vertraut er darauf, dass der Tod einfach nur Tod bedeutet und damit nicht mehr zum Leben gehört. Die Zeit, die einem gegeben ist, sei so auszufüllen, wie man eben möchte.

Hier zeigt sich, warum „Der Fremde“ als eines der Hauptwerke des Existenzialismus gilt: Der Protagonist gestaltet seine Existenz selbst, völlig losgelöst von den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Handlungen in bestimmten Situationen gestellt werden. Warum raucht er neben dem Sarg seiner Mutter? – Weil ihm danach war. Warum erschießt er am Strand einen Araber? – Er weiß es nicht, auf jeden Fall machte die Hitze ihm zu schaffen.
Dass Handlungen ohne Grund passieren, ist für die anderen Figuren des Romans völlig unverständlich, vor Gericht versuchen sie, Meursaults Handlungen einzuordnen. Genau das ist es auch, was ihn das Leben kosten wird: Die Annahme, dass die Bedeutungslosigkeit seiner Handlungen auf emotionale Kälte, mithin eine mörderische Eigenschaft, hindeutet.

Albert Camus, „Der Fremde“ (OT: L‘Étranger), aus dem Französischen von Georg Goyert und Hans Georg Brenner, verschiedene Ausgaben.


So viel zu meinem kurzen ersten Eindruck des Romans. Wenn sich jemand eingehender mit „Der Fremde“ oder Camus‘ Gedanken beschäftigt oder Leseempfehlungen zum Thema hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Dieser Titel ist Teil meiner
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VIII. Augustinus oder Die Dienlichkeit der Sünde

Mit Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) beginnt Weischedel seine Betrachtungen über christliche Philosophen. Augustinus spielt dabei eine besondere Rolle, denn durch seine Ansichten und sein Denken wird der Unterschied zu seinen antiken griechischen und römischen Vorgängern besonders deutlich.

In seiner Jugend sei Augustinus ein ziemlicher Herumtreiber gewesen, so Weischedel. Seine vielen Liebschaften und seinen großen Ehrgeiz, sich in der Rhetorik-Ausbildung ganz besonders hervorzutun, bereut Augustinus jedoch kurz nachdem er sich im Alter von 33 Jahren taufen lässt. Fortan zieht sich der weltgewandte Mann zurück und gründet ein Laienkloster. Später wird er Bischof von Hippo, einer antiken Küstenstadt im heutigen Algerien.

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Alain Badiou: Wider den globalen Kapitalismus

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…Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris.

Mit Alain Badious Streitschrift habe ich lange gekämpft. Das dünne Büchlein umfasst gerade einmal 64 Seiten, aber die sind gefüllt mit sehr dichten, konsequent ausgeführten Gedanken. Immer wieder habe ich neu begonnen, Thesen unterstrichen, Zusammenhänge markiert. Das Büchlein ist die Mitschrift eines Vortrages, den Badiou am 23. November 2015 gehalten hat. Weiterlesen

VII. Plotin oder Die Gesichte des Entrückten

Plotin (205–270 n. Chr.) lehrte zunächst in Alexandrien, bis er nach Rom zog und dort öffentliche Vorlesungen hielt. Die Römer, besonders die römischen Senatoren, besuchten seine Vorträge rege; auch römische Frauen konnten ihnen, nicht selbstverständlich zu dieser Zeit, beiwohnen.

In seinen Vorlesungen ist Plotin auf der Suche nach dem Gottesbegriff. Er will sich Gott nähern, indem er alles beschreibt, was dieser nicht ist. Zu diesem Zweck verneint er das Weltliche, das Endliche und das eigene Dasein. Er erkennt Gott als „das reine Eine“, das die Vielheit der Welt umfasst. Er sieht das Eine besonders in ekstatischen Erfahrungen, losgelöst von seinem Körper. Plotin will erklären, wie vom Einen her die Vielheit, die es umfasst, entsteht. Er nimmt an, dass das Eine so selbstgenügsam sei, dass es „überfloss“ und aus dieser Überfülle die Vielheit der Welt hervorgebracht hat. Die Weltwerdung des Einen vollziehe sich in vier Stufen:

  1. Das Eine ist rein, daher muss der Prozess dadurch in Gang gekommen sein, dass das Eine sich selbst erblickt hat.
  2. Dadurch sind die Abbilder des Einen, der Geist und die geistige Welt entstanden. Sie entbehren aber der Reinheit des Einen, was sich schon daran zeigt, dass sie zu zweit auftreten.[1]
  3. Der Geist blickt hinab, dadurch entsteht die Weltenseele.
  4. Die Weltenseele blickt hinab und erschafft damit den Kosmos, die Sinneswelt und die Welt der Dinge mit ihrer unbeschreiblichen Vielheit.

Durch diese Herleitung vom Einen her gelangt Plotin zu einer „völligen Gotthaftigkeit der Welt“. Das Ziel des Menschen müsse es sein, zu seinem Ursprung, dem Einen, zurückzukehren. Wie das geschehen soll, beschreibt Plotin konsequenterweise auch in vier Stufen:

  1. Der Mensch muss sich vom persönlichen Genuss ab- und Tugenden wie Gerechtigkeit und         Besonnenheit zuwenden.
  2. Dann muss eine Abwendung von allen sinnlichen Genüssen erfolgen, sodass die Seele sich auf sich selber besinnt und dadurch die Ebene des Übermenschlichen erreicht.
  3. Es muss ein Aufstieg des Seelischen hin zum Geistigen erfolgen. Auf dieser Stufe entspringt die philosophische Existenz.
  4. Alles einzelne, auch Ideen, müssen fallen gelassen werden, sodass man in das „Unbetretbare         der Seele“ gelangt. Hier sollen Mensch und der Gott dann Eins werden.

Zu Plotin selbst hält Weischedel fest, dass dieser stets von Abscheu vor der körperlichen Existenz getrieben war, was sich besonders in seinen Essgewohnheiten – ein Stück Brot am Tag – und seiner Abneigung gegen Medikamente und ärztliche Behandlungen ausdrückt. Er schreibt es Plotins körperverachtendem Verhalten zu, dass dieser schließlich langsam dahinsiechte. Seine Abneigung gegen den Körper bringt Weischedel mit der weltlichen Abkehr aufgrund von Überdruss in Plotins Philosophie in Verbindung. Plotin bezeichnet das Leben in dieser Welt als „Verbannung und Fluch“. Ihm werden okkulte Fähigkeiten zugeschrieben, so soll er im Alltag sehr hellsichtig gewesen sein, magischen Angriffen widerstanden haben und einiges mehr. Er habe häufig „ekstatische Erlebnisse“ gehabt, durch die er versucht habe, dem Einen näher zu kommen.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 70–76.

[1] Wie die Prämisse zustande kommt, dass sich das Eine genau zwei Abbilder schaffe – und nicht etwa lediglich eins, was den nachfolgenden Gedankengang zum Einsturz brächte, wird nicht weiter ausgeführt.

Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist

Teller_NichtsBis sich nichts mehr rührt – eine Schulklasse sucht den Sinn des Lebens und zieht dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Die etwa 13-jährige Agnes ist genervt. Das Leben in ihrer fiktiven dänischen Kleinstadt erscheint eintönig und öde. Doch dann, am ersten Schultag nach den Sommerferien, eröffnet ihr Mitschüler Pierre-Anthon der ganzen Klasse eine Weisheit, die er erlangt zu haben glaubt: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Die Klasse ist geschockt, doch nachdem Pierre- Athon sich auf einen Pflaumenbaum zurückgezogen hat und jedem Vorübergehenden seine nihilistische Weltsicht hinterher ruft, entschließen sich die Jugendlichen zum Handeln: Sie wollen alles sammeln, was für sie Bedeutung hat und diese Bedeutung dann Pierre-Anthon vorführen, um ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt. So beginnt einer vom anderen zu fordern, was er beizusteuern hat. Die Lieblingsohrringe, die neuen Schuhe, das gelbe Fahrrad. Je schwerer es demjenigen fällt und je mehr sich dieser weigert, desto mehr Bedeutung muss das Geforderte ja für den Betroffenen haben. Nach jedem Verlust werden die Forderungen größer – es scheint, als wolle sich jeder für den erlittenen Verlustschmerz am nächsten rächen. Der „Berg an Bedeutung“, den die Klasse heimlich in einem alten Sägewerk auftürmt, wird immer größer. Dann soll jedoch ein lebender Hamster dazu kommen und plötzlich dreht es sich nicht mehr nur um rein materielle Dinge. Es wird das Leben eines Hundes gefordert, die Exhumierung des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld eines Mädchens.
Als der letzte sein Opfer gebracht hat, fliegt die Klasse auf; doch das ist ihnen egal, denn sie haben so viel Bedeutung zusammengetragen, wie sie konnten. Jetzt muss nur noch der überzeugte Nihilist Pierre-Anthon die Bedeutung des Berges anerkennen.

„Nichts“  bedient sich sehr einfacher, klarer Sprache aus der Perspektive eines etwa 13-jährigen Mädchens, das das Geschehen um den Berg der Bedeutung begleitet. Durch Wahl dieser Perspektive wird  besonders der starke Gruppenzwang betont, dem sich alle Schüler ausgesetzt sehen. In dem Moment, in dem der erste begann, etwas auf den Berg der Bedeutung zu legen, kann sich niemand mehr dagegen wehren, seinen eigenen Teil beizutragen. Wehrt sich doch jemand, so wird er schlicht von den anderen gezwungen, meist mit körperlicher Gewalt. Jungen und Mädchen nehmen sich in dieser Hinsicht nicht viel; die Sinnsuche wird häufig von roher Gewalt begleitet.

Nihilismus als Grundlage für ein Jugendbuch zu nehmen, ist neu. Dazu kommt, dass der Roman, anders als viele andere Jugendbücher, die mit ähnlich drastischen Ereignissen arbeiten, bis zum Schluss nicht versöhnlich ist. Immer wieder klingt an, dass die Suche der Jugendlichen nach Bedeutung legitim ist, aber letztlich nur eine Phase des Erwachsenwerdens darstellt – wobei  sich Erwachsene lediglich damit arrangiert haben, keine Bedeutung im Leben zu finden.

Das skurrile Verhalten Pierre-Anthons, sich über Monate auf einen Pflaumenbaum zurückzuziehen und seine Lehren von dort herunter zu krakeelen – immer begleitet vom Werfen matschiger Pflaumen – erinnert an die abstrusen Geschichten, die von einigen griechischen Philosophen überliefert sind.
Aufgrund der schnörkellosen Sprache und des schnellen Voranschreitens der Handlungen wirkte das Geschehen weniger grausam, als wenn man es sich sprachlich ausgeschmückt oder gar als Film vorstellt.  Die Symbolik in diesem Buch ist nicht allzu versteckt, es gibt eine klare Rollenverteilung innerhalb der Klasse und klare, schnell nachvollziehbare Entwicklungen der Charaktere. Bei Tellers Roman handelt es sich daher tatsächlich um ein reines Jugendbuch, das sehr auf die Besprechung im Unterricht angelegt ist. Das ist auch nötig, denn gerade jüngere Kinder und Jugendliche sollte man nicht völlig kommentarlos mit dieser durchaus beunruhigenden Geschichte allein lassen.

„Nichts“ löste zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2000 eine große Diskussion in Dänemark darüber aus, was ein Jugendbuch können/dürfen sollte und was nicht. Nachdem der Roman erst 2010 auf Deutsch erschien und 2015 neu aufgelegt wurde, wird er auch in Deutschland immer bekannter und schon in eine Reihe mit „Die Welle“ und „Der Herr der Fliegen“ gestellt.

Janne Teller, Nichts: Was im Leben wichtig ist, Hanser 2010, 144 S., 12,90 €.