VII. Anselm oder Der bewiesene Gott

Dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (auch von Aosta, nach seinem Geburtsort oder von Bec, nach dem Ort seines Wirkungsbeginns), ca. 1033–1109 n. Chr., widmet Wilhelm Weischedel nur einen kurzen Abschnitt. Dies verwundert, denn häufig ist zu lesen, dass Anselms Argumente zu den meist zitierten in der Philosophie gehören und sich u. a. Thomas von Aquin, Descartes und Kant an ihnen abgearbeitet haben. Er gilt als „Vater der Scholastik“, jener im Mittelalter häufig verwendeten Beweismethode, die wissenschaftliche – meist theologische – Fragen durch theoretische Erwägungen, ein Für und Wider der Argumente und deren Überprüfung, klären will.

NPG D23949; St Anselm after Unknown artist

Bildnis Anselms aus dem späten 16. Jhdt., unbekannter Künstler

Nachdem Anselm als Adelssohn gegen den Willen seiner Familie in ein Kloster eingetreten war, stieg er in dessen Hierarchie schnell auf. Die Weihe zum Bischof von Canterbury erhielt er dann, wie überliefert ist, wohl letztlich gegen seinen Willen, auch, so mutmaßt Weischedel, um von den politischen Querelen jener Zeit verschont zu werden. Es tobte nämlich gerade der Investiturstreit, der Streit um die Frage, ob weltliche Herrscher berechtigt seien, geistliche Ämter in ihrem Sinne zu besetzen.

Anselm von Canterbury ist besonders bekannt für seinen Gottesbeweis, in welchem er der Vernunft, anders noch als sein geistiger Vorgänger Augustinus, einen hohen Stellenwert einräumt. Der Erzbischof leitet eine Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft her, indem er sagt, keine von beiden genüge für sich allein, um die Wahrheit zu erkennen. Er argumentiert, dass tiefe Einsicht nur aus dem Glauben heraus erwachsen könne („Ich glaube, damit ich einsehe“), weil der Glaube als Liebe zu gut dazu führe, Gott erkennen zu wollen. Da Gott sowohl als Schöpfer der Vernunft wie auch des Glaubens ist, gebe es keinen Widerspruch zwischen den beiden. Folglich könne man auch auf die Vernunft vertrauen, um Gott erkennen zu wollen.

Sein vernünftiger Gottesbeweis sieht so aus: Gott muss als das absolut Größte verstanden werden. Wenn wir uns also Gott vorstellen, dann muss es Gott auch geben, da größer als die reine Vorstellung nur die Vorstellung und das Sein ist.

Dieser Gedankengang wird in den folgenden Jahrhunderten häufig aufgenommen, abgelehnt, vor allem aber diskutiert. Auch ein Mönch äußerte Kritik an Anselms Beweisführung, wie Weischedel erzählt: Wenn man auf diese Art Gott beweisen könne, dann müsste ja auch eine perfekte Insel, die man sich vorstellt in der Wirklichkeit existieren, denn auch sie sei ja nur vollkommen, wenn sie tatsächlich existiere. Überliefert ist eine anschließende Klosterhaft jenes Mönches.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 86–89.

Albert Camus: Der Fremde (1942)

Albert Camus – Viel zu lange habe ich mich von diesem großen Namen abschrecken lassen. In der Schule nie in die Verlegenheit gekommen, Camus lesen zu müssen, hat sich vor allem eines herausgestellt: „Der Fremde“ ist nicht nur tiefsinnig, sondern auch äußerst lesbar.

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Im Algerien der 1930er Jahre besucht der junge Meursault die Beerdigung seiner Mutter. Besonders mitzunehmen scheint ihn das Ganze nicht. Auch sonst erscheint er seltsam distanziert von seinem eigenen Leben: Als ihn seine Freundin fragt, ob er sie heiraten wolle, erwidert er, für ihn sei es „in Ordnung“. Als ein Nachbar ihn bittet, seine Geliebte zu überlisten, um sie verprügeln zu können, stimmt er bereitwillig zu, „weil er so nett gefragt wurde“. Als er schließlich wegen Mordes vor Gericht steht und zum Tode verurteilt wird, zieht all das wie in Ferne an ihm vorbei. Doch schließlich, als der Geistliche mit ihm in seiner Zelle über den nahenden Tod und alles, was danach kommt, sprechen will, braust Meursault zum ersten Mal auf: Nach dem Tod komme nichts. Er habe so gelebt und nicht anders, seine letzten Minuten wolle er nicht „mit Gott vertrödeln“.

Camus schildert detailliert Meursaults Tagesablauf, er lässt ihn Eier braten, mit dem Nachbarn über dessen Hund sprechen und arbeiten gehen. Der Leser verfolgt all das und versteht lange Zeit doch nicht, was der Protagonist ihm sagen soll. Seltsam gedankenleer, schnell gelangweilt, erscheint er ­– fremd irgendwie. Dabei erfährt man erst ganz zum Schluss, als der Protagonist, vom Geistlichen zur Trauer ob seines eigenen Todes genötigt, nicht mehr an sich halten kann, was es mit dem Verhalten Meursaults auf sich hat: Er lebt, wie er es für richtig hält, als überzeugter Atheist vertraut er darauf, dass der Tod einfach nur Tod bedeutet und damit nicht mehr zum Leben gehört. Die Zeit, die einem gegeben ist, sei so auszufüllen, wie man eben möchte.

Hier zeigt sich, warum „Der Fremde“ als eines der Hauptwerke des Existenzialismus gilt: Der Protagonist gestaltet seine Existenz selbst, völlig losgelöst von den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Handlungen in bestimmten Situationen gestellt werden. Warum raucht er neben dem Sarg seiner Mutter? – Weil ihm danach war. Warum erschießt er am Strand einen Araber? – Er weiß es nicht, auf jeden Fall machte die Hitze ihm zu schaffen.
Dass Handlungen ohne Grund passieren, ist für die anderen Figuren des Romans völlig unverständlich, vor Gericht versuchen sie, Meursaults Handlungen einzuordnen. Genau das ist es auch, was ihn das Leben kosten wird: Die Annahme, dass die Bedeutungslosigkeit seiner Handlungen auf emotionale Kälte, mithin eine mörderische Eigenschaft, hindeutet.

Albert Camus, „Der Fremde“ (OT: L‘Étranger), aus dem Französischen von Georg Goyert und Hans Georg Brenner, verschiedene Ausgaben.


So viel zu meinem kurzen ersten Eindruck des Romans. Wenn sich jemand eingehender mit „Der Fremde“ oder Camus‘ Gedanken beschäftigt oder Leseempfehlungen zum Thema hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Dieser Titel ist Teil meiner
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VIII. Augustinus oder Die Dienlichkeit der Sünde

Mit Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) beginnt Weischedel seine Betrachtungen über christliche Philosophen. Augustinus spielt dabei eine besondere Rolle, denn durch seine Ansichten und sein Denken wird der Unterschied zu seinen antiken griechischen und römischen Vorgängern besonders deutlich.

In seiner Jugend sei Augustinus ein ziemlicher Herumtreiber gewesen, so Weischedel. Seine vielen Liebschaften und seinen großen Ehrgeiz, sich in der Rhetorik-Ausbildung ganz besonders hervorzutun, bereut Augustinus jedoch kurz nachdem er sich im Alter von 33 Jahren taufen lässt. Fortan zieht sich der weltgewandte Mann zurück und gründet ein Laienkloster. Später wird er Bischof von Hippo, einer antiken Küstenstadt im heutigen Algerien.

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Alain Badiou: Wider den globalen Kapitalismus

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…Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris.

Mit Alain Badious Streitschrift habe ich lange gekämpft. Das dünne Büchlein umfasst gerade einmal 64 Seiten, aber die sind gefüllt mit sehr dichten, konsequent ausgeführten Gedanken. Immer wieder habe ich neu begonnen, Thesen unterstrichen, Zusammenhänge markiert. Das Büchlein ist die Mitschrift eines Vortrages, den Badiou am 23. November 2015 gehalten hat. Weiterlesen

VII. Plotin oder Die Gesichte des Entrückten

Plotin (205–270 n. Chr.) lehrte zunächst in Alexandrien, bis er nach Rom zog und dort öffentliche Vorlesungen hielt. Die Römer, besonders die römischen Senatoren, besuchten seine Vorträge rege; auch römische Frauen konnten ihnen, nicht selbstverständlich zu dieser Zeit, beiwohnen.

In seinen Vorlesungen ist Plotin auf der Suche nach dem Gottesbegriff. Er will sich Gott nähern, indem er alles beschreibt, was dieser nicht ist. Zu diesem Zweck verneint er das Weltliche, das Endliche und das eigene Dasein. Er erkennt Gott als „das reine Eine“, das die Vielheit der Welt umfasst. Er sieht das Eine besonders in ekstatischen Erfahrungen, losgelöst von seinem Körper. Plotin will erklären, wie vom Einen her die Vielheit, die es umfasst, entsteht. Er nimmt an, dass das Eine so selbstgenügsam sei, dass es „überfloss“ und aus dieser Überfülle die Vielheit der Welt hervorgebracht hat. Die Weltwerdung des Einen vollziehe sich in vier Stufen:

  1. Das Eine ist rein, daher muss der Prozess dadurch in Gang gekommen sein, dass das Eine sich selbst erblickt hat.
  2. Dadurch sind die Abbilder des Einen, der Geist und die geistige Welt entstanden. Sie entbehren aber der Reinheit des Einen, was sich schon daran zeigt, dass sie zu zweit auftreten.[1]
  3. Der Geist blickt hinab, dadurch entsteht die Weltenseele.
  4. Die Weltenseele blickt hinab und erschafft damit den Kosmos, die Sinneswelt und die Welt der Dinge mit ihrer unbeschreiblichen Vielheit.

Durch diese Herleitung vom Einen her gelangt Plotin zu einer „völligen Gotthaftigkeit der Welt“. Das Ziel des Menschen müsse es sein, zu seinem Ursprung, dem Einen, zurückzukehren. Wie das geschehen soll, beschreibt Plotin konsequenterweise auch in vier Stufen:

  1. Der Mensch muss sich vom persönlichen Genuss ab- und Tugenden wie Gerechtigkeit und         Besonnenheit zuwenden.
  2. Dann muss eine Abwendung von allen sinnlichen Genüssen erfolgen, sodass die Seele sich auf sich selber besinnt und dadurch die Ebene des Übermenschlichen erreicht.
  3. Es muss ein Aufstieg des Seelischen hin zum Geistigen erfolgen. Auf dieser Stufe entspringt die philosophische Existenz.
  4. Alles einzelne, auch Ideen, müssen fallen gelassen werden, sodass man in das „Unbetretbare         der Seele“ gelangt. Hier sollen Mensch und der Gott dann Eins werden.

Zu Plotin selbst hält Weischedel fest, dass dieser stets von Abscheu vor der körperlichen Existenz getrieben war, was sich besonders in seinen Essgewohnheiten – ein Stück Brot am Tag – und seiner Abneigung gegen Medikamente und ärztliche Behandlungen ausdrückt. Er schreibt es Plotins körperverachtendem Verhalten zu, dass dieser schließlich langsam dahinsiechte. Seine Abneigung gegen den Körper bringt Weischedel mit der weltlichen Abkehr aufgrund von Überdruss in Plotins Philosophie in Verbindung. Plotin bezeichnet das Leben in dieser Welt als „Verbannung und Fluch“. Ihm werden okkulte Fähigkeiten zugeschrieben, so soll er im Alltag sehr hellsichtig gewesen sein, magischen Angriffen widerstanden haben und einiges mehr. Er habe häufig „ekstatische Erlebnisse“ gehabt, durch die er versucht habe, dem Einen näher zu kommen.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 70–76.

[1] Wie die Prämisse zustande kommt, dass sich das Eine genau zwei Abbilder schaffe – und nicht etwa lediglich eins, was den nachfolgenden Gedankengang zum Einsturz brächte, wird nicht weiter ausgeführt.

Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist

Teller_NichtsBis sich nichts mehr rührt – eine Schulklasse sucht den Sinn des Lebens und zieht dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Die etwa 13-jährige Agnes ist genervt. Das Leben in ihrer fiktiven dänischen Kleinstadt erscheint eintönig und öde. Doch dann, am ersten Schultag nach den Sommerferien, eröffnet ihr Mitschüler Pierre-Anthon der ganzen Klasse eine Weisheit, die er erlangt zu haben glaubt: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“

Die Klasse ist geschockt, doch nachdem Pierre- Athon sich auf einen Pflaumenbaum zurückgezogen hat und jedem Vorübergehenden seine nihilistische Weltsicht hinterher ruft, entschließen sich die Jugendlichen zum Handeln: Sie wollen alles sammeln, was für sie Bedeutung hat und diese Bedeutung dann Pierre-Anthon vorführen, um ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt. So beginnt einer vom anderen zu fordern, was er beizusteuern hat. Die Lieblingsohrringe, die neuen Schuhe, das gelbe Fahrrad. Je schwerer es demjenigen fällt und je mehr sich dieser weigert, desto mehr Bedeutung muss das Geforderte ja für den Betroffenen haben. Nach jedem Verlust werden die Forderungen größer – es scheint, als wolle sich jeder für den erlittenen Verlustschmerz am nächsten rächen. Der „Berg an Bedeutung“, den die Klasse heimlich in einem alten Sägewerk auftürmt, wird immer größer. Dann soll jedoch ein lebender Hamster dazu kommen und plötzlich dreht es sich nicht mehr nur um rein materielle Dinge. Es wird das Leben eines Hundes gefordert, die Exhumierung des verstorbenen kleinen Bruders, die Unschuld eines Mädchens.
Als der letzte sein Opfer gebracht hat, fliegt die Klasse auf; doch das ist ihnen egal, denn sie haben so viel Bedeutung zusammengetragen, wie sie konnten. Jetzt muss nur noch der überzeugte Nihilist Pierre-Anthon die Bedeutung des Berges anerkennen.

„Nichts“  bedient sich sehr einfacher, klarer Sprache aus der Perspektive eines etwa 13-jährigen Mädchens, das das Geschehen um den Berg der Bedeutung begleitet. Durch Wahl dieser Perspektive wird  besonders der starke Gruppenzwang betont, dem sich alle Schüler ausgesetzt sehen. In dem Moment, in dem der erste begann, etwas auf den Berg der Bedeutung zu legen, kann sich niemand mehr dagegen wehren, seinen eigenen Teil beizutragen. Wehrt sich doch jemand, so wird er schlicht von den anderen gezwungen, meist mit körperlicher Gewalt. Jungen und Mädchen nehmen sich in dieser Hinsicht nicht viel; die Sinnsuche wird häufig von roher Gewalt begleitet.

Nihilismus als Grundlage für ein Jugendbuch zu nehmen, ist neu. Dazu kommt, dass der Roman, anders als viele andere Jugendbücher, die mit ähnlich drastischen Ereignissen arbeiten, bis zum Schluss nicht versöhnlich ist. Immer wieder klingt an, dass die Suche der Jugendlichen nach Bedeutung legitim ist, aber letztlich nur eine Phase des Erwachsenwerdens darstellt – wobei  sich Erwachsene lediglich damit arrangiert haben, keine Bedeutung im Leben zu finden.

Das skurrile Verhalten Pierre-Anthons, sich über Monate auf einen Pflaumenbaum zurückzuziehen und seine Lehren von dort herunter zu krakeelen – immer begleitet vom Werfen matschiger Pflaumen – erinnert an die abstrusen Geschichten, die von einigen griechischen Philosophen überliefert sind.
Aufgrund der schnörkellosen Sprache und des schnellen Voranschreitens der Handlungen wirkte das Geschehen weniger grausam, als wenn man es sich sprachlich ausgeschmückt oder gar als Film vorstellt.  Die Symbolik in diesem Buch ist nicht allzu versteckt, es gibt eine klare Rollenverteilung innerhalb der Klasse und klare, schnell nachvollziehbare Entwicklungen der Charaktere. Bei Tellers Roman handelt es sich daher tatsächlich um ein reines Jugendbuch, das sehr auf die Besprechung im Unterricht angelegt ist. Das ist auch nötig, denn gerade jüngere Kinder und Jugendliche sollte man nicht völlig kommentarlos mit dieser durchaus beunruhigenden Geschichte allein lassen.

„Nichts“ löste zum Zeitpunkt seines Erscheinens im Jahr 2000 eine große Diskussion in Dänemark darüber aus, was ein Jugendbuch können/dürfen sollte und was nicht. Nachdem der Roman erst 2010 auf Deutsch erschien und 2015 neu aufgelegt wurde, wird er auch in Deutschland immer bekannter und schon in eine Reihe mit „Die Welle“ und „Der Herr der Fliegen“ gestellt.

Janne Teller, Nichts: Was im Leben wichtig ist, Hanser 2010, 144 S., 12,90 €.

VI. Epikur und Zenon oder Pflichtloses Glück und glücklose Pflicht

Weischedel baut die Ansichten der Epikureer und der Stoiker als Antagonismus auf. Er beginnt mit den Ansichten des Epikur (371–271/70 v.Chr.).

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Marmorbüste des Epikur. Röm. Kopie des griech. Originals. 2./3. Jhdt. v. Chr.

Die Überlieferung bzgl. Epikurs ist von Widersprüchen geprägt. Zum einen wird er als sehr lustbetonter, der Völlerei fröhnender „Wüstling“ dargestellt, seine Schüler verehren ihn jedoch als selbstgenügsam und milde. Als höchstes Lebensziel deklariert er das Glück. Das Glück sei besonders die Vermeidung von Schmerz und Gewinnen von Lust, unter der er das gute Gespräch, die Kunst, Musik und besonders die Philosophie versteht. Wahres Glück könne nur erreicht werden, wenn sich die Seele „im ruhigen Gleichmaß“ befinde. Daher müsse alles Störende vermieden werden. Das könne am besten gelingen, wenn der Mensch selbstgenügsam und zurückgezogen im Privaten lebe, öffentliche Aufgaben meide. Der Epikureer ist dabei kein Eremit – als höchstes Gut gilt die Freundschaft zu anderen, die Epikur bei Versammlungen in seinem Garten praktizierte.
Als störend erscheint auch die Bedrohlichkeit der Umwelt. Epikur lehnt daher die bedrohlich wirkenden Mythen ab und begreift die Natur im Sinne der Atomlehre Demokrits. Alles sei aus Atomen aufgebaut, wobei auch ein gewisser Zufall eine Rolle spiele. Auf diesen könne der Philosoph keinen Einfluss nehmen, sodass er die Welt ruhigen Gewissens sich selbst überlassen kann. Die Existenz der Götter bestreitet Epikur nicht; er verbannt sie allerdings in eine Zwischenwelt, aus der heraus sie keinen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen können. Auch dem Tod nimmt er seinen Schrecken: Menschen könnten nur empfinden, was für sie Realität hat. Der Tod aber sei nicht zu empfinden, er sei daher ein „Nichts“, vor dem man sich nicht zu fürchten brauche. Das Glück könne durch Philosophieren gewonnen werden – daher ist es nach Epikur nie zu spät, damit anzufangen.

Marmorbüste des Zenon

Zenon von Kition (333/332–262/261 v.Chr.) dagegen lehnt die Lehren Epikurs ab. Er selbst ist der Überlieferung nach durch Zufall zur Philosophie gekommen: Als er mit seinem Handelsschiff Schiffbruch erlitt, wohnte er zeitweise bei einem Buchhändler, der ein philosophisches Buch las. Da beschloss dann auch Zenon, sich der Philosophie zu widmen. Als ernster, zurückhaltender und fast asketischer Mann beschrieben, gab er seinen Unterricht in einer bemalten Säulenhalle – daher stammt der Name der Schule „Stoa“ (Vorhalle). Zenon galt als angesehener und verehrter Bürger Athens, schon zu Lebzeiten erhielt er eine Statue und andere Auszeichnungen. Er versteht die Philosophie als „Kunst der Lebensführung“, deren Ziel es sei, in Übereinstimmung mit sich selber zu leben. Hier taucht dann auch zum ersten Mal der Begriff der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung auf: Die Selbstverwirklichung sei nichts Subjektives sondern ein Gesetz, das es erfordere, nach dem zu leben, was die einem  innewohnende Vernunft vorgebe. Diese innere Vernunft steht aber mit der Natur, mit dem großen Ganzen, im Einklang. Die Natur besteht bei den Stoikern nicht aus einer Vielzahl von Atomen, sondern ist etwas Lebendiges und wird mit dem höchsten Gott gleichgesetzt. Weil der Mensch an diesem Göttlichen teilhat, kann er die Vernunft auch in sich selbst erwecken. Auf diesen Gedanken beruft sich später auch der Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag (jenem Felsen oder vor dem gleichnamigen Rat in Athen). Der Mensch soll also nicht eine allgemeine, von außen vorgegebene Tugend verwirklichen, sondern das in ihm als Individuum Angelegte. Die Freiheit scheint bei der Befolgung des inneren Gesetzes kurz zu kommen. Nach Zenon ist frei, wer der Vernunft folgt, sich also freiwillig in die letztendlich göttliche Ordnung fügt. Freiheit durch Pflichterfüllung. Um seiner Pflicht nachzukommen, müsse sich der Mensch gerade nicht ins Private zurückziehen, sondern öffentliche Aufgaben übernehmen. Der Mensch sei von Natur aus gesellig, eine allgemeine Menschenliebe solle in ihm wachsen. Dabei solle er sich nicht von Leidenschaften beherrschen lassen, denn diese würden das Gleichgewicht der Seele stören (die Apatheia als Abwesenheit von Affekten). Idealerweise steht der Mensch den Widrigkeiten des Lebens und Schicksalsschlägen unbewegt gegenüber – stoisch eben.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 60–69.

Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

GenazinoDer Protagonist wandelt durch eine beliebige mittelgroße deutsche Stadt, trifft hin und wieder Bekannte, ehemalige Liebschaften oder Studienkollegen und überlegt dabei, wem er begegnen möchte und wem lieber nicht. Er hadert mit der „Merkwürdigkeit des Lebens“ und der Tatsache, dass er niemals jemandem eine „Genehmigung“ dafür erteilt hat, sein Leben als solches existieren zu lassen. Unter die genaue Betrachtung seiner Umwelt mischen sich die Angst vor dem Verrücktwerden, das Hinwegkommen über das Verlassen werden und die Angst vor dem existenziellen Scheitern. Als Tester für Luxusschuhe scheint er der Verantwortung gedankenverloren davonzulaufen, sein Tun fortwährend reflektierend. Er lernt Frauen kennen, berichtet von den Intermezzi, gibt sich Gefühlen wie Neid, Schuld und Scham hin und schafft es dabei, dem Leser durch seine ungewöhnlichen, manchmal skurril anmutenden Gedanken ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.
Für jeden, der Lust hat, sich auf Gedankenspiele, ausgefeilte Sprache und eine langsam in Budapestern dahin spazierende Handlung einzulassen, eine unbedingte Leseempfehlung.

Wilhelm Genazino, Ein Regenschirm für diesen Tag, Dtv 2003, 176 S., 7,90€.

IV. Platon oder Die philosophische Liebe

Kopf des Platon, römische Kopie. Das Original war bald nach dem Tod (348 v. Chr.) in der Akademie aufgestellt worden., Künstler: Silanion

In seinem Kapitel über Platon (ca. 428-348 v.Chr.) geht Weischedel besonders auf den durch dessen Ansichten geprägten Begriff der „platonischen Liebe“, einer Liebe, welche nicht auf Begehren, sondern auf seelischer Zuneigung und Respekt vor dem anderen gründet, ein. Was sich so wohlwollend gegenüber Menschen beiderlei Geschlechts anhört, schränkt Platon selbst wieder durch seine  misogyne Sicht ein. In seinem Denken war das Weibliche ein Fluch, der dem Männlichen auferlegt worden war; die Ehe diente nur der Zeugung und Aufzucht von möglichst wohlgeratenen Kindern und sollte keine private Sache, sondern Angelegenheit des Staates sein. Nach Platons Vorstellung sollte die Frau in den Besitz des Mannes übergehen, nachdem dieser sich das Recht zu heiraten durch kriegerische Leistungen erworben hatte.
Der Begriff „platonische Liebe“ ist einer Begebenheit aus Platons Werk Symposion, aus welchem sich auch ein großer Teil unseres Wissens über Sokrates speist, entnommen: Der junge Alkibiades berichtet von seinen Annäherungsversuchen, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass sein Lehrer Sokrates eine Schwäche für schöne Jünglinge haben solle (was im Griechenland dieser Zeit schon fast zum guten Ton gehörte). Sokrates bedeutet Alkidiades jedoch, dass er eine innere Schönheit in ihm sehe, die sehr viel mehr wert sei, als sein jugendliches Äußeres.
Den Weg von der sinnlichen zur philosophischen (platonischen) Liebe beschreibt Platon im Symposion, indem er Sokrates berichten lässt, was er als Geheimnis von Diotima, einer Seherin, erfahren habe: Die sinnliche Liebe sei die Sehnsucht nach dem Schönen; wer aber nach Schönem strebe, der trachte von Natur aus danach, es ewig besitzen zu wollen, d.h. er trachtet nach Unsterblichkeit und zeugt Kinder, um durch diese unsterblich zu werden. Der Junge wendet sich also äußerer Schönheit zu und liebt einen einzigen Menschen. Dann bemerkt er die Schönheit eines anderen und erkennt, dass diese der seines Geliebten ähnlich und verwandt ist. Er kommt zu der Erkenntnis, dass alle Schönheit gleich ist und liebt, aus dieser Schlussfolgerung heraus, nun alle Menschen und nicht nur einen einzigen. Er beginnt, die Schönheit der Seele für wichtiger zu halten als die Schönheit des Körpers und gelangt schließlich zu der Erkenntnis, was das Wesen des Schönen in Wahrheit ist.
Teil der platonischen Liebe ist damit nicht allein das Zurückdrängen der Lust, sondern auch die Erkenntnis, was das Wesen der Schönheit selbst ist. Dieser Gedanke ist wiederrum eng verbunden mit Platons Ideenlehre.

Die Ideenlehre
Inspiriert von der Enttäuschung über die Politik seiner Zeit, und der Ungerechtigkeit der Hinrichtung Sokrates´ schlussfolgert Platon: Wenn der Mensch im Staat zugrunde geht, stimmt etwas mit dem Staat selbst nicht. Die Lösung liege in der radikalen Besinnung auf sein Fundament, d.h. auf Gerechtigkeit. So gelangt Platon bei der Frage nach richtigem Verhalten zu dem Schluss, dass jeder Mensch wisse, was es mit den Tugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit, Frömmigkeit und Weisheit auf sich habe, da er in seiner Seele die Urbilder dieser Tugenden trage, welche seine Handlungen bestimmen können und sollen.
Weiter führt er aus, dass der Zusammenhang zwischen Realität und Urbild bei allen Dingen bestehe: So kann der Mensch den Baum als Baum erkennen, weil der bereits in seinem Innern weiß, was ein Baum ist.

„Die Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit wird allein dadurch möglich, dass der  Mensch in seiner Seele Urbilder des Seienden besitzt.“  S.46

Alles strebe danach, im Dasein seine Idee zu verwirklichen, der Baum also danach, möglichst Baum zu sein und der Mensch, möglichst Mensch. Damit ist die Welt ein Ort des stetigen Dranges zur Vollkommenheit und die Dinge bloße Abbilder der Ideen, welche sie wirklich sind. Die Ideen sind im Gegensatz zu den Dingen der Welt ewig und unvergänglich.
Daraus ergibt sich die Frage, woher der Mensch die Urbilder in seiner Seele erhalten hat? Platon meint, er könne sie nicht durch Erfahrung während seiner zeitlichen Existenz erworben haben (um einen Baum zu erkennen, muss man wissen, was ein Baum ist). Das Erkennen der Dinge sei lediglich ein Wiedererkennen, denn dem Menschen sei das Wissen um die Urbilder bereits vor  seiner zeitlichen Existenz zugekommen, in einem Dasein vor seiner Geburt. Platon spricht sich also für eine Präexistenz der Seele und ihre Unsterblichkeit aus. Seine Vorstellung vom Dasein vor der zeitlichen Existenz beschreibt er in seinem Werk Phaidros: Die Seelen fahren zusammen mit den Göttern durch den Himmel, wo sie dann die Urbilder erblicken. Die Sehnsucht nach diesem Erlebnis begleite den Menschen sein ganzes Leben lang und bilde den Antrieb, sich von allem Sinnlichen zu befreien. Dies sei auch Philosophie: Die Anstrengung des Menschen, schon im irdischen Leben wieder das Wahrhaftige zu sehen.

III. Sokrates oder Das Ärgernis des Fragens

Ganz im Gegensatz zu der herausragenden Bedeutung, die Sokrates auch heute noch hat, ist Weischedels Kapitel sehr knapp gehalten- was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Sokrates keine Theorie ausgearbeitet, oder schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen hat. So haben ihm hauptsächlich seine glühenden Anhänger auf das Podest eines Philosophen von Weltrang gehoben.

Der Philosoph
Zu Beginn dieses Kapitels charakterisiert Weischedel den bekannten Philosophen über seine –fast ebenso bekannte- Frau Xanthippe, die ihn durch ihre unangenehme Art erst hinaus auf die Straße und damit ins philosophische Gespräch gebracht und so bedeutenden Anteil an seiner heutigen Größe habe. Sie soll sich über die Bedürfnislosigkeit ihres Mannes geärgert haben, der, barfuß durch die Straßen laufend, das Gespräch mit reichen Aristokraten ebenso wie mit Eseltreibern suchte.
Sokrates wurde  469 v.Chr. in Athen geboren und starb ebenda 399 v.Chr. durch den Schierlingsbecher. Als Soldat nahm er an diversen Feldzügen teil, als Philosoph versammelte er eine Schar und Schülern um sich, zu der auch Alkibiades und Platon gehörten.

Die Theorie
Da Sokrates keinerlei Schriften hinterließ, stützt man sich auf Aufzeichnungen seiner Schüler, die „sokratische Dialoge“ verfassten. Daher kann man in Sokrates´ Fall weniger von „Theorie“ als vielmehr von „Technik“ sprechen.

Sokrates führte den Menschen durch  geschicktes Fragen ihre eigene Unwissenheit vor Augen; glaubten sie etwas von Geld, Staat oder Frömmigkeit zu verstehen, so stieß er sie mit dem Kopf darauf, dass ihnen echtes Verständnis abgehe und brachte sie wie von selbst dazu, über ihr bisheriges Leben vor sich selbst Rechenschaft abzulegen.
Sein Ziel war es, die Menschen durch seine Fragen zum Nachdenken zu bewegen- darüber, wie sie sich verhalten müssten, um „wahrhaft“ Mensch zu sein. Er erkannte als einer der ersten die bevorstehende Krise des Staates und der griechischen Gesellschaft und hatte, trotz seines ungewöhnlichen Lebenswandels, leidenschaftliche Schüler, wie zum Beispiel Alkibiades, der zusammenfasste, dass ihn an seinem Lehrer gerade die Schonungslosigkeit, mit der er Menschen auf ihr Unwissen stoße, fasziniere.
Dabei gesteht Sokrates ausdrücklich, dass er selbst keinerlei Antworten auf die Fragen nach Wahrheit und rechtschaffenem Handeln habe und dass sein einziger Vorsprung vor seinem Gesprächspartner eben sei, dass er sich diese Unwissenheit bewusst gemacht habe. So kommt man auch zu der paraphrasierten Aussage Sokrates´:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Die Athener hingegen sahen den spazierenden Philosophen kritisch, denn sie ließen sich nicht gern ihr eigene Unwissenheit vor Augen führen- zumal von einem, der zugab, selbst keine Antworten zu haben. Indem er Sichergeglaubtes infrage stellt, gefährde er die sowieso schon gefährdete Religion, sowie das Staatswesen. Dass er auch noch eine Schar von jugendlichen Anhängern um sich sammelt, machte die Sache nicht besser. Er wird schließlich der Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt.
Als sein Prozess ansteht, entschuldigt sich Sokrates nicht etwa und bittet um Gnade, sondern fordert Dankbarkeit für seinen Dienst an der Stadt Athen und gibt an, im Namen Apollons zu handeln. Er wird schließlich zum Tode verurteilt und die Gewissheit, das Richtige zu tun, lässt ihn sein Urteil annehmen.
Diese Gewissheit sei die wahre Entdeckung Sokrates´, meint Weischedel: Die Entdeckung, dass sich der Mensch im Grunde seines Herzens dazu verpflichtet fühle, Richtiges zu tun.