Han Kang: Menschenwerk (2014/2017)

Kang_MenschenwerkHan Kang wurde dem breiten deutschsprachigen Publikum durch die Übersetzung ihres Romans „Die Vegetarierin“ bekannt. Ihr neues Buch „Menschenwerk“ erzählt die Geschichte des Gwangju-Massakers, der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Südkorea der 1980er Jahre in solch einer außergewöhnlichen Klarheit, dass es dem Leser fast körperliche Schmerzen bereitet. Ein Plädoyer für Humanismus und die Abkehr von Gewalt.

Die im südwestlichen Südkorea gelegene Millionenstadt Gwangju erfährt schlagartig landesweite Berühmtheit: Im Mai 1980 demonstrieren zunächst Studenten, bald schon große Teile der Bevölkerung gegen die herrschende Militärdiktatur und das verhängte Kriegsrecht unter Chun Doo-hwan, der sich 1979 an die Macht geputscht hat. Die Demonstrationen werden vom Militär mit äußerster Härte niedergeschlagen; unbewaffnete Zivilisten werden erschossen, verletzte Teilnehmer in Krankenhäusern hingerichtet. Folter und Schikanen im Nachgang des Aufstandes sind an der Tagesordnung und noch Jahrzehnte später leiden die beteiligten Zivilisten unter der unaussprechlichen Gewalt, die an ihnen verübt wurde. Weiterlesen

Sun Tsu: Die Kunst des Krieges (5. Jhdt. v. Chr.)

Sun Tsu

Auf Sun Tsus „Die Kunst des Krieges“, das als ältestes Werk zur strategischen Kriegsführung gilt, bin ich zum ersten Mal im Politikunterricht aufmerksam geworden. Das Werk wurde in einem Atemzug mit Clausewitz‘ „Vom Kriege“ genannt, in das ich dann auch kurz reingelesen habe. Der Eindruck, der dabei entstand ist, dass Sun Tsus Werk einen ganzheitlicheren, philosophischen Ansatz verfolgt. Aus diesem Grund kommt es wohl in den letzten Jahren auch vermehrt im Managementbereich zum Einsatz; Schulungen auf verschiedensten Gebieten werden laut Internetanzeigen in Anlehnung an Sun Tsu durchgeführt. Ohne vertieftes (oder überhaupt) Wissen auf dem Gebiet der Kriegsführung habe ich Sun Tsu dann auch nur zur Hand genommen, um mir einmal selbst einen Eindruck von seinen dreizehn Kapiteln zu verschaffen. Darüber hinaus kann man sich bestimmt noch trefflich über historischen Kontext und Aktualität hinsichtlich der militärischen Seite der Ratschläge streiten.

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Matthias Oden: Junktown (2017)

Oden_JunktownKommen wir gleich zur Sache: Junktown ist ein verkommenes Drecksloch. In einer dystopischen Zukunft ist der Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht und wird von der Einheitspartei genauestens überwacht. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Zuchtreihen mit unterschiedlicher Genqualität zusammen; die Straßen sind leer, denn alle liegen sediert zu Hause rum. Als dann eine Brutmutter, eine riesige Gebärmaschine mit mehreren hundert Föten, umgebracht wird, nimmt sich der Ermittler Solomon Cain des Falles an. Seit sich seine Frau aus Liebe zur Partei den Goldenen Schuss gesetzt hat, kämpft er mit seinen Dämonen – und als seine Ermittlungen voranschreiten bald auch mit dem Staatsapparat.   Weiterlesen

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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Kleffner, Meisner (Hg.): Unter Sachsen (2017)

Unter Sachsen_VS-Cover_final.inddWer sich den Nachrichten nicht völlig versperrt, hört immer wieder von rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten, häufig in Ostdeutschland und besonders häufig in Sachsen. Aber warum gerade hier? Warum scheinen die Sachsen so anfällig zu sein für fremdenfeindliche Parolen und rechtes Gedankengut? Diesen Fragen geht das sehr wichtige Buch „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“ nach.

In einem Wechsel zwischen literarischen Texten, politischen Analysen und Interviews berichten bekannte und weniger bekannte Autoren, Journalisten und Kunstschaffende über verschiedene Aspekte rechtsextremer Gewalt in Sachsen. Da geht es um den Kleinstkosmos sächsischer Dörfer, in die sich zwar seit Jahren kein Ausländer verirrt hat, die aber wie selbstverständlich von dem örtlichen kriminell-rechtsextremen Vandalen terrorisiert werden. Wer nicht in die Schusslinie geraten will, hält besser den Mund. Neben den „offensichtlichen Zielscheiben“ wie Flüchtenden oder Deutschen mit Migrationshintergrund sind nämlich oftmals auch Helfer, gesellschaftlich engagierte Bewohner, die Willkommensinitiativen oder Gesprächskreise starten, von blankem Hass bis hin zu offenen Morddrohungen vom Nachbarn drei Häuser weiter betroffen. Längere Texte werden in „Unter Sachsen“ von kurzen „Zwischenrufen“, persönlichen Eindrücken von Politikern, lokalen Künstlern und Betroffenen abgelöst, die Erfahrungen mit Rechtsextremismus sächsischer Spielart konzentriert wiedergeben.

Durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Autoren – mal sachlich-nüchtern, mal sehr persönlich – zeichnet „Unter Sachsen“ ein umfassendes Bild davon, wie das menschliche Miteinander in Stadt und Land unter der weiten Streuung rechtsextremen Gedankengutes leidet. Pauschal kritisiert werden „die Sachsen“ nicht; vielmehr sind die vielen vorgestellten Initiativen für Toleranz und respektvollen Umgang bemerkens- und begrüßenswert. Absolut deutlich wird dabei aber auch, dass diese ohne eine nachdrückliche Unterstützung aus Politik und einer mutigen Presse, die nicht zögert, Rechtsextremismus beim Namen zu nennen, nicht funktionieren können. Daher sparen viele der Autoren auch nicht mit Kritik an langjährig CDU-dominierter Regierung, an Polizeibehörden und schleppend laufenden Justizverfahren.

Meine Sorge, in diesem Buch mit lauter linker Rhetorik und damit einhergehenden Kampfbegriffen konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Sicher, viele der Beiträge sind streitbar, einige in ihrer Kritik zu tendenziös. Aber genau dadurch setzt beim Leser ein Denkprozess, eine eigene Meinungsbildung ein, die dazu anregt, am Rande des Bewusstseins vorbeiflatternde Nachrichtenfetzen in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit wahrzunehmen. „Unter Sachsen“ stößt gekonnt in eine Lücke, die jüngere gesellschaftliche Entwicklungen aufgetan haben und kommt daher genau zum richtigen Zeitpunkt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.), Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Ch. Links Verlag 2017, 312 S., 18€, ISBN: 978-3-86153-937-7.

 

Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Deutschland als Mittelpunkt litauischer Literatur? Die Zeit von 1945 bis 1949.

„Es heißt, dass von den insgesamt etwa 100.000 aus ihrer Heimat geflohenen Litauern etwa 58.000 Personen in DP [Displaced Persons] Camps auf deutschem Boden gelebt haben. Unter ihnen befand sich der größte Teil der politischen und kulturellen Elite des Landes, die den Krieg überlebt hatten und den sowjetischen Massendeportation entgangen waren. Da ab 1944 in Litauen selbst eine grausame stalinistische Sowjetisierung im Gange war, kann gesagt werden, dass etwa von 1945 bis 1949 Westdeutschland Standort und Schauplatz der litauischen Kultur (und also auch der litauischen Literatur) gewesen ist.“[1]

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Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

 

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben des Autors stechen sofort ins Auge und auch sein Dichtertum merkt man der Erzählweise an: Seitenlange Assoziationsketten, die sich Bildern aus der baltischen, römischen oder griechischen Mythologie bedienen; dann historische und politische Andeutungen, die ohne die hilfreichen Anmerkungen des Verlages gar nicht zu verstehen wären. Orte, Plätze, Zeiten – alles verschwimmt und schon bald fühlt man sich ebenso gehetzt wie der Protagonist des Romans. Das schien auch der Autor gesehen zu haben, denn fast lacht man erleichtert auf, als er eine andere Figur das Werk seines Protagonisten kritisieren lässt: „Du jonglierst nur mit Bildern. Ohne Sinn.“ (S. 203)
Dann lässt Škėma Antanas Garšva etwas Luft holen; in fein formulierten Rückblicken entblättert er nach und nach die litauische Geschichte. Vom Krieg gegen Polen, der Unzugänglichkeit der Hauptstadt Vilnius, der deutschen und sowjetischen Besatzung, dem Widerstand, von Flucht und Vertreibung erzählt Škėma und geht dabei nicht über den Horizont seines Protagonisten hinaus. Diese Rückblicke sind viel lesbarer, verständlicher. Sind mehr Prosa als Lyrik.

Es heißt, Das weiße Leintuch habe auch heute noch großen Einfluss auf die litauische Literatur. Das ist ohne Weiteres vorstellbar, denn hier wird thematisch so viel angerissen; eine Quelle, aus der jüngere Autoren jahrzehntelang schöpfen können. Dazu legt Antanas Škėma hier auf mehr als 250 Seiten seinen facettenreichen Stil nieder. Da lässt sich abschauen, kopieren, vielleicht auch kritisieren und ausbauen. Und für den Leser, der mit hilfreichen Anmerkungen und Biografien im Anhang erstmals in die litauische Literatur eintaucht, eröffnet sich eine ganz neue Welt, die geprägt ist von Ost und West, so europäisch und dabei doch so fremd.

Antanas Škėma, Das weiße Leintuch (OT: Balta drobulė, 1958, aus dem Litauischen von Claudia Sinnig), Guggolz 2017, 255 S., 21€, ISBN 978-3-945370-10-0.

 

Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

georg_buchnerLeonce und Lena habe ich hauptsächlich zur Hand genommen, weil mir Büchner mit „Woyzeck“ sehr gefallen hat. Von dieser Mischung aus Komödie und politischer Satire war ich aber enttäuscht.

Zum Inhalt: Der gelangweilte und deshalb auch melancholische Anwärter auf den Königsthron Leonce flieht mit seinem launigen Diener und Freund Valerio vor einer arrangierten Heirat mit Prinzessin Lena. Lena befindet sich mit ihrer Gouvernante ebenso und aus dem gleichen Grund auf der Flucht. Die beiden treffen in einem Wirtshaus aufeinander und verlieben sich. Weiterlesen