Harper Lee: Wer die Nachtigall stört (1960)

mockingbird.jpgDie Kleinstadt Maycomb, Alabama liegt in den 1930er Jahren fernab allen Übels, nur eine Zugstrecke verbindet sie mit dem Rest des Landes. Die Depression schlägt zwar auch hier zu, doch die neunjährige Scout verlebt mit Bruder Jem, Vater Atticus und ihrer mütterlichen Haushälterin Calpurnia eine glückliche Kindheit. Die schwarzen Einwohner des Ortes sind aus der Sklaverei entlassen worden, leben jedoch in ärmlichen Verhältnissen, sind Analphabeten und arbeiten immer noch unter Aufsicht der weißen Farmer. Man bleibt unter sich. Als Atticus vor Gericht einen schwarzen Arbeiter und mutmaßlichen Vergewaltiger einer weißen Frau verteidigt, offenbaren sich die Risse, die tief durch das idyllische Maycomb und den ganzen Süden der USA gehen.

Durch die Augen und Scout und Jem erfährt man nach und nach mit kindlicher Unschuld von dem Unrecht, das für die schwarze Bevölkerung allgegenwärtig ist. Diese wird nicht als einheitliche Masse beschrieben; mit Calpurnia, dem Pfarrer und Calpurnias Sohn greift Lee einige Figuren heraus, die einen kleinen Einblick in das Leben der Gemeinde geben.
Die vermeintlichen weißen Opfer entpuppen sich schnell als Lügner, die ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus ziehen, in aller Armut und Erbärmlichkeit eben weiß und nicht schwarz zu sein – heute würde sie man wohl als „White Trash“ bezeichnen. Das Wissen um die Lüge hindert die Bewohner Maycombs allerdings nicht daran, Atticus und seine Familie zu bedrohen und als lynchender Mob durch die Straßen zu ziehen. Weiterlesen