Auf diese Sachbücher freue ich mich im Frühjahr/Sommer 2018

2018 wird hoffentlich ein gutes Jahr für den Sachbuchmarkt, denn es stehen einige Ereignisse an, die auf interessante Literatur hoffen lassen: Vor 400 Jahren begann mit dem Zweiten Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und der auch ein Religionskrieg war. Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik ausgerufen ein–  vorerst leider nur kurzes – Zwischenspiel in der Demokratiegeschichte Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in Tennessee erschossen und Nelson Mandela würde seinen 100. Geburtstag feiern.

Beim Stöbern in den Verlagsvorschauen habe ich erfreut festgestellt, dass vermehrt Biographien über historische Frauenfiguren publiziert werden und das Tabuthema psychische Erkrankungen auf den Sachbuchmarkt drängt. Auch die weibliche Sexualität ist kein Tabu mehr, es erwartet uns ein Buch zweier norwegischer Medizinerinnen, das auch aufgrund seines prägnanten Titels Aufsehen erregen wird. Daneben habe ich noch einige viel versprechende Bücher aus dem Bereich der Ur- und Frühgeschichte gesehen; auch hier scheint der Humor nicht zu kurz zu kommen. Die Sachbücher im ersten Halbjahr 2018 sind bunt und vielfältig, da ist für jeden etwas dabei.

Georg Schmidt
Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Rüdiger Barth / Hauke Friederichs
Die Totengräber Der letzte Winter der Weimarer Demokratie

Sibylle Lewitscharoff / Najem Wali
Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran

Christopher de Bellaigue
Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft

Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie

Norman M. Naimark
Genozid. Völkermord in der Geschichte

Gary Cox
Jean-Paul Sartre. Existentialismus und Exzess

María Hesse
Frida Kahlo. Eine Biographie

Hermann Kulke/Dietmar Rothermund
Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute

Malachy Tallack (Text) / Katie Scott (Illustrationen)
Von Inseln, die keiner je fand

Stefan Breuer
Wegbereiter des Rassenstaates. Die nordische Bewegung in der Weimarer Republik

Brenna Hassett
Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben

Carolyne Larrington
Fit für Walhalla. Nordische Mythen für Einsteiger

Nina Brochmann / Ellen Støkken Dahl
Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht

Daphne Merkin
Mein fremdes Ich

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Habt ihr schon Sachbücher im Auge? Welche Themen interessieren euch im Jahr 2018; worüber wollt ihr mehr erfahren? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!

 

Stephen A. Smith: Revolution in Russland (2017)

Smith_RusslandIn diesem Jahr jährte sich die Oktoberrevolution in Russland zum hundertsten Mal. Das brachte eine ganze Flut von Sachbuch-Neuerscheinungen mit sich. Das Jahr ist also wie gemacht dafür, endlich einmal mehr über russische Geschichte zu erfahren. Weil mich nicht allein die Revolutionsjahre interessieren, habe ich mich für Stephen A. Smiths Werk entschieden: Es ist eines der wenigen, das auch das größere zeitliche Umfeld mit in den Blick nimmt. Weiterlesen

Lion Feuchtwanger: Jud Süß (1925)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts erkennt einer die Begabung des jungen und politisch unbedeutenden Feldherrn Karl Alexander schnell: Joseph Süß Oppenheimer, der sich bereitwillig als Finanzmann in die Dienste des jungen Adligen stellt. Als dieser dann tatsächlich Herzog von Württemberg und einer der mächtigsten Männer zwischen Preußen und Wien wird, erlebt auch „Jud Süß“, wie Oppenheimer gemeinhin genannt wird, einen kometenhaften Aufstieg. Als einer der reichsten Männer des Reiches residiert er in Prunk, sammelt Frauenbekanntschaften und Edelsteine; er hält alle Fäden in der Hand. Ein Geheimnis verbirgt der bedeutendste Mann des Reiches jedoch lange vor der Hofgesellschaft: Seine uneheliche Tochter, die fernab der restlichen Welt mit seinem Onkel, einem geheimnisumwitterten Kabbalisten, tief im jüdischen Glauben verwurzelt heranwächst. Oppenheimer liebt sie über alles und als sie sich vor dem zudringlichen Herzog in den Tod flüchtet, plant der Finanzminister sorgsam seine Rache.

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Lesung mit Deborah Feldman: Eine Liebeserklärung an Berlin

Das Babylon war nicht genug – im vollbesetzten Veranstaltungskino las Deborah Feldman gestern aus ihrem kürzlich erschienenen Werk „Überbitten“ und antwortete entwaffnend persönlich auf Publikumsfragen.

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Was als Podiumsgespräch zwischen FAZ.net-Literaturchef Andreas Platthaus und der 1986 geborenen Autorin Deborah Feldman in nahezu perfektem Deutsch begann, entwickelte sich schnell zu einem interessanten Wechselspiel aus Publikumsfragen und deren nachdenklicher Beantwortung. Dem an sich schon wohlwollend gestimmten Saal wurde ganz warm ums Herz, als Feldman über ihre Ankunft in Berlin berichtete. Schmunzeln und verständiges Kopfnicken folgten der Bemerkung, dass sie sich in der Hauptstadt sehr wohl fühle, denn dort fänden auch die „ganz ganz Seltsamen“ ihren Platz. – Wer einmal hier U-Bahn gefahren ist, wird das definitiv bestätigen.

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Die sehr persönlichen Fragen etwa nach dem Umgang mit ihrem elfjährigen Sohn, ihrer Einstellung zum Glauben und Familienkontakt nach New York beantwortete Feldman mit großem Ernst und mit einer Selbstreflexion, die mich als Zuhörerin baff zurückließ. Besonders emotional und im Publikum mucksmäuschenstill wurde es, als die Autorin beschrieb, wie sie mehrmals versuchte, Kontakt zu ihrer Großmutter in einem Hospiz aufzunehmen und immer wieder von der Einrichtungsleitung oder Verwandten vertrieben wurde. Die lächelnde, selbstironische Frau vor meinen Augen und ihre manchmal traurige Geschichte zusammenzubringen, war nicht leicht.

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Die Lesung mit Deborah Feldman war emotional, inspirierend und sehr beeindruckend. Wer jetzt Interesse hat, sollte nicht allzu lange zögern, denn die Termine für eine Lesereise stehen bereits.

 

 

Deborah Feldman: Überbitten (2017)

cover_350x240Heute erscheint „Überbitten“, das dritte Buch der Wahlberlinerin Deborah Feldman. In ihrem Roman verarbeitet sie die Zeit nach dem Ausstieg aus einer isolierten jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York und beschreibt Ängste, Reisen und Freundschaften, die ihr Ankommen in der neuen Welt begleiten.

Sieben Jahre sind es, die sie nach ihrem Ausbruch schildert. Sieben Jahre, das letzte nach jüdischer Tradition das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen und Sklaven befreit werden. Eng sind der Aufbau dieses Buches und Feldmans Herkunft verwoben und bis zum Überbitten – etwa dem Verzeihen aus dem eigenen Glauben heraus, vielleicht sogar der Vernunft zuwider – ist es ein langer Weg, der die Autorin von Manhattan und dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn ins Europa ihrer Großeltern bis schließlich ins heutige Berlin führt.
Jedes einzelne Jahr nach dem Neuanfang ist anders: Während das erste noch von existenzieller Not geprägt ist, stellt sich mit der Zeit der schriftstellerische Erfolg ein, als „Unorthodox“ überraschend einschlägt und die Bestsellerliste der New York Times erklimmt. Die Sorge um Nahrung und Kleidung verschwindet, Feldman kann der Stadt nach Neuengland entfliehen, doch beim Ringen um die eigene Identität hilft Geld nur wenig. Die Autorin reist, viele Reisen führen sie nach Europa, wo sie die Wurzeln ihrer Großeltern weiß und doch nur tote, nach dem Holocaust auf ewig verbrannte Erde vermutet. Oft wird sie überrascht, manchmal bestätigt. Ihre Bekanntschaften zeigen: der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist für viele Europäer immer noch schwierig. Was sagen, was fragen, wie reagieren?

Während „Unorthodox“ der Literaturwelt unvergleichlich tiefe Einblicke in die abgeschlossene Welt des Chassidismus gab, gibt uns Feldman diesmal etwas noch Persönlicheres: Einblicke in die schwierige Suche nach der eigenen Identität, die in der Kindheit unter den Kollektiverfahrungen eines ganzen Volkes begraben wurde. Wer glaubt die traumatische Wirkung des Holocaust sterbe mit seinen letzten Überlebenden, wird hier eines Besseren belehrt. Es sind  auch die Nachkommen der zweiten Generation, die sich mit den Traumata ihrer Vorfahren auseinandersetzen müssen und in einigen Fällen immer noch um einen Umgang mit den Nachkommen der Täter ringen.

Siebenhundert Seiten stark ist „Überbitten“ geworden. Man merkt dem Werk an, dass Feldman sich hier eine Menge von der Seele schreiben musste. Wie sie es wollte gibt sie ihrem ganzen Leben unverkennbar eine erzählerische Struktur und vermeidet Wiederholungen, sodass man diesem besonderen Lebensweg Seite um Seite in gespannter Erwartung folgt. Ihr erstes Werk „Unorthodox“ sollte man zuvor gelesen haben, dann kann man sich gut vorbereitet auf dieses fesselnde und sehr persönliche Werk einlassen.

Deborah Feldman, Überbitten. Autobiographische Erzählung, aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag 2017, 704 S., 28 €, ISBN 978-3-906910-00-0

Hier gibt es ein Interview mit der Autorin zum Buch. Wenn ihr auch eine Rezension zum Buch verfasst habt, verlinkt euch gern in den Kommentaren!

Ergänzung: Bei Lobe den Tag wird auch über Überbitten geschrieben.

Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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VII. Anselm oder Der bewiesene Gott

Dem Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (auch von Aosta, nach seinem Geburtsort oder von Bec, nach dem Ort seines Wirkungsbeginns), ca. 1033–1109 n. Chr., widmet Wilhelm Weischedel nur einen kurzen Abschnitt. Dies verwundert, denn häufig ist zu lesen, dass Anselms Argumente zu den meist zitierten in der Philosophie gehören und sich u. a. Thomas von Aquin, Descartes und Kant an ihnen abgearbeitet haben. Er gilt als „Vater der Scholastik“, jener im Mittelalter häufig verwendeten Beweismethode, die wissenschaftliche – meist theologische – Fragen durch theoretische Erwägungen, ein Für und Wider der Argumente und deren Überprüfung, klären will.

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Bildnis Anselms aus dem späten 16. Jhdt., unbekannter Künstler

Nachdem Anselm als Adelssohn gegen den Willen seiner Familie in ein Kloster eingetreten war, stieg er in dessen Hierarchie schnell auf. Die Weihe zum Bischof von Canterbury erhielt er dann, wie überliefert ist, wohl letztlich gegen seinen Willen, auch, so mutmaßt Weischedel, um von den politischen Querelen jener Zeit verschont zu werden. Es tobte nämlich gerade der Investiturstreit, der Streit um die Frage, ob weltliche Herrscher berechtigt seien, geistliche Ämter in ihrem Sinne zu besetzen.

Anselm von Canterbury ist besonders bekannt für seinen Gottesbeweis, in welchem er der Vernunft, anders noch als sein geistiger Vorgänger Augustinus, einen hohen Stellenwert einräumt. Der Erzbischof leitet eine Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft her, indem er sagt, keine von beiden genüge für sich allein, um die Wahrheit zu erkennen. Er argumentiert, dass tiefe Einsicht nur aus dem Glauben heraus erwachsen könne („Ich glaube, damit ich einsehe“), weil der Glaube als Liebe zu gut dazu führe, Gott erkennen zu wollen. Da Gott sowohl als Schöpfer der Vernunft wie auch des Glaubens ist, gebe es keinen Widerspruch zwischen den beiden. Folglich könne man auch auf die Vernunft vertrauen, um Gott erkennen zu wollen.

Sein vernünftiger Gottesbeweis sieht so aus: Gott muss als das absolut Größte verstanden werden. Wenn wir uns also Gott vorstellen, dann muss es Gott auch geben, da größer als die reine Vorstellung nur die Vorstellung und das Sein ist.

Dieser Gedankengang wird in den folgenden Jahrhunderten häufig aufgenommen, abgelehnt, vor allem aber diskutiert. Auch ein Mönch äußerte Kritik an Anselms Beweisführung, wie Weischedel erzählt: Wenn man auf diese Art Gott beweisen könne, dann müsste ja auch eine perfekte Insel, die man sich vorstellt in der Wirklichkeit existieren, denn auch sie sei ja nur vollkommen, wenn sie tatsächlich existiere. Überliefert ist eine anschließende Klosterhaft jenes Mönches.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 86–89.

VIII. Augustinus oder Die Dienlichkeit der Sünde

Mit Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) beginnt Weischedel seine Betrachtungen über christliche Philosophen. Augustinus spielt dabei eine besondere Rolle, denn durch seine Ansichten und sein Denken wird der Unterschied zu seinen antiken griechischen und römischen Vorgängern besonders deutlich.

In seiner Jugend sei Augustinus ein ziemlicher Herumtreiber gewesen, so Weischedel. Seine vielen Liebschaften und seinen großen Ehrgeiz, sich in der Rhetorik-Ausbildung ganz besonders hervorzutun, bereut Augustinus jedoch kurz nachdem er sich im Alter von 33 Jahren taufen lässt. Fortan zieht sich der weltgewandte Mann zurück und gründet ein Laienkloster. Später wird er Bischof von Hippo, einer antiken Küstenstadt im heutigen Algerien.

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Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen