Rainer Wieland: Das Buch des Reisens

wieland-rainerDieser Schatz von einem Buch enthält 69 Reiseberichte aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte. In dem ausführlichen Vorwort wird erklärt, dass nur Berichte aufgenommen wurden, von denen man annimmt, dass sie Reisen beschreiben, die tatsächlich stattgefunden haben. Die Berichte wurden dann meist von Teilnehmern der Reise selbst verfasst. Dadurch, dass man den Autor als Reisenden betrachtet, eröffnet sich ein ganz neuer Blickwinkel. Weiterlesen

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Clark - SchlafwandlerAls Clarks Sachbuch zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs punktgenau 2014, 100 Jahre nach Kriegsausbruch, erschien, hagelte es Lob und Kritik gleichermaßen.

Bemerkenswert war zuerst einmal, dass sich ein australischer Historiker daran machte, ein neues Standardwerk zum Ersten Weltkrieg zu verfassen. Clark wartet mit einer nuancierten Bewertung der Kriegsschuldfrage auf und hielt sich mit einem historischen Sachbuch wochenlang auf Platz Eins der Bestsellerlisten [1]. Die Kritiker, unter ihnen auch zahlreiche Buchblogger, bemängelten nicht etwa die durchaus vorhandene Genauigkeit und die Materialauswahl (eine schier unüberschaubare Fülle), sondern waren häufig schlicht anderer Meinung als der Autor. Besonders aus Clarks Gewichtung der Ereignisse, aus der Rolle, die er ihnen für den Kriegsausbruch beimaß, speiste sich die Kritik. Daran kann und möchte ich mir an dieser Stelle gar nicht beteiligen, denn mir fehlt schlicht die Historiker-Ausbildung, die mir erlauben würde, eine eigenständige Bewertung der von Clark verwendeten Dokumente vorzunehmen. Schon aus Problemen der Zugänglichkeit heraus, ist es wohl leichter, vergleichbar umfangreiche Werke zum gleichen Thema zu lesen, um hier bewusst mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden. Dass Clark seine Meinung auf Grundlage der von ihm ausgewerteten Dokumente kundtut, ist als Historiker nun einmal seine Aufgabe.

Für mich war die Lektüre seines Werkes „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ bereichernd. Beim Lesen spürte man eine gewisse Distanz des Autors zu den Ereignissen, die vielleicht aus seiner Rolle als australischer Historiker, der sich nicht um die gerade vorherrschenden Strömungen und gewissermaßen die „Befindlichkeiten“ der europäischen und nationalen Geschichtswissenschaften kümmern muss, herrührt. Besonders beeindruckt hat mich der ausführliche und tiefgehende Einblick in die serbische Geschichte. Clark gesteht Serbien eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Kriegsausbruch zu und schildert detailverliebt die Ansichten verschiedener Nationalisten und die Planung des Attentats auf Franz Ferdinand. Für mich waren diese Feinheiten neu und lesenswert; in Serbien selbst hingegen, sorgte die komprimierte und nicht immer schmeichelhafte Darstellung der Landesgeschichte – schmeichelhaft ist bei Clarks Buch die Darstellung keiner nationalen Geschichte – für Aufregung [2]. Interessant, wie auch noch hundert Jahre später ein Geschichtsbuch die Gemüter erregen kann.

Beeindruckend waren auch die große Anzahl der ausgewerteten Dokumente und die detaillierten Angaben der Fundstellen im Glossar, die es ermöglicht, sich bei Interesse ggf. selbst ein Bild des Sachverhalts zu machen. Clark reiht dabei nicht nur historische Fakten aneinander, auch, wenn der Text insgesamt sehr dicht ist und es sich empfiehlt, die eine oder andere Passage zweimal zu lesen. Der Autor schreibt so unterhaltsam, wie es für ein seriöses Sachbuch über die Vorgeschichte eines Weltkrieges möglich scheint. An einigen Stellen erschien mir persönlich Clarks Schreibstil aber zu locker; unangenehm aufgefallen ist hier besonders die Titulierung des jungen Zar Nikolaus als „Teenager Nicky“.

„Die Schlafwandler“ eröffnet einen weit differenzierteren Blick, als er im Schulunterricht ermöglicht wird. Denn egal, ob man den Thesen des Autors folgt oder nicht, so wird anhand des Buches deutlich, dass es durchaus möglich ist, die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und besonders die Schuldfrage, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Wer also seine Geschichtskenntnisse vertiefen oder auffrischen will, ist mit der Lektüre sehr gut beraten. Um Längen zu vermeiden, ist es auch möglich, bestimmte Kapitel herauszugreifen und sich eingehender mit den Ereignissen eines bestimmten europäischen Landes zu befassen.

Christopher Clark „Die Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“ (OT: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914), Pantheon Verlag 2015, 2. Auflage, 896 S., 19,99€.

[1] http://www.zeit.de/2014/18/erfolg-historische-sachbuecher

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-erster-weltkrieg-geschichtsbuch-treibt-serbiens-elite-um-1.1869422

Seit langer Zeit kann ich wieder einmal die Tipp-Blase anheften, denn die Lektüre der „Schlafwandler“ war ein echter Wissensgewinn.

Tipp-BlaseEuropäische Geschichte des 19./20. Jahrhunderts

Tipp: Stephan Hobe – Einführung in das Völkerrecht

HobeZugegebenermaßen habe ich (bisher) nicht das ganze Werk gelesen. Lediglich die Kapitel über Krieg und Frieden und die Möglichkeiten internationaler Interventionen bzw. Ausnahmen vom Gewaltverbot habe ich mir unter das Kopfkissen gelegt. Doch anhand dieser beiden Kapitel spreche ich meine Empfehlung für Hobes „Einführung in das Völkerrecht“ aus. Sowohl für Politikwissenschaftler als auch für Juristen geschrieben, bedient sich Hobe einer verständlichen Sprache und bereitet die verschiedenen Themenbereiche des Völkerrechts anschaulich auf. So finden sich wichtige Begriffe kursiv gedruckt, Definitionen und Zitate abgesetzt und immer wieder Verweise auf Grundprinzipien und Beispiele aus der Historie. Auch privat eine lesbare und (aus WissensjägerInnen-Sicht) gewinnbringende Lektüre.

Stephan Hobe „Einführung in das Völkerrecht“, 704 S., UTB, 10. Auflage erscheint am 17.09.2014, ca. 30€.

Petra Bock: Mindfuck

MINDFUCKWarum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können. In dem Coaching-Buch „Mindfuck“ lässt der Berliner Coach Petra Bock den Leser an ihrem Berufsalltag teilhaben. Sie hat über Jahre der Betreuung ihrer Klienten sieben Arten der mentalen Selbstsabotage entdeckt, mit denen sich jeder Mensch tagtäglich herumschlägt. Dabei betont sie ausdrücklich, dass dies ihrer Meinung nach allen gesunden Menschen, völlig unabhängig von ihrem beruflichen Erfolg geschehe. Sie identifiziert und benennt die sieben Denkmuster, die sie „Mindfuck“ nennt. So beschreibt sie den „Katastrophen-Mindfuck“, das Denkmuster, immer das schlimmste anzunehmen, und den „Selbstverleugnungs-Mindfuck“, der die Bedürfnisse anderer über die eignen stellt. Bock identifiziert den „Bewertungs-Mindfuck“, weitestgehend deckungsgleich mit Perfektionismus und den „Druckmacher“, die Eigenschaft, sich immer weiter anzutreiben und das Bedürfnis nach Ruhe zu ignorieren. Der „Regel-Mindfuck“ bezeichnet im Sprachgebrauch der Autorin das Denkmuster, sich an alte, überkommene Regeln zu halten und in ihnen Sicherheit zu suchen. Der „Misstrauens-Mindfuck“ bezeichnet bei ihr das Verhalten, sich selbst und allen anderen chronisch zu misstrauen und der „Übermotivations-Mindfuck“ den Zwang, alles Negative von sich zu schieben und auf der Jagd nach positivem Input zu sein.

Bock stellt die These auf, dass die von ihr identifizierten Denkmuster aus der Zeit unserer Großeltern und Urgroßeltern stammen, als gesellschaftliche Hierarchien viel stärker ausgeprägt waren und Obrigkeitshörigkeit eine Strategie war, um ein möglichst ruhiges Leben zu führen. Sie zeigt in Ansätzen Wege auf, mit diesem überholten Denken zu brechen, da es der heutigen Zeit nicht mehr angemessen sei und uns daran hindere, eigene Ziele zu erreichen.

Die Bezeichnungen der von Petra Bock dargestellten Denkmuster und der daraus resultierenden Verhaltensweisen als „Mindfucks“ ist neu, eingängig und klingt cool. Tatsächlich ist es interessant, sich verschiedene Denkmuster einmal vor Augen zu führen und zu prüfen, welche man aus eigener Erfahrung kennt. Wer aber wissenschaftliche fundierte Analysen erwartet, oder gar konkrete Belege für den historischen Ursprung dieser Denkmuster, ist mit Bocks Buch falsch beraten. Es finden sich vielmehr nette, im Plauderton gehaltene Erzählungen von Klienten und ziemlich viele Wiederholungen, die – und hier kommt es vermutlich auf den Leser an – entweder eindringlich wirken, doch endlich was an seinem Leben zu ändern, oder einfach nur ermüden. Besonders störend ist die Entscheidung des Verlags, das Wort „MINDFUCK“ (mittlerweile eingetragene Marke) konsequent in Großbuchstaben zu drucken. Zusammen mit dem Internetauftritt und dem Nachfolgeband, der konkrete Strategie aufzeigen soll, die alten Denkmuster loszuwerden, gerät das Buch in den Verdacht, Teil einer groß angelegten Werbekampagne für das eigene Coaching zu sein.

Petra Bock, Mindfuck. Warum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können, Droemer HC 2011, 256 S., 19,99€.

Marilyn Yalom: Wie die Franzosen die Liebe erfanden

YalomIn ihrem neuen Werk „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ nimmt uns die Historikerin Marilyn Yalom mit auf einen Streifzug durch die französische Literaturgeschichte. Angefangen beim Minnesang erzählt sie von Abaelard und Heloise, dem französischen Pendant zu Romeo und Julia, ritterlichen Liebesschwüren, über die komische Liebe wie sie sich bei Molière findet. Von hemmungslosen Verführern über romantische Schriftstellerinnen, Liebe am Königshof und zu Zeiten der Französischen Revolution bis zur existenzialistischen Liebe Sartres und de Beauvoirs, werden hetero- und homosexuelle Gefühlswelten beleuchtet. Versehen mit Zitaten aus bekannten und weniger bekannten Werken gelangt sie so bis ins 21. Jahrhundert und zeichnet den Weg und Wandel der Liebe über die letzten neunhundert Jahre hinweg nach.

Marilyn Yalom liefert mit „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ einen unterhaltsamen, kurzweiligen, aber auch lehrreichen Gang durch die großen Werke der französischen Literatur und kommt an kaum einem der berühmten Schriftsteller (und Schriftstellerinnen) vorbei, denn über das universelle Thema Liebe, das zu allen Zeiten in all seinen Spielarten immer wieder die wichtigste Rolle in der Literatur einnimmt, hat sich fast jeder von ihnen geäußert. Yalom schreibt über die persönlichen Hintergründe historischer Figuren, das abenteuerliche Leben vieler Könige und ihrer Mätressen, aber ebenso über Frauen, die sich ihren Liebschaften mit so großer Leidenschaft widmeten, dass sie gerade dafür, für ihre anrührenden Briefe und Tagebücher, in Erinnerung geblieben sind. Das alles gespickt mit Zitaten aus den jeweiligen Werken, mit einleitenden Bildern zu jedem der sechszehn Kapitel und eigenen, teilweise Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen, macht Yaloms Werk unterhaltsam, nie langatmig und zu einem Ausflug in die Welt der französischen Literatur. Die detailierten Anmerkungen im Anhang machen Lust darauf, sich mit der französischen Literatur zu beschäftigen. Lediglich im letzten Kapitel entsteht der Eindruck, als erschiene es ihr nicht mehr lohnenswert, sich mit der französischen Literatur der Jetztzeit zu beschäftigen, denn hier beginnt ein wahrer Galopp durch den französischen Film der letzten Jahrzehnte; Namen wie Godard und Truffaut werden hingeworfen, als gelte es, nach so viel Buch auch noch schnell noch etwas Film mitzunehmen.

Yalom ist Feministin, das kommt an einigen Stellen – nicht zuletzt, weil sie es selbst betont – durch und sorgt, entgegen meiner anfänglichen Erwartung, dafür, dass neben den vielen bekannten männlichen Schriftstellern auch viele schreibende Damen ihren Platz in der Geschichte erhalten. Yalom geht dabei immer wieder auf die Rolle der Frau im Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen ein und erläutert ihre Liebschaften so anschaulich, dass der Leser denkt, er sei dabei gewesen und sich an manch einer Stelle wundert, wer da mit wem zusammen war – handelt es sich doch fast durchweg um bekannte Namen. Geradezu aktuell wird Yaloms Werk zum jetzigen Zeitpunkt, zu dem die Presse Interesse am Liebesleben des französischen Präsidenten  Hollande findet, denn die Autorin geht in ihrem Werk darauf ein, wie (außereheliche) Liebschaften in Frankreich Teil der Kultur und auch bei großen Staatsmännern nie eine Seltenheit gewesen seien.
Yalom macht keinen Hehl aus ihren literarischen Lieblingen, betreibt dabei aber zu keinem Zeitpunkt Namedropping, sondern weiß zu jedem Literaten, zu jedem Werk eine Anekdote zu erzählen. Dieser Plauderton ist es, der „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ zu einem gelungenen Spaziergang durch die französische Literatur macht.

Marilyn Yalom, Wie die Franzosen die Liebe erfanden. Neunhundert Jahre Leidenschaft (OT: How the French Invented Love), Ullstein 2013, 443 S., 22,99€ 

Jack Holland: Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses

Misogynie: Die älteste Diskriminierung der Welt- so titelt der Verlag Zweitausendeins über das Werk des Journalisten Jack Holland. In acht Kapiteln berichtet der von der Entstehung der Misogynie, erstmals nachweisbar im alten Griechenland, über ihre Auswüchse im alten Rom und das Paradox von Marienverehrung und Hexenverbrennung im Christentum. Holland beleuchtet auch das verzerrte Frauenbild im viktorianischen Zeitalter und gelangt darüber schließlich bis in unsere Zeit, indem er Pornografie und islamistische Frauenfeinde in die lange Reihe ihrer Vorgänger stellt.
Während er chronologisch vorgeht, bezieht sich Holland auf die frühen Schöpfungs- und Göttermythen und deckt die daraus abgeleitete Realpolitik der Zeit auf, die, von Männern gemacht, darauf abzuzielen schien, die Frau durch abstruse Ehe- und Scheidungsgesetze möglichst klein zu halten. Aber dabei belässt er es nicht, denn er setzt dem Leser auch altbekannte Geschichten wie die der sexbesessenen Messalina vor und analysiert, wie diese Geschichten, die wir heute als bekanntes Kulturgut hinnehmen und ob der großen Dichternamen, die dahinter stehen, kaum hinterfragen, prügelnden Ehemännern in früher Zeit eine sehr willkommene Rechtfertigung boten.

Besonders beeindruckend an Hollands Werk ist die Unnachgiebigkeit, mit der er dem Frauenhass durch die Jahrtausende nachspürt und psychologische Hintergründe beleuchtet. Wie er gleich zu Beginn Position bezieht und beschreibt, dass Männer, denen er von seiner Arbeit erzählte, schmunzelnd davon ausgingen, dass er an einer Rechtfertigung der Misogynie –sofern ihnen dieser Begriff denn geläufig war- aus männlicher Sicht arbeitete, während Frauen gespannte Nachfragen zu seinen Rechercheergebnissen stellten. Sympathiepunkte beim geneigten Leser sammelt er schon im Vorwort seiner Arbeit, wenn er auf die Frage, warum gerade ein Mann ein Buch über Frauenhass schreibt, schlicht antwortet: Weil Männer ihn erfunden haben.
Holland betrachtet die Geschichtsschreibung fast ausschließlich vom Standpunkt der Misogynie aus, was Kritiker „einseitig“ nennen könnten, doch ist Hollands Blickwinkel ein mutiger, völlig neuer, in keinem Geschichtsbuch zu findender. Wenn er Gewalt gegen Frauen- wobei es ihm an schockierenden Beispielen nicht mangelt- in politisch instabilen, an sich schon menschenverachtenden System beschreibt, dann zeigt er mit unvergleichlicher Klarheit auf, dass scheinbar religiös oder politisch motivierte Verbrechen besonders Verbrechen von Männern an Frauen sind; dass sich darin die Täter aller Anschauungen und Überzeugungen gleichen.

Jack Hollands Chronik des Frauenhasses ist gelungen, wichtig und viel zu wenig beachtet. Vor allem aber ist sie absolut lesenswert- für Menschen beiderlei Geschlechts.

Jack Holland „Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses“, Zweitausendeins 2007, 405 S.

  Geschichte des Abendlandes, Religionsgeschichte, Rolle der Frau im Wandel der Zeit

Philosophie über die Hintertreppe

Vor einiger Zeit habe ich mir Wilhelm Weischedels Werk „Die philosophische Hintertreppe- Die großen Philosophen in Alltag und Denken“ zugelegt. Für mich, die ich Philosophie als Hobby betreibe -wenn man das denn so sagen kann- geben die 34 Kapitel von der Antike bis zu Wittgenstein einen guten Ein- und Überblick. In nächster Zeit werde ich hier Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel veröffentlichen, gefüttert mit weiterführenden Informationen. Natürlich gibt es immer jemanden, bestimmt sogar eine Menge Leute, die sich eingehender mit den entsprechenden Philosophen beschäftigt haben, doch ich hoffe, dass die Zusammenfassungen gerade für andere Laien interessant und informativ sind.

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen

-wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.

Dass es Ungerechtigkeit auf der Welt gibt- und das seit jeher- ist allgemein bekannt und wird mit schöner Regelmäßigkeit angeprangert: von den Kirchen, verschiedenen NGOs, Politikern, Schauspielern. Immer wieder, gerade jetzt, da die Weihnachtszeit näher rückt, wird an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung der westlichen Industrieländer appelliert. Im günstigsten Fall weiß sie, welchen Weg ihre Spenden nehmen und in welche Projekte das Geld fließt. Was viel weniger bekannt ist, sind die Hintergründe, die Gründe dafür, warum Spenden überhaupt nötig sind. Warum ist die ,,Dritte Welt“ arm? Worum streiten sich die rivalisierenden Gruppen, die ganze Länder ins Elend stürzen? Für die Misere eines Großteils der Weltbevölkerung allein Naturkatastrophen und fehlende Düngemittel verantwortlich zu machen, würde viel zu kurz greifen. So leicht macht es sich Jean Ziegler, emeritierter Soziologie-Professor und Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, auch nicht.

Im ersten Teil seines Buches untersucht der Autor die Gründe für den ,,Hass auf den Westen“, der in fast allen armen Ländern mehr oder weniger offen zutage tritt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die jahrhundertelange Verachtung  der Völker der ,,Neuen Welt“, Afrikas und Asiens durch Sklaverei, Kolonialismus und Zwangschristianisierung ihre feste Verankerung im kollektiven Gedächtnis ebenjener gefunden hat. Dieses kollektive Gedächtnis wird erst in der heutigen Zeit aufgearbeitet. Um dieses Phänomen zu erklären, verweist er auf die offensichtliche Parallele zur Aufarbeitung der Verbrechen Nazi-Deutschlands, welche auch erst Jahrzehnte später begann.
Strikt verurteilt Ziegler die inschutznahme des Kolonialismus und der Zwangschristianisierung, wie sie u.a. von verschiedenen Politikern und dem Papst bei Auslandsbesuchen praktiziert wird. Anschaulich schildert er die Situation aus Sicht der unterworfenen Völker und straft damit die Beschwichtigungsversuche westlicher Politstars Lügen; die Darstellung des Sachverhalts durch Westler eine Beleidigung und Verdrehung der Geschichte.

Im zweiten Teil nimmt er Bezug auf die heutige Situation und macht deutlich, dass Wirtschaft und Börse an die Stelle der Sklavenmärkte und Baumwollplantagen getreten sind. Die Stellung der einst kolonialisierten Völker habe sich nicht geändert, einzig die Methoden des Westens seien unter dem Deckmantel der Menschenrechte andere geworden.
Diese Überlegung führt Ziegler im dritten Teil weiter aus. Er zeichnet die ,,Schizophrenie des Westens“ nach und macht die Arroganz und den Zynismus deutlich, welche hinter dieser stecken.

Die beiden letzten Teile seines Buches sind den Ländern Nigeria und Bolivien gewidmet, an welchen er, von seinen Reiseerfahrungen berichtend, das Ausmaß westlichen Einflusses deutlich macht. In beiden Ländern trägt der Westen einen Teil der Schuld an dem Elend der Bevölkerung, nicht allein durch politische Entscheidungen, sondern vielmehr durch die grenzenlose Gier seiner Wirtschaftsunternehmen, die mit erschreckender Skrupellosigkeit mit Militärregimes verhandeln und weder Rücksicht auf die Umwelt, noch auf die Armut der ausgebeuteten Bevölkerung nehmen. Am Beispiel Boliviens zeigt Ziegler dann, wie der Weg aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Schulden aussehen kann und welche neuen innen- und außenpolitischen Probleme daraus entstehen.

Fazit: Der Schweizer Jean Ziegler, u.a Preisträger des Literaturpreises für Menschenrechte (2008), informiert außerordentlich kompetent und verständlich über sonst eher schwer durchschaubare und oft bewusst zurückgehaltene  Zusammenhänge der westlichen  Politik gegenüber den armen Ländern der Welt.  Denn die Bilanz, die er zieht, ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Zu oft nutzen westliche Unternehmen die Abhängigkeit von Entwicklungsländern aus, und, was viel schlimmer ist, tragen erheblich dazu bei, diese wirtschaftliche Abhängigkeit zu stärken.  Ziegler deckt hier Zusammenhänge auf und stellt sie mit solch erschreckender Klarheit dar, dass es dem Leser nahezu unmöglich ist, die schreiende Ungerechtigkeit zu überhören. Durch die Schilderung einzelner Schicksale, wie sie Ziegler auf seinen weitläufigen Reisen erfahren hat, werden die abstrakten Zusammenhänge persönlich und damit für den Leser bedeutsam. Auch gibt der Autor Ausschnitte aus den Reden verschiedener Politiker wieder- die der westlichen wirken stets beschwichtigend, die angeprangerte Doppelzüngigkeit nur zu gut vertretend, während die der afrikanischen und südamerikanischen Politiker fordernd und aufrüttelnd auf ein neues, gerechteres System pochen.
Dabei greift Ziegler immer wieder die Verfehlungen verschiedener westlicher Industriestaaten und Staatsmänner/ -frauen  auf, wodurch deutlich wird, dass es sehr wohl zulässig ist, von ,dem Westen´ als einem einzigen, mächtigen Unterdrücker zu sprechen. Kaum ein Land gibt es, dass sich von der Überheblichkeit, welche sich auf seine Wirtschaftsleistung gründet, freisprechen kann.
Des Weiteren gibt Ziegler Informationen über die Abläufe der Verhandlungen der Vereinten Nationen, weist auf Unstimmigkeiten und die Dominanz des allgegenwärtigen Westens hin, stellt die Notwendigkeit und den Nutzen der UNO allerdings keiner weise in Frage, da er, selbst gut vertraut mit der Organisation, Vorteile ebenso klar sieht, wie er Fehler beim Namen nennt.

Bei all dem ermöglichen die getrennten Sach- und Personenregister ein schnelles Nachschlagen, während die ausführlichen Anmerkungen den ersten Wissensdurst stillen und Anhaltspunkte zu weiteren Recherchen bilden. Denn so gut recherchiert und persönlich beschrieben die Inhalte der verschiedenen Kapitel auch sind, können sie doch nur einen ersten Einstieg in die Problematik bieten, zu deren umfassenden Verständnis Kenntnisse bzgl. des internationalen Kapitalflusses, der Aufgaben von UN und IWF und der Zusammenarbeit der multinationalen Konzerne unerlässlich sind.

Insgesamt macht der Leser die Bekanntschaft vieler, ihm bis dato vielleicht unbekannter, Menschenrechtler und Schriftsteller der südlichen Hemisphäre, erlangt Wissen über, ihm vorher vielleicht unbekannte ,Konflikte und kommt, sofern er Zieglers Argumentation folgt, zu dem Schluss, dass die Arroganz des Westens, welche sich zuerst auf zivilisatorische Vorteile, heutzutage schlicht auf  Kapital gründet, in keiner Weise moralisch und menschlich vertretbar ist, und dass der Hass der armen Länder auf den Westen viel tiefer liegt und nachvollziehbarer ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein aktuelles und wichtiges Buch.

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. OT: La Haine de l’Occident, aus. d. Franz. von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag 2009, 288 S., 19,95€

Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?- Eine philosophische Reise

Precht legt mit seinem Buch ,,Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ (der ungewöhnliche Titel entstammt dem Ausspruch eines betrunkenen Freundes) eine philosophische Einführung in die großen Fragen des Lebens vor. Dabei unterteilt er in Anlehnung an Immanuel Kant in die Bereiche ,,Was kann ich wissen?“, ,,Was soll ich tun?“ und ,,Was darf ich hoffen?“. Der erste Teil ,,Was kann ich wissen?“ gibt eine Einführung in den Aufbau des menschlichen Gehirns und betrachtet aus psychologischer Sicht die reine Möglichkeit, Wissen gezielt abzurufen und Erfahrungen zu speichern. Weiter geht Precht hierbei auf Bewusstsein und Unterbewusstsein ein; gleich dazu gibt es einen kurzen Überblick über Sigmund Freuds Erkenntnisse und Ansichten. Ebenso werden Nietzsche, Mach und Descartes abgehandelt; ihre jeweiligen Haupterkenntnisse werden dabei unkompliziert unter der Leitfrage zusammengefasst.
Der zweite Teil der philosophischen Reise liest sich unter der Frage ,,Was soll ich tun?“. Hier geht es besonders um kontrovers diskutierte Themen wie Umweltschutz, Abtreibung, das Klonen von Menschen und die Frage, was Forschung darf. Als Einstieg behandelt der Autor zunächst die Frage nach dem freien Willen, u.a. anhand des Libet-Experiments, sowie Kants Vorstellungen von Moral und ihrer Verankerung im Menschen. Weitere bekannte Philosophen, die in diesem Teil Erwähnung finden sind Peter Singer mit seinen Theorien zu Vegetarismus und dem Umgang mit Menschenaffen, sowie Bentham und der von ihm begründete Utilitarismus. Bei der Behandlung dieser aktuellen Themen greift Precht weniger auf die klassischen Theorien zurück; vielmehr stellt er Argumente der Befürworter und Gegner, z.B. der Reproduktionsmedizin, einander gegenüber.
Der letzte Teil ,,Was darf ich hoffen?“ beschäftigt sich gleich mit einer ganzen Reihe von Themen, die den Einzelnen persönlich vielmehr angehen, als alles zuvor Behandelte. So stellt der Autor die Fragen nach Liebe, Gerechtigkeit und Gott, um dann mit dem Rezept für ein glückliches Leben zu schließen.

Fazit: Wer unterhaltsame Lektüre sucht, dem wird dieser populärwissenschaftliche Einstieg wohl gut gefallen. Der Leser aber, der sich einen Überblick über die Entwicklung der verschiedenen philosophischen Theorien, gar seit dem Altertum, erhofft, wird enttäuscht sein. Precht äußert sich fast hastig zu allen bedeutenden Fragen der Zeit, ohne jemals Stellung zu beziehen. Dabei greift er hier und da einen bekannten Philosophen auf, den er humoristisch charakterisiert und dem Leser so näherbringt. Natürlich würde es den Umfang des Werkes sprengen, trotzdem enttäuscht es, stets nur einen flüchtigen Blick auf die stark vereinfachten Theorien werfen zu können. Dabei handelt der Autor die verschiedenen Themen sehr schnell ab, gerade so, als solle dem Leser nicht auffallen, dass er im Grunde genommen immer noch viel zu wenig Wissen hat, um die angeführten Gedanken in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen.
Die eingestreuten persönlichen Erfahrungen und kurzen Geschichten aus dem Leben des Autors dagegen sind unterhaltsam und illustrieren verschiedene Probleme anschaulich. Aber eben das macht ,,Wer bin ich?“ eher zu einer Bettlektüre, die den vermeintlich erleuchteten Leser mit der Erkenntnis zurücklässt: Ist das alles einfach!
Dass Precht nicht den Anspruch erhebt, alle Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu kennen, ist zwar mehr als vernünftig, kontroverse Positionen sucht man allerdings auch vergeblich.
Lust auf die Beschäftigung mit aktuell diskutierten Fragen macht Precht allemal, vielmehr als auf die philosophischen Hintergründe, die zwar durch die skurrile Vita des ein oder anderen Denkers aufgelockert werden, neben Hirnforschung und Medizin nicht unnötig, doch leider ziemlich alt aussehen. Einen Lichtblick für alle enttäuschten Philosophiefreunde bietet da der Anhang, der die herangezogenen Werke auflistet, sowohl philosophische als auch naturwissenschaftliche, und damit die weitere Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen ermöglicht. ,,Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ erhebt ja auch den Anspruch, eine moderne Einführung zu sein- nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Richard David Precht: ,,Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ – Eine philosophische Reise. Goldmann Verlag, München 2007. 397 S., br., 14,95 €