Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories (2016)

wink-der-letzte-beste-ortDie Charaktere in Winks Kurzgeschichten sind so rau wie die Natur im Nordwesten der USA. Irgendwie spröde gehen sie durchs Leben, manche verhärmt, andere auf dem Weg, es zu werden. Vermutlich hätte jede einzelne der Figuren Donald Trump gewählt.

Die Geschichten scheinen die ganze Bandbreite des Lebens im Nordwesten abdecken zu wollen: Es geht um einen General, der beim jährlichen Reenactment einer Schlacht seine Affäre zu einer Ureinwohnerin pflegt, während seine krebskranke Frau zu Hause sitzt. Um einen Farmerjungen, der zwischen grausamer Katzenjagd und der gescheiterten Ehe seiner Eltern hin und her pendelt. Um einen gerade aus dem Gefängnis entlassenen Teenager, der sein ganzes Leben noch vor nicht hat und mit nichts da steht. Immer geht es um Beziehungen, denn so allein der Mensch auch in den Weiten Montanas lebt, so sehr sehnt er sich doch nach Nähe: Die alleinerziehende Mutter, ihr jugendlicher Liebhaber, der verlassene Arbeiter, der einen Hund stielt. Weiterlesen

Katharina Winkler: Blauschmuck

Winkler: BlauschmuckEr schlägt zu, immer wieder und sie trägt ihre Wunden als Schmuck: als Blauschmuck.

Das Leiden wird chronologisch erzählt: Filiz, wie sie in einem kurdischen Dorf, weit entfernt von der nächsten Stadt, aufwächst. Wie sie und ihre Geschwister vom Vater geschlagen werden. Wie die Mutter vom Vater geschlagen wird. Wie alle Frauen des Dorfes von ihren Männern geschlagen werden. Für Filiz ist die Gewalt normal, man spricht nicht darüber, auch, wenn man ihre Spuren deutlich sieht. Blauschmuck ist Privateigentum. Sie lernt Yunus, ihren zukünftigen Mann kennen. Er sperrt sie in den Stall, damit sie den anderen Jungen nicht mehr beim Schwimmen zusehen kann. Sie ist verliebt; körperliche Attribute stehen im Vordergrund: Sie hat schöne Haare und schöne Augen, er einen festen Schritt – sie sollten zusammen sein. Ihr Vater ist gegen die Heirat, ob er Yunus‘ Charakter schon da erkennt, erfahren wir nicht. Filiz läuft mit Yunus fort, die Hochzeit und die demütigende Hochzeitsnacht folgen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, sie ist noch minderjährig, ein Mädchen. Gemeinsam ziehen sie zu Yunus‘ Mutter, der Spinne. Filiz wird gezwungen, eine Burka zu tragen, in der Öffentlichkeit und auch sonst aufs Sprechen zu verzichten. Ich darf nicht lachen, meine Lippen nicht öffnen, weil sie an meine Schamlippen erinnern, und die sind Yunus‘ Eigentum. Die vielen Stoffschichten verdecken ihre blauen Flecken. Auch, dass sie hungert und schwanger ist. Yunus‘ zieht mit ihr und den Kindern um, nach Istanbul, dann nach Österreich, sperrt sie ein, sie weiß wieder nicht, wie ihr geschieht. Sitzt tagelang in der Wohnung und zittert, wenn ihr Mann zur Tür hereinkommt. Sie knüpft zaghafte Kontakte zur Außenwelt, landet im Krankenhaus. Als sie Flugtickets kauft und er sie findet sagt er: Entweder du bringst dich jetzt um, oder ich hänge dich auf, vor den Augen der Kinder.

Kurze Sätze, die wie Schläge auf den Leser niederhageln. Die Gewalt wirkt hier durch die klare, unverstellte Sprache in ihrer ganzen Obszönität. Als Leser teilt man ausschließlich Filiz‘ Perspektive, fühlt mit ihr in ihrer Hilflosigkeit, verspürt aber auch Wut: Nicht nur auf Yunus, sondern auf die ganze Umgebung des Mädchens: Auf die Frauen, die ihr Leid still erdulden und diese Haltung an die Töchter weitergeben. Auf die Familien, die ihre Kinder nur mit großer Not versorgen können, Bildung ist nicht vorgesehen, die aber immer mehr Kinder bekommen – irgendwer muss die Feldarbeit ja machen und dem Vater die Füße waschen. Auf die Männer, wenn sie die Gegebenheiten nutzen und sich als Herren ihres kleinen, verängstigten Universums aufspielen.

Fazit: Katharina Winkler schreibt unbeirrt an der ganzen Debatte um eine mögliche Unterdrückung der Frau im Islam vorbei und zeigt anhand dieses furchtbaren und wahren Einzelschicksals, dass eine Kultur, gleich welcher Prägung, in der Gewalt gegen Frauen und Kinder so selbstverständlich ist, immer weiter Gewalt und Leid hervorbringen wird. Ein erschreckendes und wichtiges Buch. Unbedingt lesenswert.

Katharina Winkler, „Blauschmuck“, Suhrkamp 2016, 196 S., 18,85€.

 

Die Autorin Katharina Winkler wird auch am 17.03. auf der Leipziger Buchmesse lesen.

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey (1927)

Wilder Die BrückeEs sind fünf Menschen, die zusammen mit einer alten Inka-Brücke in die Tiefe stürzen: Eine schrullige Alte zusammen mit ihrer jungen Gesellschafterin, ein Lebenskünstler mit einem kleinen Jungen und ein von Trauer über den Tod seines Zwillingsbruders gebeugter Mann. Wer sie waren und warum sie so plötzlich sterben mussten, versucht ein Mönch im Peru des Jahres 1714 heraus zu finden.

Der Mönch, der die Brücke vor seinen Augen abstürzen sieht, ist anfangs voller Hoffnung, in den Lebensgeschichten der Verunglückten ein verbindendes Element zu entdecken. Er sucht dabei nach einem (göttlichen) Sinn, der das Leben und Sterben der Menschen bestimmt und landet dafür, als er ihn nicht finden kann, auf dem Scheiterhaufen.
Ein anderer Aspekt steht dabei ebenso deutlich im Vordergrund: Die Figuren, die auf der Brücke abstürzen, haben erst kurz zuvor beschlossen, ihr Leben zu ändern. Sie alle waren von den Umständen gebeutelt, sahen sich in Trauer, Sehnsucht oder Einsamkeit gefangen. Als sie dann beschließen, etwas daran zu ändern, stürzen sie ab. Über allem liegt ein unabwendbares Schicksal, grausam in seiner Zufälligkeit.

Besonders bemerkenswert ist die ausgefeilte Sprache Wilders, die es auch schafft, Armut und Krankheit in würdevolle Worte zu kleiden. Die Sprache trägt auch dazu bei, dass man als Leser völlig in jede der Geschichten eintauchen kann und zeitweise vergisst, dass die jeweilige Hauptfigur am Ende ihren Tod finden wird. Dieser kommt dann auch jedesmal überraschend. Wie für die Figur selbst.
Als Vorlage für diese Geschichte diente Wilder einaktiges Theaterstück. Vielleicht spielt deshalb das Theater in seiner Erzählung eine so große Rolle. Er lobt die Größen des spanischen Theaters des 18. Jahrhunderts und versucht zu rekonstruieren, wie man in Lima die Autoren aus Madrid aufnahm. Überhaupt bekommt man die nicht allzu häufige Gelegenheit, Spanien aus Perspektive einer seiner Kolonien zu betrachten.

Fazit: „Die Brücke von San Luis Rey“ ist ein geschickt gestricktes Werk mit wunderschöner Sprache und tiefgründigen Gedanken.

Über den Autor: Der amerikanische Autor Thornton Wilder erhielt für „Die Brücke von San Luis Rey“ 1928 den Pulitzer-Preis. Er selbst ist nie in Peru gewesen. [1]

Thornton Wilder „Die Brücke von San Luis Rey“ (OT: The Bridge of San Luis Rey), Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit, Fischer Taschenbuch 2015 (1927), 176 S.


Eine andere Stimme zum Buch bei Ein Jahrhundert lesen

[1] http://www.twildersociety.org/works/the-bridge-of-san-luis-rey/