Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

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Misha Anouk wurde in einem Zeitungsartikel der letzten Wochen erwähnt. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr, aber seine Lebensgeschichte hat mich sofort interessiert. Aussteiger-Bücher sind spannend. Geschlossene, teils undurchsichtige Gemeinschaften haben ja auch immer etwas Faszinierendes. Überrascht hat mich, auf welche Weise Anouk seinen Lesern diese Glaubensgemeinschaft, der er selbst 20 Jahre lang angehört hat, näher bringt.

Misha Anouk wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. In vielen Bundesländern mittlerweile als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, in einigen noch nicht, ist der Name dieser Gemeinschaft wohl jedem ein Begriff. Jeder verbindet irgendeine Vorstellung von den Mitgliedern dieses Zusammenschlusses: Gläubige, freundliche, adrett und bieder gekleidete Damen, Herren und Kinder, die häufig mit der Zeitschrift „Wachturm“ in der Hand in der Fußgängerzone stehen. Weiterlesen

Patricia Schröder: Auserwählt

Die Mutter der sechzehnjährigen Yara meditiert seit Jahren und will nun auch sie und ihre jüngere Schwester auf den „Weg des Lichts“ führen. Nachdem sie ihre Tochter bereitwillig von einer Party abholt, beschließt Yara, ihrer Mutter einen Gefallen zu tun und sie zu dem Lehrmeister, den sie besucht, zu begleiten. Sie hört, dass sie eine „Auserwählte“ sei, ein ganz besonderes Mädchen, das die Menschen in eine bessere Zeit führen solle. Ihr wird Bewunderung und Anerkennung zu teil und auch ihre Freundin Francine, die sich ihr und ihrer Mutter angeschlossen hat, bestärkt Yara darin, eine Art „Engelswesen“ zu sein. Sie findet sich immer mehr in die Gruppe um den religiösen Führer Bajiu-Ra ein und muss sich entscheiden- zwischen ihrer Liebe zu ihrem Freund Jasper und ihrer Aufgabe als Lichtgestalt.

In diesem Jugendbuch gelingt es Patricia Schröder, den Weg, der ein sechzehnjähriges Mädchen in eine Psychosekte führen kann, nachzuzeichnen. Die Beziehung zwischen Yara und ihrer Mutter, die sich immer mehr in die allumfassenden, aber in sich nicht schlüssigen Lehren  ihres Gurus hineinsteigert, wird sehr ausführlich beschrieben; der Leser verfolgt, wie sich die beiden Schritt für Schritt vom Rest der Familie entfernen und sich von ihrer Umwelt isolieren.
Da die Geschichte größtenteils während der Ferienzeit spielt, erzählt die Autorin kaum, wie es Yara in der Schule ergeht- dafür aber umso ausführlicher, wie sie den Spagat zwischen ihrem Freund Jasper und der Sekte hält. Einfühlsam beschreibt Schröder die Beziehung der beiden vom ersten Kennenlernen bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jasper eine unersetzliche Stütze für Yara wird- ihr einziger Anker in der Realität.
Einzig Yaras Erkenntnis, was für einem Schwindel sie auf den Leim gegangen ist, kommt in der letzten Sekunde und geht für meinen Geschmack ziemlich schnell von statten. Viele Informationen zur Sekte selbst, oder gar den vertretenen Lehren gibt es auch nicht, was dadurch begründet wird, dass praktisch alles vom „Lehrer“, der vermeintlichen Reinkarnation eines hinduistischen Gottes, frei erfunden ist. Daher kann Yaras „Werdegang“, ihr Weg in die Sekte als allgemeingültig für jede geschlossene Gruppe dieser Art verstanden werden.

Fazit: Kennt man andere Bücher zum Thema Sekte und Gehirnwäsche, die als Tatsachenberichte dargestellt werden, so wird man sich mit diesem Jugendbuch, das zudem fiktional -aber trotzdem realistisch- daherkommt, wohl eher langweilen. Für jüngere Jugendliche, die sich vielleicht zum ersten Mal mit diesem Thema auseinandersetzen, bietet das Werk, das weniger auf Fakten, als vielmehr auf Yaras Gedanken und Gefühle setzt, einen guten Einstieg.


Patricia Schröder „Auserwählt“, Fischer 2009, 296S., 7,95€