Matthias Oden: Junktown (2017)

Oden_JunktownKommen wir gleich zur Sache: Junktown ist ein verkommenes Drecksloch. In einer dystopischen Zukunft ist der Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht und wird von der Einheitspartei genauestens überwacht. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Zuchtreihen mit unterschiedlicher Genqualität zusammen; die Straßen sind leer, denn alle liegen sediert zu Hause rum. Als dann eine Brutmutter, eine riesige Gebärmaschine mit mehreren hundert Föten, umgebracht wird, nimmt sich der Ermittler Solomon Cain des Falles an. Seit sich seine Frau aus Liebe zur Partei den Goldenen Schuss gesetzt hat, kämpft er mit seinen Dämonen – und als seine Ermittlungen voranschreiten bald auch mit dem Staatsapparat.   Weiterlesen

Ursula Isbel: Ich will nicht mehr

IsbelGanz tief unten habe ich in der Bücherkiste gekramt und dabei fiel mir dieses Jugendbuch von 1996 in die Hände, an das ich noch eine vage Erinnerung hatte. Damals habe ich es unter „beeindruckend“ abgespeichert und diese Bewertung hat sich, auch aus meiner heutigen Perspektive, bestätigt.

Die siebzehnjährige Dagny ist überfordert: Eine alkoholkranke Mutter, ein Vater und eine Schwester, die das nichts anzugehen scheint, Probleme in der Schule und dabei niemanden zum Reden, die beste Freundin ist weggezogen und meldet sich kaum noch. Leise schleicht sich der Gedanke ein, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die Autorin Ursula Isbel beschreibt in „Ich will nicht mehr“ eindringlich, wie sich verschiedene Probleme vor einer jungen Frau derartig auftürmen, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr sieht. Besonders auffällig ist die sehr detaillierte Beschreibung der Gedankenwelt der Protagonistin, die von Selbst-Reflexion und (teils für ihr Alter zu) reifen Abwägungen geprägt ist. Isbel zeichnet die siebzehnjährige Dagny, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, als eine überlegte Heldin, deren Handlungen – wie lange Spaziergänge im Park, die Flucht vor Mitmenschen – logisch und nachvollziehbar erscheinen.

Ihr Alter kann die Geschichte allerdings nicht ganz verstecken: Wenn die Figuren längst aus der Mode gekommene Schlagertexte zitieren oder von einer „Rave-Party“ zur nächsten ziehen, muss man doch etwas schmunzeln. Ein weiteres kleines Manko ist, dass zum Ende hin doch alles sehr glatt läuft; immerhin erfolgt der kurze Hinweis, dass dies in ähnlichen Situationen nicht immer der Fall ist.

Zudem kommt das Buch an manchen Stellen unterschwellig pädagogisch daher. Besonders, wenn die Protagonistin – ein kleines bisschen aus dem Zusammenhang gerissen – über die Grausamkeit von Tierversuchen nachdenkt, dann meint man die Autorin mit erhobenem Zeigefinger vor sich zu sehen. Belehrend ist es wohl auch, dass Dagny schließlich die ausgestreckte Hand einer Freundin ergreift und sich vorbildlich an Psychologen und Hilfseinrichtungen wendet. Verwerflich ist das nicht, denn zumindest zum damaligen Zeitpunkt erhielt das Buch die Empfehlung „ab 13 Jahren“ und mit den Themen Alkoholismus, zerrüttete Familie, Depression, Drogen und Essstörungen ist dieses Buch für ein junges Publikum wirklich randvoll mit Problemen.

Trotz der belehrenden Tendenz der Geschichte bin ich auch heute noch beeindruckt davon, wie die Autorin es schafft, viele schwierige Themen nicht beschönigend, sondern realistisch und nachvollziehbar zu beschreiben, also genau den richtigen Ton zu treffen. Läuft euch das Buch einmal auf dem Flohmarkt über den Weg, packt es ruhig ein: es ist eine kurzweilige, aber nicht oberflächliche Lektüre.

Ursula Isbel, „Ich will nicht mehr“, F. Schneider Verlag, 188 S., 1996.

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe und besinnliche Weihnachtstage.

Lothar Struck: Grindelwald

Grindelwald

 

In der Autofiktion „Grindelwald“ widmet sich Lothar Struck, der bisher besonders durch seine Publikationen zum Schriftsteller Peter Handke in Erscheinung getreten ist, seiner eigenen Kindheit. Als erwachsener Mann erfährt der Autor vom bevorstehenden Krebstod seines Vaters und lässt seine Beziehung zu ihm Revue passieren. Schonungs- aber nie respektlos berichtet er dem Leser von der väterlichen Spielsucht, die seine Kindheit prägte, ihn selbst zum Spielen brachte, schließlich aber wieder davon entfernte und die Beziehung seiner Eltern belastete.

Für den unerfahrenen Leser eröffnet sich eine neue Welt, in der statt der Tages- die Wettzeitung der Pferderennbahn gelesen wird und man mit dem Gerichtsvollzieher fast schon per Du ist. Das Werk ist mit eigenen Fotos und Briefen bebildert, dadurch erfährt der Leser viel Intimes über Autor und Vater; letzterer bleibt ihm aber bis zum Schluss fremd.

Als „Autofiktion“ betitelt, findet man sich in „Grindelwald“ in einer berührenden Familiengeschichte des Wirtschaftswunder-Deutschlands wieder, die alles andere als fiktiv wirkt. Eine leider sehr kurze, dafür aber umso persönlichere Erzählung.

Lothar Struck, Grindelwald, Mirabilis 2014, 70 S., 10,90€.

Ein Interview mit der Herausgeberin und weiteren Informationen zum Autor findet sich hier.

Das Blog des Autors ist hier einzusehen.

Nick McDonell: Zwölf (2003)

McDonell_ZwölfReißerisch als ,,literarischer Amoklauf“ betitelt und vor einiger Zeit gar mit einigen Shootingstars verfilmt, machte mich der ,,Überraschungserfolg“ neugierig. An ,,Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sollte der Roman heranreichen-und dann auch noch von einem Siebzehnjährigen geschrieben. Na dann mal los.

Der siebzehnjährige Mike hat seine Schullaufbahn an einer teuren Privatschule beendet und macht erstmal eine Auszeit, bevor er sein weiteres Leben in Angriff nimmt. Was genau er eigentlich tut, fragt sich niemand. Auch dass er die Sprösslinge der New Yorker High Society als Dealer ,,White Mike“ mit Drogen versorgt, ist ein offenes Geheimnis. Dass er selbst weder raucht noch trinkt verwirrt seine Teenager-Kunden nur kurz – eben so lange, bis sie sich dem Drogenrausch hingeben. Um der Langeweile der Ferien zu entkommen, findet jeder einen anderen Weg: der eine modelt, der andere bewaffnet sich bis an die Zähne mit illegalem Kriegszubehör. Doch eins haben sie gemeinsam. Sie alle wollen an der größten Sylvester-Party des Jahres teilnehmen. Der größten Party überhaupt. Klar, dass da auch White Mikes Stoff und die neue Partydroge ,,Zwölf“ nicht fehlen dürfen.

Fazit: Der Roman des siebzehnjährigen Nick McDonell wurde allerorts groß angepriesen, dementsprechend hoch waren auch meine Erwartungen. Die Gliederung in sehr kurze, meist nur ein- oder zweiseitige, Kapitel kam der Geschichte, die sich mit dem Leben verschiedenster Charaktere beschäftigte, sehr entgegen und verlieh dem Roman etwas Gehetztes – durchaus zur Thematik passend also. White Mike kam als intelligenter, nachdenklicher Teenager daher, dessen abschweifende Gedanken der Geschichte Tiefe gaben und ihr etwas die Oberflächlichkeit nahmen. Die einzelnen Teenager dagegen sind allesamt derart problembeladen, dass der Leser, ohne die Geschichte zu kennen, die Katastrophe schon kommen sieht. Der prophezeite ,,Schock“ am Ende des Romans ist bei mir allerdings ausgeblieben, was vielleicht daher kam, dass ich mich kaum mit den Figuren identifizieren konnte und auch ihre teilweise recht ähnlichen Geschichten keinen Wiedererkennungswert hatten, sodass ich die Charaktere verschiedentlich verwechselte. Betrachtet man den persönlichen Hintergrund des Autors, der eben aus jener beschriebenen Oberklasse New Yorks stammt, so ist der kritische Blick auf die Verhältnisse der Altersgenossen durchaus gelungen und nachvollziehbar. Für mich war ,,Zwölf“ daher eine kurzweilige, nicht allzu realistische, aber unterhaltsame Sicht auf den Geldadel Amerikas.

Nick McDonell ,,Zwölf“, OT: ,,Twelve“ aus d. Amerikan. v. Thomas Gunkel, KiWi 2009, 231 S., 7,95€