Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht (2007)

Auf Jay Ashers Jugendroman „Tote Mädchen lügen nicht“ (OT: Thirteen reasons why) bin ich überhaupt erst durch die Ankündigung der gleichnamigen Netflix-Serie aufmerksam geworden. Jetzt konnte ich mir selbst eine Meinung bilden und muss sagen: Puh, ob dieses Buch geeignet ist, das Thema Suizid bei Teenagern adäquat zu behandeln, kann zu Recht bezweifelt werden.

Asher_Tote Mädchen

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Ursula Isbel: Ich will nicht mehr

IsbelGanz tief unten habe ich in der Bücherkiste gekramt und dabei fiel mir dieses Jugendbuch von 1996 in die Hände, an das ich noch eine vage Erinnerung hatte. Damals habe ich es unter „beeindruckend“ abgespeichert und diese Bewertung hat sich, auch aus meiner heutigen Perspektive, bestätigt.

Die siebzehnjährige Dagny ist überfordert: Eine alkoholkranke Mutter, ein Vater und eine Schwester, die das nichts anzugehen scheint, Probleme in der Schule und dabei niemanden zum Reden, die beste Freundin ist weggezogen und meldet sich kaum noch. Leise schleicht sich der Gedanke ein, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die Autorin Ursula Isbel beschreibt in „Ich will nicht mehr“ eindringlich, wie sich verschiedene Probleme vor einer jungen Frau derartig auftürmen, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr sieht. Besonders auffällig ist die sehr detaillierte Beschreibung der Gedankenwelt der Protagonistin, die von Selbst-Reflexion und (teils für ihr Alter zu) reifen Abwägungen geprägt ist. Isbel zeichnet die siebzehnjährige Dagny, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, als eine überlegte Heldin, deren Handlungen – wie lange Spaziergänge im Park, die Flucht vor Mitmenschen – logisch und nachvollziehbar erscheinen.

Ihr Alter kann die Geschichte allerdings nicht ganz verstecken: Wenn die Figuren längst aus der Mode gekommene Schlagertexte zitieren oder von einer „Rave-Party“ zur nächsten ziehen, muss man doch etwas schmunzeln. Ein weiteres kleines Manko ist, dass zum Ende hin doch alles sehr glatt läuft; immerhin erfolgt der kurze Hinweis, dass dies in ähnlichen Situationen nicht immer der Fall ist.

Zudem kommt das Buch an manchen Stellen unterschwellig pädagogisch daher. Besonders, wenn die Protagonistin – ein kleines bisschen aus dem Zusammenhang gerissen – über die Grausamkeit von Tierversuchen nachdenkt, dann meint man die Autorin mit erhobenem Zeigefinger vor sich zu sehen. Belehrend ist es wohl auch, dass Dagny schließlich die ausgestreckte Hand einer Freundin ergreift und sich vorbildlich an Psychologen und Hilfseinrichtungen wendet. Verwerflich ist das nicht, denn zumindest zum damaligen Zeitpunkt erhielt das Buch die Empfehlung „ab 13 Jahren“ und mit den Themen Alkoholismus, zerrüttete Familie, Depression, Drogen und Essstörungen ist dieses Buch für ein junges Publikum wirklich randvoll mit Problemen.

Trotz der belehrenden Tendenz der Geschichte bin ich auch heute noch beeindruckt davon, wie die Autorin es schafft, viele schwierige Themen nicht beschönigend, sondern realistisch und nachvollziehbar zu beschreiben, also genau den richtigen Ton zu treffen. Läuft euch das Buch einmal auf dem Flohmarkt über den Weg, packt es ruhig ein: es ist eine kurzweilige, aber nicht oberflächliche Lektüre.

Ursula Isbel, „Ich will nicht mehr“, F. Schneider Verlag, 188 S., 1996.

 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe und besinnliche Weihnachtstage.

Sylvia Plath: The Bell Jar

Die 19-jährige Esther Greenwood bekommt die Chance, für ein bekanntes Fashionmagazin zu schreiben. Im New York des Jahres 1953 bewegt sie sich in gut betuchten Kreisen, nimmt an Empfängen teil und erkundet mit ihrer Kollegin Doreen das Nachtleben. Ihr großer Traum ist es, als Schriftstellerin und Dichterin anerkannt zu werden. Als sie nach den aufregenden Wochen wieder  in den Alltag des Elternhauses eintaucht, sich innerlich immer mehr von ihrem Freund und beinahe-Verlobten Billy distanziert und schließlich nicht zu einem Kurs für angehende Schriftsteller akzeptiert wird, beginnt ihr Weg in eine Abwärtsspirale aus Depression und Suizidgedanken. Immer wieder versucht sie ihre Rolle als Frau zu definieren und sieht sich eingeengt durch die gesellschaftlichen Erwartungen, religiöse Moralvorstellungen und ihre eigenen Ängste. Durch eine reiche Gönnerin unterstützt führt ihr Weg schließlich in eine psychiatrische Klinik, einem Ort, an dem sie erkennen muss, dass sie bisher auch ihren Freunden nur vor den Kopf schauen konnte.

Wer „Der Fänger im Roggen“ gelesen hat, wird sich schon bei den ersten Zeilen unweigerlich an Salinger erinnert fühlen. Ort und auch Zeit sind fast identisch; die junge Heldin ist auf der Suche nach sich selbst. Doch im Verlauf der Erzählung erscheint Esther Greenwood viel reifer als Caulfield, sie reflektiert viel, sodass der Leser oft seitenlange Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt bekommt. Das ist alles andere als langweilig, denn Zynismus und eine ungebrochene Rebellion im Innern unterscheiden sich stark von der Frau, die Esther für ihre Umwelt zu sein scheint. Ihr Emanzipationsbestreben macht das Novel gerade für Frauen interessant; deshalb finden sich auch in der heutigen Zeit immer wieder Bezüge zu Plaths Werk- nicht zuletzt in Filmen wie „10 Dinge, die ich an dir hasse“.
Mit  Esthers Suizidversuch jedoch enden die Rückblenden und das Schwelgen in Träumen und Hoffnungen. Sie wird ganz vom Alltag der Klinik in Anspruch genommen, von der Beziehung zu ihrer Ärztin und ihrer Therapie. Sie erkennt, dass ihre Probleme auch in den gesellschaftlichen Konventionen begründet liegen, dass sie die Rolle als Hausmutter und liebende Ehefrau nicht annehmen will. Schließlich sucht sie für sich nach einem Weg, aus ihrer „Glasglocke“ auszubrechen.

Fazit: Mir persönlich haben Plaths Sprache und Erzählstil sehr zugesagt. Die Protagonistin wirkt stark und auch selbstbewusst, obwohl ihre Verunsicherung und Angst auf jeder Seite spürbar ist. Einige ihrer Probleme, gerade jene, die sich aus den damaligen gesellschaftlichen Normen und Werten ableiten, sind heute allerdings nicht mehr brandaktuell. Oft fühlt man sich an den Satz „was sollen denn die Nachbarn denken?“ erinnert, der auch Esther Greenwood schier in den Wahnsinn treibt. Manche der Begebenheiten sind von einer tragischen Komik, bei anderen tritt die Krankheit der Protagonistin so klar in den Vordergrund, dass man meint, sie geradewegs in ein Unglück rennen zu sehen. Zu guter Letzt erscheint die Geschichte von der Glasglocke vor dem persönlichen Hintergrund der Autorin fast real, sodass man meint, hier und da durchaus autobiografische Züge erkennen zu können.

Die Autorin
Sylvia Plath wurde 1932 in Boston geboren. Ihre Gedichte (die bekannteste Sammlung erschien unter dem Titel Ariel) und ihre Prosa werden gemeinhin autobiografisch gewertet. Sie war ebenso wie die Protagonistin ihres Werkes „Die Glasglocke“ Stipendiantin an einem renommierten College, erlebte einen gescheiterten Suizidversuch, nach welchem sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Nach ihrem Suizid im Jahr 1963 gelangte Plath erst postum zu größerer Bekanntheit und wurde zu einer Symbolfigur der Frauenbewegung stilisiert. Ihr Leben wurde 2003 unter dem Titel „Sylvia“ verfilmt.

Sylvia Plath „The Bell Jar“ (dt. Die Glasglocke), Faber and Faber Ldt. , 258 S., ca. 10€