Frank Wedekind: Frühlings Erwachen (1891)

Es gibt Bücher, die schreien schon Schullektüre!, kaum hat man sie begonnen. Da geht’s ums Erwachsenwerden, am besten gepaart mit Historischem und Gesellschaftskritik. „Frühlings Erwachen“ passt da genau ins Bild – und ich bin heilfroh, dass es mir zu Schulzeiten erspart geblieben ist.

Zu Kaisers Zeiten herrschte eine verklemmte Sexualmoral. Schwierig für Heranwachsende, die nicht wissen wohin mit sich und der Welt. Da ist der intelligente Melchior, der weiß, wie es läuft und dies schriftlich für seinen Freund Moritz niederlegt – ungünstig, dass der Zettel in die Hände der Schulleitung gerät. Melchior steht auf Wendla, die er gern auch mal einvernehmlich schlägt. Wendla, die nicht weiß, wie es so funktioniert, wird schwanger. Und am Ende sind Wendla und Moritz tot.

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Oscar Wilde: Ernst sein ist alles (1895)

Selten habe ich beim Lesen eines Theaterstückes so oft laut aufgelacht. Nicht, dass ich mich damit brüsten könnte, schon besonders viele Stücke gelesen zu haben, aber dennoch meine ich: Oscar Wildes Komödie schafft etwas wirklich Besonderes, denn sie ist beim Lesen einfach unglaublich lustig. Schon ohne Schauspieler, Bühne und Requisiten schmunzelt man leise oder laut vor sich hin und kommt sich nicht nur einmal vor, als lese man den Text zu einer heutigen Sitcom.

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Die Hauptpersonen sind schnell beschrieben (Achtung, sehr britisch gewählte Namen): Algernon möchte das Mündel seines Freundes Jack heiraten. Jack möchte Algernons Cousine heiraten. Gegen beides hat Algernons Tante Lady Bracknell eine Menge einzuwenden (Name, gesellschaftliches Ansehen, Geld, gesellschaftliches Ansehen, Geld). Die beiden Angebeteten hingegen sind begeistert, denn ihre jeweiligen Verlobten stellen sich ihnen unter dem ehrenwerten Namen „Ernest“ vor – welche Frau wünscht sich keinen Ernest an ihrer Seite? – und sind insgeheim sogar bereit, sich geschwind auf diesen Namen taufen zu lassen. Dumm nur, dass dann beide unerwartet aufeinander treffen, ohne sich abgesprochen zu haben.

Das Stück ließ sich im englischen Original gut lesen, die Witze waren pointiert und resultierten gerade zu Beginn häufiger aus Wortwitz als aus Situationskomik. Britischer Snobismus aus Jane Austen-Zeiten und beste-Freundinnen-Gehabe werden gnadenlos auf die Schippe genommen, der hedonistische Dandy triumphiert. Gerade zum Ende hin, wo Wilde mehr auf die Situationskomik gesetzt hat, droht das Stück ein wenig ins Alberne abzurutschen. Das trübt aber nur unwesentlich den heiteren Gesamteindruck, den ,,The Importance of Being Ernest“ beim Lesen hinterlässt.

Oscar Wilde, Ernst sein ist alles (OT: The Importance of Being Ernest), verschiedene Ausgaben.


Das erste Theaterstück, das ich in der Gutenberg-App auf meinem Smartphone gelesen habe: in angenehmer Schriftgröße und gut leserlichem Satz. Trotzdem ist es immer noch ermüdender, als einfach ein Buch in die Hand zu nehmen. Dafür allerdings leichter mit sich herum zu tragen. Der Link zur kostenlosen Vollversion beim Projekt Gutenberg:
http://www.gutenberg.org/ebooks/844

Dieser Titel ist Teil meiner k1024_leseliste

Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

georg_buchnerLeonce und Lena habe ich hauptsächlich zur Hand genommen, weil mir Büchner mit „Woyzeck“ sehr gefallen hat. Von dieser Mischung aus Komödie und politischer Satire war ich aber enttäuscht.

Zum Inhalt: Der gelangweilte und deshalb auch melancholische Anwärter auf den Königsthron Leonce flieht mit seinem launigen Diener und Freund Valerio vor einer arrangierten Heirat mit Prinzessin Lena. Lena befindet sich mit ihrer Gouvernante ebenso und aus dem gleichen Grund auf der Flucht. Die beiden treffen in einem Wirtshaus aufeinander und verlieben sich. Weiterlesen

Klaus Mann: Mephisto – Roman einer Karriere (1956)

Anders als sonst bin ich auf diesen Roman nicht durch Rezensionen oder auf eine Empfehlung hin aufmerksam geworden, sondern durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil, das sich mit dem Roman beschäftigt. Ehrverletzend soll er sein, nach seinem Autor zwar explizit kein Schlüsselroman. Doch der Protagonist sei eindeutig der Schauspieler Gustav Gründgens, ein Opportunist, ein mit-den-Nazis-Anbandler. Gründgens Adoptivsohn strengte einen Prozess an – der Schauspieler und der Autor des Romans Klaus Mann waren da schon beide tot.
Kann man das Allgemeine Persönlichkeitsrecht einer verstorbenen Person verletzen? Man kann, urteilte das BVerfG und verbot die Verbreitung dieser „Schmähschrift in Romanform“ in Westdeutschland.mann-mephisto Weiterlesen

Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

 

Dürrenmatt- Der BesuchNach einigen Jahren wieder zur Hand genommen, war „Der Besuch der alten Dame“ auch beim nochmaligen Lesen unterhaltsam und ließ – wohl entgegen der Intention Dürrenmatts – nach einer Übersättigung mit dem derzeitigen Dystopien-Geschäft in Film und Fernsehen, nicht einmal ein leises Unbehagen zurück.

Das kleine Dorf Güllen erwartet, von Arbeitslosigkeit und Armut gebeutelt, hoffnungsvoll die Ankunft der Öl-Milliardärin Claire Zachanassian (ein Wortspiel, die Namen Zacharoff, Onassis, Gulbenkian). Die alte Dame reist mit ihrem siebten Gatten an und verspricht dem Dorf ihrer Jugend tatsächlich eine Spende von einer Milliarde – sofern sich jemand bereit erkläre, ihren damaligen Jugendfreund, den bis dato „beliebtesten Einwohner“ und Bürgermeisteranwärter Ill zu töten. Dieser hatte sechzig Jahre zuvor seine Vaterschaft an ihrem gemeinsamen Kind abgestritten und die hochschwangere Frau mit Schimpf und Schande davon gejagt. Nachdem sie in einem Bordell von einem armenischen Oligarchen entdeckt worden war, ging es bergauf mit ihr, doch verwunden hat sie Ills Betrug nie und fordert nun „Gerechtigkeit“. Die Güllener zeigen sich zuerst empört von dem unmoralischen, gar abscheulichen Angebot und bekennen sich zu Ill, dem Kaufmann aus ihrer Mitte. Doch nach und nach erliegen sie der Versuchung des Geldes, tätigen größere Investitionen, immer in dem Glauben, dass einer von ihnen Ill töten wird. Dessen Furcht wächst.

Eine Tragikomödie mit heiter-traurigen Wortwechseln und nachvollziehbarer Moral, die sich in jedem Dorf abspielen könnte, daher kaum Namen, nur Amtsbezeichnungen. Ein guter Einstieg, wenn man mit dem Lesen von Theaterstücken bisher wenig anfangen konnte, da die Dialoge hier kaum abgehackt und gestelzt sind, sondern sich sehr flüssig lesen lassen. Dazu humorvolle und kluge Regieanweisungen, die den Leser zusätzlich unterhalten.

Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie, Diogenes 1998, 155 S., 7,90€.