[LitFilm] NERVE

Hier kommt sie, die erste kurze Filmkritik! Ganz neues Pflaster und wirklich anders, als eine Buchrezension zu schreiben. Sobald sich wieder die Möglichkeit bietet, erscheinen unter dem Schlagwort [LitFilm] dann in Zukunft weitere Kritiken zu Literaturverfilmungen. Jetzt aber erst mal zu diesem Film:

NerveNew York, 2020: Der Highschool-Abschluss ist nahe, das College ruft und die schüchterne Vee (Emma Roberts) will sich endlich mal was trauen. Deshalb meldet sie sich beim illegalen Online-Spiel Nerve an, bei dem die Zuschauer (Watcher) dafür bezahlen, den Spielern (Player) Herausforderungen zu stellen. Die Player nehmen die teils peinlichen, teils gefährlichen Herausforderungen an und gelangen so zu Geld und Ruhm – oder scheiden aus.

Das Thema des Filmes könnte aktueller nicht sein: Es geht um den Verlust der eigenen Daten im Internet und die Angst vor totaler Fremdkontrolle. Nerve verpflichtet zu gnadenloser Selbstdarstellung Weiterlesen

Elizabeth Haynes: Wohin du auch fliehst

HaynesCathy, Anfang 20, genießt ihr Leben in vollen Zügen. Nach der Arbeit geht sie mit Freundinnen aus, tanzt und trinkt und nimmt ein ums andere Mal einen Mann mit nach Hause, den sie gerade erst kennen gelernt hat. Als sie dann den gutaussehenden und charmanten Lee trifft, der sie auf Händen zu tragen scheint, sind ihre Freunde begeistert- endlich die große Liebe. Als Cathy sich jedoch zunehmend eingeengt und bedroht fühlt, halten sie alle für undankbar oder schlicht verrückt. Ganz auf sich allein gestellt muss Cathy versuchen, sich ihrem Freund zu entziehen- doch der hat vorgesorgt…

Wohin du auch fliehst scheint zunächst zwei völlig verschiedene Frauen zu beschreiben: Die unbeschwerte und gedankenlose Cathy wird ihrem nur drei Jahre älteren Ich gegenübergestellt, das, von Zwangsstörungen und Panikattacken geplagt, versucht, seinen Alltag zu bewältigen. Nach und nach wird durch Rückblenden erzählt, wie Cathy Lee kennenlernt und er sich zunehmend als gewalttätiger Psychopath entpuppt, der nicht nur jeden ihrer Schritte kontrolliert, sondern ihr auch jede Möglichkeit zur Flucht nimmt. Viel besser noch als die Hilflosigkeit der jungen Cathy sind die Nachwirkungen der Beziehung auf ihr älteres Ich geschildert. Ihre Zwangsstörungen und Kontrollzwänge fressen ihren Alltag auf, wobei der Leser jedoch nach und nach erfährt, dass die Frau allen Grund hat, ihr Wohnungsschloss mehrmals zu kontrollieren. Schließlich gelingt es der Autorin Haynes, die als Fallanalytikerin bei der Polizei arbeitet, die beiden Erzählstränge geschickt zusammen zu führen. Ihr Debut wird damit zu einem packenden und realistischen Thriller.

Elizabeth Haynes „Wohin du auch fliehst“ (OT: Into the Darkest Corner), Diana TB 2013, 478S., 8,49€ 

Yassin Musharbash: Radikal

Erst wenige Wochen arbeitet die Studentin Sumaya für den Shooting-Star der Exil-Muslime Lutfi Latif, als ein Sprengstoffanschlag den Bundestagsabgeordneten jäh aus dem Leben reißt. Zusammen mit einer Journalistin und Latifs Sicherheitsberater Samson, einem studierten Arabisten, macht sich Sumaya an die Aufklärung des Anschlags- denn die Behörden scheinen nach dem Erscheinen eines Al-Quaida-Bekennervideos nicht mehr sonderlich an Ermittlungen in andere Richtungen interessiert zu sein.

Musharbashs Figuren sind personifizierte Meinungen: Es gibt die palästinensische Studentin, die, trotz ihrer Aufgeschlossenheit immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wird. Es gibt den Arabisten, der sich beruflich mit dem Thema Terrorismus auseinandersetzt und für eine differenzierte Sichtweise auf den medial gepushten Islam kämpft. Dann gibt es auch scheinbar skrupellose Journalisten von denen einige erkennen, dass es manchmal um mehr geht, als nur um eine gute Story. Und es gibt korrupte Beamte, ferngesteuert und zu ihren Zwecken missbraucht von einflussreichen Radikalen. Doch der Autor haucht diesen Stereotypen Leben ein und lässt sie auf oft überraschende Weise miteinander interagieren. Auch, wenn Latif als zu strahlende Lichtgestalt daherkommt und die Liebesgeschichte zwischen Samson und Sumaya etwas zu schnell anläuft, wird man nicht umhinkönnen, an der ein oder anderen Stelle über den flüssigen und humorigen Schreibstil des Autors zu lächeln, der den Protagonisten zwar allen einen ähnlich gearteten Humor und sich ähnelnde Reaktionsmuster verleiht, dafür aber auch gut unterhält.
Besonders bemerkenswert ist: Bei dieser Geschichte kommt fast niemand gut weg, was eindeutig für Musharbashs Realitätssinn spricht. Durch die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema, die den Leser mit Hintergrundwissen in kleinen Happen füttert, fühlt er sich gut aufgehoben. Wie nah dieser Thriller doch an unserer Wirklichkeit liegt, lässt sich wohl daran ausmachen, dass der Leser angesichts der ungerechten Vorurteile beider Seiten kaum nach Luft schnappen wird, – denn sie sind ihm nur allzu bekannt. Beide Seiten- das sind Islamisten und Islamophobe (und dass Microsoft Word letzteres Wort nicht kennt, zeigt, welcher Gruppe das Medieninteresse gilt). Oder es sind, wie Samson sinniert, Islamhasser und Islamhasserhasser. Dazu kommt, dass Radikalismus im Laufe der Geschichte salonfähig wird.
Sehr gelungen sind auch die vielen kleinen Anspielungen zu den letzten Aufregern der Integrationsdebatte und das Auf-die-Schippe-Nehmen des Journalistenjargons. Der Leser erfährt viel über die Wege, die Informationen nehmen oder nehmen können und die Bedeutung des Internets als Tummelplatz für Radikale jeder Art. Ich persönlich hätte mir mehr handfeste Informationen, z. B. zu Al-Quaida oder der Terrorabwehr im Allgemeinen gewünscht, denn oft blieb man auf dem Stand seines bisherigen Wissens und musste sich durch die vorgefertigten Meinungen verschiedener Gruppen lesen. Aber gerade das regt neben der Ausgewogenheit des Thrillers auch dazu an, sich noch mehr mit dem Thema zu beschäftigen und sich an den schwierigen Prozess der Bildung einer fundierten Meinung zu machen.
Musharbashs Thriller zeigt vor allem eins: Radikale gibt in verschiedenen Spektren, wobei die Medien einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf haben, was wir mit dem Begriff assoziieren.

Fazit: Wer mehr am aktuellen politischen Geschehen und dem moralischen Unding Vorurteil, als an nervenzerreißender Spannung  interessiert ist, wird ohne Zweifel John Le Carré zustimmen, der Musharbashs Debüt einen Triumph prophezeit. Die Wirkung der Aktualität des Themas wird enorm sein.

Yassin Musharbash „Radikal“, Kiepenheuer & Witsch 2011, 400S., 14,99€