Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie

Schon 2009 veröffentlichte der britische Historiker Peter H. Wilson seine Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg. Ende des letzten Jahres erschien das Werk unter dem Titel „Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie“ auch auf Deutsch. Das allgemein wieder aufgeflammte Interesse an diesem großen, lang andauernden Konflikt kommt nicht von ungefähr, denn er begann 1618 und jährt sich damit 2018 zum 400. Mal. Wilsons Monumentalwerk macht den Konflikt greifbar.

20180130_132643-02208412386.jpeg Weiterlesen

Petra Morsbach: Justizpalast (2017)

Justizpalast von Petra MorsbachWas macht man, wenn man als Kind einer gescheiterten Künstlerehe so richtig aus der Reihe tanzen will? Richtig, man zieht zum knorrigen Großvater und wird Spitzenjuristin und Richterin. Petra Morsbach erzählt in Justizpalast mit trockenem Humor und großer Liebe zu ihren Figuren die Geschichte ihrer Protagonistin Thirza Zorniger als hochintelligenter, reflektierter und dabei nahbarer Frau. Der beste Roman über die deutsche Justiz, den ich je gelesen habe.

 

Thirza Zorniger schaut kurz vor der Pensionierung auf ihr Leben zurück: auf zerbrochene Kindheitsfreundschaften, die „ostpreußische Tantenschule“ ihrer Kindheit und den mit sich hadernden Großvater, ehemals Richter unter den Nationalsozialisten. Auf ein eifriges und sehr erfolgreiches Studium („Wie weit komme ich mit meiner Mädchenlernerei?“) und erste Schwärmereien („Alfred kann nicht geliebt werden.“). Eine zerstörerische Affäre, dann spätes Glück mit einem von Selbstzweifeln geplagten Literaturliebhaber (ebenfalls Jurist). Und immer wieder ihre Arbeit im Münchner Justizpalast, die längste Zeit davon als Zivilrichterin.

Morsbach geht nur grob chronologisch vor, immer wieder schweifen die Gedanken ihrer Protagonistin in die Vergangenheit. Aufgelockert durch Begebenheiten aus dem Richterinnenalltag und teils kurios anmutende Fälle liest sich die Lebensgeschichte der Thirza Zorniger interessant, dabei aber auch äußerst realistisch. Ihre Probleme sind lebensnah: Entfremdung von den Eltern, Tod naher Angehöriger, berufliche Erfolgserlebnisse nach harter Arbeit, dabei Selbstzweifel, Suche nach Liebe und persönlicher Erfüllung, immer wieder die Frage „Lebe ich richtig? Lebe ich ganz?“.

Die ausführliche Recherche der Autorin zeigt sich neben dem sehr treffenden Einbringen von juristischer Denkweise und Fachbegriffen besonders an der Einflechtung aktueller Probleme der deutschen Justiz. Im Hintergrund steht immer die große Frage nach Gerechtigkeit im Vordergrund  die Überlastung der Richter, Einflussnahme von Lobbyisten auf Gesetze, das Spannungsverhältnis zwischen Karrierestreben und Gerechtigkeitswunsch, wobei ein gewisser Standesdünkel nicht in Abrede zu stellen ist. Dazu kommen – wir betrachten die Welt durch die Augen einer weiblichen Juristin – Männerseilschaften, die das persönliche berufliche Fortkommen erschweren.

Hat die Protagonistin Thirza Zorniger ihr Leben für die Gerechtigkeit geopfert? Oder ist dieser Gedanke vermessen und noch dazu pathetisch? Wie viel Gerechtigkeit steckt in der Maschinerie Rechtsprechung? Präzision, Perfektion, Mitgefühl – auf was kommt es beim Richten an?  Petra Morsbach ist mit Justizpalast ohne Zweifel ein ganz großartiger Roman über die deutsche Justiz gelungen.

Petra Morsbach, Justizpalast, Knaur 2017, 480 S., 25€, ISBN: 978-3-8135-0373-9.

Zum Buch auf die Verlagsseite

Wissenstipp: Justiz, Rechtswissenschaften, Rechtsphilosophie

Weitere Meinungen zum Buch finden sich u. a. bei:

Stephen A. Smith: Revolution in Russland (2017)

Smith_RusslandIn diesem Jahr jährte sich die Oktoberrevolution in Russland zum hundertsten Mal. Das brachte eine ganze Flut von Sachbuch-Neuerscheinungen mit sich. Das Jahr ist also wie gemacht dafür, endlich einmal mehr über russische Geschichte zu erfahren. Weil mich nicht allein die Revolutionsjahre interessieren, habe ich mich für Stephen A. Smiths Werk entschieden: Es ist eines der wenigen, das auch das größere zeitliche Umfeld mit in den Blick nimmt. Weiterlesen

10 Fragen zu Büchern – Stoff zum Nachdenken

Birgit von Sätze und Schätze hat schon vor einer Ewigkeit (2015) zehn Fragen zu Büchern gestellt, auf die sich Buchbloggerinnen und -blogger nur so gestürzt haben. An mir ist diese interessante Welle persönlicher Eindrücke damals vorbeigeschwappt und ich bin erst durch Xeniana von Familienbande darauf aufmerksam geworden als sie begonnen hat, jeder Frage einen eigenen Beitrag zu widmen. Über die Fragen musste ich manchmal ganz schon nachgrübeln, aber jetzt bin ich mit meinen Antworten zufrieden – und froh, dass immer nur nach einem einzigen Buch gefragt wurde.

10 Fragen zu Büchern

Weiterlesen

Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

anouk-jehova

Misha Anouk wurde in einem Zeitungsartikel der letzten Wochen erwähnt. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr, aber seine Lebensgeschichte hat mich sofort interessiert. Aussteiger-Bücher sind spannend. Geschlossene, teils undurchsichtige Gemeinschaften haben ja auch immer etwas Faszinierendes. Überrascht hat mich, auf welche Weise Anouk seinen Lesern diese Glaubensgemeinschaft, der er selbst 20 Jahre lang angehört hat, näher bringt.

Misha Anouk wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. In vielen Bundesländern mittlerweile als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, in einigen noch nicht, ist der Name dieser Gemeinschaft wohl jedem ein Begriff. Jeder verbindet irgendeine Vorstellung von den Mitgliedern dieses Zusammenschlusses: Gläubige, freundliche, adrett und bieder gekleidete Damen, Herren und Kinder, die häufig mit der Zeitschrift „Wachturm“ in der Hand in der Fußgängerzone stehen. Weiterlesen

Chaim Potok: Die Erwählten (1967)

New York zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: ein Baseballspiel zwischen zwei Schulen, Daniel am Schlagmal, Reuven fangbereit gegenüber. Aus dem Spiel wird schnell ein Krieg zwischen zwei Weltanschauungen. „Ich wollte dich umbringen“, wird Danny Reuven später im Krankenhaus gestehen – und damit eine fordernde, aufreibende und lebenslange Freundschaft begründen.

potok-die-erwaehlten Weiterlesen

Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Rainer Wieland: Das Buch des Reisens

wieland-rainerDieser Schatz von einem Buch enthält 69 Reiseberichte aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte. In dem ausführlichen Vorwort wird erklärt, dass nur Berichte aufgenommen wurden, von denen man annimmt, dass sie Reisen beschreiben, die tatsächlich stattgefunden haben. Die Berichte wurden dann meist von Teilnehmern der Reise selbst verfasst. Dadurch, dass man den Autor als Reisenden betrachtet, eröffnet sich ein ganz neuer Blickwinkel. Weiterlesen

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.