Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

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Misha Anouk wurde in einem Zeitungsartikel der letzten Wochen erwähnt. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr, aber seine Lebensgeschichte hat mich sofort interessiert. Aussteiger-Bücher sind spannend. Geschlossene, teils undurchsichtige Gemeinschaften haben ja auch immer etwas Faszinierendes. Überrascht hat mich, auf welche Weise Anouk seinen Lesern diese Glaubensgemeinschaft, der er selbst 20 Jahre lang angehört hat, näher bringt.

Misha Anouk wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. In vielen Bundesländern mittlerweile als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, in einigen noch nicht, ist der Name dieser Gemeinschaft wohl jedem ein Begriff. Jeder verbindet irgendeine Vorstellung von den Mitgliedern dieses Zusammenschlusses: Gläubige, freundliche, adrett und bieder gekleidete Damen, Herren und Kinder, die häufig mit der Zeitschrift „Wachturm“ in der Hand in der Fußgängerzone stehen. Weiterlesen

Chaim Potok: Die Erwählten (1967)

New York zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: ein Baseballspiel zwischen zwei Schulen, Daniel am Schlagmal, Reuven fangbereit gegenüber. Aus dem Spiel wird schnell ein Krieg zwischen zwei Weltanschauungen. „Ich wollte dich umbringen“, wird Danny Reuven später im Krankenhaus gestehen – und damit eine fordernde, aufreibende und lebenslange Freundschaft begründen.

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Deborah Feldman: Unorthodox (2016)

feldman_unorthodoxDeborah steigt aus. Aus den engen, dicken Strumpfhosen. Aus der Rolle als umher huschende Ehefrau und Mutter einer möglichst zahlreichen Kinderschar. Aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde im heutigen Williamsburg, Brooklyn, New York.

Die 1986 geborene Autorin erzählt in diesem autobiografischen Werk von ihrer Kindheit und Jugend einer der weltweit größten chassidischen Gemeinden. Die häufig auch als Sekte bezeichnete Gemeinschaft der Satmarer Juden, eine Gruppe von über 100.000 Personen, hält den Holocaust für eine Strafe Gottes und lehnt den Staat Israel rigoros ab. Kinderreichtum und ein bescheidenes, an Armut grenzendes Leben sind ein Muss, ebenso ein (auch gewaltsames) Eintreten für die eigene Überzeugung. Die Kinder besuchen private religiöse Schulen. Jungen und Mädchen getrennt; weltliche Fächer wie etwa Englisch sind zweitrangig – in Williamsburg wird Jiddisch gesprochen. Die Gemeinde bringt Jungen hervor, so fromm, dass sie nicht mit ihrer eigenen Großmutter sprechen, weil sie eine Frau ist. Weiterlesen

Rainer Wieland: Das Buch des Reisens

wieland-rainerDieser Schatz von einem Buch enthält 69 Reiseberichte aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte. In dem ausführlichen Vorwort wird erklärt, dass nur Berichte aufgenommen wurden, von denen man annimmt, dass sie Reisen beschreiben, die tatsächlich stattgefunden haben. Die Berichte wurden dann meist von Teilnehmern der Reise selbst verfasst. Dadurch, dass man den Autor als Reisenden betrachtet, eröffnet sich ein ganz neuer Blickwinkel. Weiterlesen

Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie

 

Schwarze MagnolieHyeonseo ist ein normaler Teenager: Sie mag Mode, streitet sich mit ihrem jüngeren Bruder, schaut gerne Fernsehserien – und lebt in Nordkorea.

Mehrmals zieht ihre Familie innerhalb des Landes um, der Vater bekleidet einen gehobenen Rang in der Armee, daher sind Fernseher und Kühlschrank für sie keine Fremdworte. Die Familie ist auch nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten, hin und wieder gelingt es Hyeonseo, sich eine südkoreanische Soap anzusehen oder eine Kassette mit Pop-Musik zu ergattern. Ansonsten sind ihre Tage eine Aneinanderreihung von Schule, „freiwilligen“ Arbeitsdiensten und erschöpfenden Proben für Massenveranstaltungen.

Als der Vater hingerichtet wird und es den Rest der Familie an den Yalu-Fluss nahe der chinesischen Grenze verschlägt, weiß Hyeonseo: Jetzt oder nie, denn einmal erwachsen, wird sie keine Möglichkeit mehr haben, sich ungestraft außerhalb der Landesgrenzen zu bewegen. Sie will nur für eine Nacht die gegenüberliegende chinesische Stadt erkunden und ahnt nicht, dass ihr der Rückweg für immer versperrt sein wird. In den nächsten Jahren lebt sie als Flüchtling, schlägt sich unter falschem Namen durch und kann ihre Heimat Nordkorea dabei doch nie vergessen.

 

Im Deutschen trägt das Buch den Titel „Schwarze Magnolie – Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“. Das ist unnötig reißerisch, denn zum einen kann man sich als Leser vorstellen, dass eine Biografie eines nordkoreanischen Flüchtlings keine Wohlfühl-Lektüre ist, zum anderen fängt der Untertitel die Stimmung des Buches nicht ein. Das Besondere an dieser Geschichte ist gerade, dass sie – ganz anders etwa als das vor einigen Jahren erschienene „Flucht aus Lager 14“ – Nordkorea differenziert betrachtet. Das Land ist nicht ausschließlich „Hölle“, sondern eben auch Heimat und Kindheitsort der Autorin. Das bedeutet nicht, dass Grausamkeiten ausgespart werden, auch hier spielen die regelmäßig stattfindenden Hinrichtungen, Hungersnot, politische Indoktrination und eine alles überwachende Geheimpolizei eine Rolle. Aber es sind auch die schneebedeckten Berge und der familiären Zusammenhalt, den die Autorin beschreibt. An manchen Stellen merkt man der Erzählung dabei deutlich an, dass sie literarisch aufbereitet wurde, etwa, wenn die Autorin sich nach 15 Jahren noch daran erinnert, dass vor dem Fenster ein Eichelhäher sang. Doch das trägt auch dazu bei, dass dieser Bericht schafft, was vielen anderen nicht gelingt: Nicht nur die Sensationslust des westlichen Lesers zu befriedigen, sondern ebenso zu zeigen, dass Nordkorea für viele Flüchtlinge eben nicht nur „Hölle“, sondern auch „Heimat“ ist.

Bemerkenswert ist, dass „Schwarze Magnolie“ nach der Flucht der Autorin, die relativ früh im Verlauf des Buches stattfindet, nicht abbaut. Viele Flucht- oder Ausstiegsgeschichten verlieren gerade dann an Spannung, hier aber kann das Interesse des Lesers aufrecht erhalten werden, auch dadurch, dass der Autorin immer wieder Zweifel kommen, ob die Flucht richtig war und sie versucht, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Die Erzählung wirkt dadurch authentisch, dass auch vermeintlichen Kleinigkeiten Beachtung geschenkt wird, zum Beispiel, wenn die Autorin ihrem Bruder und ihrer Mutter moderne chinesische Kleidung mit bringt, damit sie jenseits der Grenze nicht sofort als Nordkoreaner auffallen. Man erfährt nicht nur Einzelheiten über das gesellschaftliche Leben in Nordkorea, auch Aspekte des chinesischen Gesellschaftslebens und der Umgang mit der koreanischen Community dort werden geschildert. Großen Raum nimmt auch die Eingewöhnung in Südkorea ein; der Kontrast zwischen dem temporeichen, sehr leistungsorientierten Leben im Süden und der weitestgehenden „Freiheit“ davon, Entscheidungen treffen zu müssen im Norden wird mehr als deutlich. Ebenso, dass viele Nordkoreaner nach erfolgreicher Flucht genau an diesem Unterschied scheitern.

Es wird hervorgehoben, dass die Autorin in Nordkorea ein privilegiertes Leben geführt hat, aber auch auf ihrer Flucht häufig Glück hatte. Da ist es aufschlussreich, dass kleine Geschichten anderer Flüchtlinge, die der Autorin begegnet sind, eingeflochten werden. Fälle, die zeigen, dass die Flucht nicht immer glimpflich abläuft, häufig von physischer und sexueller Gewalt, Demütigungen, Gefängnisaufenthalten und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden ist.

In die Mitte des Buches wurden Bilder aufgenommen, die den beschriebenen Personen ein Aussehen geben. Es finden sich auch hilfreiche Karten, die die Umzüge der Familie innerhalb Nordkoreas und verschiedene Fluchtrouten zeigen. Diese netten Besonderheiten machen „Schwarze Magnolie“ zusammen mit seinem Detailreichtum und seinen differenzierten Beschreibungen zu einem der besten Berichte aus und über Nordkorea, die ich bisher gelesen habe.

Hyeonseo Lee mit David John, „Schwarze Magnolie. Wie ich aus Nordkorea entkam. Ein Bericht aus der Hölle“ (OT: The Girl with Seven Names – A North Korean Defector’s Story), Heyne 2015, 415 S., 19,99€.

die Tipp!-Blase

Nordkorea; Gesellschaft in China, Südkorea

Ein lesenswerter Bericht zur schwierigen Integration nordkoreanischer Flüchtlinge wurde auch in den KAS Auslandsinformationen veröffentlicht.

 

Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot

rotDas Rot zieht sich durch die Geschichte Ambas und der Menschen, die ihr begegnen. Im Indonesien der 60er Jahre ist es die Farbe des aufstrebenden Kommunismus, der Idee von einer besseren Gesellschaft, die die noch offenen Wunden der niederländischen Kolonialzeit heilen soll. Rot ist die Farbe des Blutes, das beim Kampf von Parteiverbänden und Jugendorganisationen im ganzen Land vergossen wird, das Familien trennt und neue Wunden aufreißt. Rot ist auch die Farbe der Liebe und Sinnlichkeit, die Amba und Bhisma verbindet, genauso, wie es in der hinduistischen Mythologie im Mahabharata[1] erzählt wird. Als sie Bhisma in den Wirren der Straßenkämpfe verliert, baut Amba sich ein neues Leben auf. Doch nach vierzig Jahren, als gealterte Frau, erfährt sie von seinem Tod weit weg auf der Insel Buru – einer ehemaligen Kolonie für politische Gefangene. Im Jahr 2006 macht sie sich auf und wandelt auf seinen Spuren in einem von Unsicherheit, Korruption und religiösen Spannungen geprägten Teil der Welt.

 

Alle Farben Rot erzählt Ambas Geschichte und dadurch zugleich viele andere: Als junge Frau muss Amba sich gegen die herrschenden Konventionen stellen und ihre Familie verlassen, um in der nächstgelegenen Stadt studieren zu können. Immer wieder klingt die Geringschätzung von Frauen im Alltagsleben an, ebenso aber auch ihre fast göttliche Überhöhung. Mehr aus Kompromissbereitschaft gegenüber ihren Eltern denn aus Liebe verlobt sich Amba mit dem Lehrer Salwa, der – rechtschaffen und mit Aussicht auf eine Karriere – selbst aus einem Elternhaus stammt, in dem Religiosität und politische Orientierung immer wieder zu Konflikten führen. Er selbst versucht sich mehr schlecht als recht aus den politischen Wirren der Zeit herauszuhalten. Ganz anders der Arzt Bhisma, der in Leipzig studiert hat und mit dem Kommunismus sympathisiert. Durch ihn lernt Amba Künstler und Aktivisten kennen, wobei sie das Gefühl hat, dass der von jeher gut situierte Bhisma unter ihnen ein Außenseiter bleibt. Ihr Ehemann dann, ein Ausländer, bleibt allen Schikanen zum Trotz aus Liebe zum Land und zu ihr in Indonesien. Zusammen mit einem ehemaligen Gefangenen macht Amba sich nach seinem Tod auf zur Inselgruppe der Molukken, zu Menschen, von denen viele den Niederländern bis zum Schluss die Treue hielten, die dann nach einem unabhängigen Staat strebten und nun in Armut und einem immer wieder aufflammenden Konflikt zwischen den Religionen gefangen sind.

 

Der wunderschön gestaltete Einband – violette Holzmaserung der Buchdeckel, tiefes Rot des Umschlags und des Lesebändchens – lassen die Farbenpracht und Fülle von Eindrücken erahnen, die auf einen Besucher Indonesiens einstürmen. Schon beim Lesen des Romans meint man, immer wieder die Gerüche der Speisen und das dunkle Dickicht des Dschungels zu riechen. Anders als beispielsweise indische Autoren, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte, verliert sich die Autorin Pamuntjak aber nicht in ausufernden Beschreibungen dieser Fülle. Ihr Stil neigt zum Ausschmücken, ohne langatmig zu sein. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie ihre Protagonistin Amba aufbaut: Als junge Frau entscheidet sie sich gegen den für sie vorgezeichneten Weg der frühen Ehe und einem Leben als Mutter und Hausfrau, schließt dieses aber nie ganz für sich aus, solange es ihre Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt. Sie analysiert ihre Umgebung und die gesellschaftlichen Gegebenheiten mit scharfem Blick und reflektiert auch ihre Beziehung zu Bhisma immer wieder. Obwohl die Figur Bhismas das Potenzial hat, klischeehaft und überhöht dargestellt zu werden, zeigt die Autorin durch Ambas Augen seine Fehler auf, lässt ihn selbst mit Ängsten und Sorgen zu Wort kommen und porträtiert ihn dadurch auf vielschichtige Weise. Dies trifft auf die meisten Figuren in Alle Farben Rot zu: Keine ist nur „Mittel zum Zweck“, alle Figuren haben ihre eigene Geschichte, ihre Gedanken und Gefühle, auf die die Autorin mal länger mal kürzer eingeht. Als Leser bekommt man dadurch das Gefühl, es mit realen Menschen zu tun zu haben, die genauso oder zumindest ähnlich leben könnten.

 

Die politische Situation Indonesiens ist die Grundlage, aus der die persönlichen Geschichten der Figuren erwachsen. Besonders dankenswert ist hierbei das angefügte Glossar, das eine kurze Erklärung der aus dem Indonesischen übernommenen Wörter bietet. Ich kam allerdings nicht umhin, häufig noch in anderen Quellen nach bestimmten Namen und Orten zu suchen, da ich bei meiner bis dato völligen Unkenntnis der indonesischen Geschichte nie sicher sein konnte, ob Personen, Orte und Geschehnisse real sind oder durch die Autorin hinzugedacht wurden, um die Geschichte abzurunden. Sehr hilfreich wäre eine Karte (Süd-)Indonesiens gewesen, denn viele Städte und gar ganze Inseln waren mir bis zur Lektüre des Buches unbekannt.

 

Alle Farben Rot war mein erster Roman aus dem Indonesischen und hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste zuvor nur wenig über die Geschichte des Landes, die in diesem Buch eine so große Rolle spielt und so viel mehr Gelegenheit für weitere Erzählungen bietet. Das Straflager auf Buru, dessen menschenverachtende Organisation hier nur angedeutet wurde,[2] brachte z.B. die Buru-Tetralogie hervor, deren Autor Pramoedya Ananta Toer auch eine kleine Rolle in diesem Buch spielt. Bereits nach diesem Roman habe ich den Eindruck, dass die Frankfurter Buchmesse mit Indonesien 2015 ein so spannendes, vielschichtiges und interessantes Land ausgewählt hat, dass es sich durchaus lohnt, die dortigen Veröffentlichungen weiter zu verfolgen.

 

Laksmi Pamuntjak „Alle Farben Rot“, aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke, ullstein 2015, ISBN-13 9783550080869, 672 S., 24,00€.

 

Tipp-BlaseIndonesische Geschichte, Kultur und Mythologie, Suharto, Massaker 1965–1966, Kommunismus in Indonesien, Strafkolonie Buru

 

[1] Eine vollständige Übersetzung des Mythos ist frei zugänglich: http://www.mahabharata.pushpak.de/ .

[2] Ein lesenswerter Artikel des Hamburger GIGA-Instituts zur Vergangenheitspolitik in Indonesien findet sich unter https://giga.hamburg/de/system/files/publications/gf_asien_1403.pdf .

 

„Alle Farben Rot“ wurde ebenfalls gelesen und besprochen von:

dem Leselupenblog
dem Lesekabinett Leipzig
Dragonviews

 

 

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Clark - SchlafwandlerAls Clarks Sachbuch zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs punktgenau 2014, 100 Jahre nach Kriegsausbruch, erschien, hagelte es Lob und Kritik gleichermaßen.

Bemerkenswert war zuerst einmal, dass sich ein australischer Historiker daran machte, ein neues Standardwerk zum Ersten Weltkrieg zu verfassen. Clark wartet mit einer nuancierten Bewertung der Kriegsschuldfrage auf und hielt sich mit einem historischen Sachbuch wochenlang auf Platz Eins der Bestsellerlisten [1]. Die Kritiker, unter ihnen auch zahlreiche Buchblogger, bemängelten nicht etwa die durchaus vorhandene Genauigkeit und die Materialauswahl (eine schier unüberschaubare Fülle), sondern waren häufig schlicht anderer Meinung als der Autor. Besonders aus Clarks Gewichtung der Ereignisse, aus der Rolle, die er ihnen für den Kriegsausbruch beimaß, speiste sich die Kritik. Daran kann und möchte ich mir an dieser Stelle gar nicht beteiligen, denn mir fehlt schlicht die Historiker-Ausbildung, die mir erlauben würde, eine eigenständige Bewertung der von Clark verwendeten Dokumente vorzunehmen. Schon aus Problemen der Zugänglichkeit heraus, ist es wohl leichter, vergleichbar umfangreiche Werke zum gleichen Thema zu lesen, um hier bewusst mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden. Dass Clark seine Meinung auf Grundlage der von ihm ausgewerteten Dokumente kundtut, ist als Historiker nun einmal seine Aufgabe.

Für mich war die Lektüre seines Werkes „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ bereichernd. Beim Lesen spürte man eine gewisse Distanz des Autors zu den Ereignissen, die vielleicht aus seiner Rolle als australischer Historiker, der sich nicht um die gerade vorherrschenden Strömungen und gewissermaßen die „Befindlichkeiten“ der europäischen und nationalen Geschichtswissenschaften kümmern muss, herrührt. Besonders beeindruckt hat mich der ausführliche und tiefgehende Einblick in die serbische Geschichte. Clark gesteht Serbien eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Kriegsausbruch zu und schildert detailverliebt die Ansichten verschiedener Nationalisten und die Planung des Attentats auf Franz Ferdinand. Für mich waren diese Feinheiten neu und lesenswert; in Serbien selbst hingegen, sorgte die komprimierte und nicht immer schmeichelhafte Darstellung der Landesgeschichte – schmeichelhaft ist bei Clarks Buch die Darstellung keiner nationalen Geschichte – für Aufregung [2]. Interessant, wie auch noch hundert Jahre später ein Geschichtsbuch die Gemüter erregen kann.

Beeindruckend waren auch die große Anzahl der ausgewerteten Dokumente und die detaillierten Angaben der Fundstellen im Glossar, die es ermöglicht, sich bei Interesse ggf. selbst ein Bild des Sachverhalts zu machen. Clark reiht dabei nicht nur historische Fakten aneinander, auch, wenn der Text insgesamt sehr dicht ist und es sich empfiehlt, die eine oder andere Passage zweimal zu lesen. Der Autor schreibt so unterhaltsam, wie es für ein seriöses Sachbuch über die Vorgeschichte eines Weltkrieges möglich scheint. An einigen Stellen erschien mir persönlich Clarks Schreibstil aber zu locker; unangenehm aufgefallen ist hier besonders die Titulierung des jungen Zar Nikolaus als „Teenager Nicky“.

„Die Schlafwandler“ eröffnet einen weit differenzierteren Blick, als er im Schulunterricht ermöglicht wird. Denn egal, ob man den Thesen des Autors folgt oder nicht, so wird anhand des Buches deutlich, dass es durchaus möglich ist, die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und besonders die Schuldfrage, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Wer also seine Geschichtskenntnisse vertiefen oder auffrischen will, ist mit der Lektüre sehr gut beraten. Um Längen zu vermeiden, ist es auch möglich, bestimmte Kapitel herauszugreifen und sich eingehender mit den Ereignissen eines bestimmten europäischen Landes zu befassen.

Christopher Clark „Die Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog“ (OT: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914), Pantheon Verlag 2015, 2. Auflage, 896 S., 19,99€.

[1] http://www.zeit.de/2014/18/erfolg-historische-sachbuecher

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-erster-weltkrieg-geschichtsbuch-treibt-serbiens-elite-um-1.1869422

Seit langer Zeit kann ich wieder einmal die Tipp-Blase anheften, denn die Lektüre der „Schlafwandler“ war ein echter Wissensgewinn.

Tipp-BlaseEuropäische Geschichte des 19./20. Jahrhunderts

Tipp: Stephan Hobe – Einführung in das Völkerrecht

HobeZugegebenermaßen habe ich (bisher) nicht das ganze Werk gelesen. Lediglich die Kapitel über Krieg und Frieden und die Möglichkeiten internationaler Interventionen bzw. Ausnahmen vom Gewaltverbot habe ich mir unter das Kopfkissen gelegt. Doch anhand dieser beiden Kapitel spreche ich meine Empfehlung für Hobes „Einführung in das Völkerrecht“ aus. Sowohl für Politikwissenschaftler als auch für Juristen geschrieben, bedient sich Hobe einer verständlichen Sprache und bereitet die verschiedenen Themenbereiche des Völkerrechts anschaulich auf. So finden sich wichtige Begriffe kursiv gedruckt, Definitionen und Zitate abgesetzt und immer wieder Verweise auf Grundprinzipien und Beispiele aus der Historie. Auch privat eine lesbare und (aus WissensjägerInnen-Sicht) gewinnbringende Lektüre.

Stephan Hobe „Einführung in das Völkerrecht“, 704 S., UTB, 10. Auflage erscheint am 17.09.2014, ca. 30€.

Jack Holland: Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses

Misogynie: Die älteste Diskriminierung der Welt- so titelt der Verlag Zweitausendeins über das Werk des Journalisten Jack Holland. In acht Kapiteln berichtet der von der Entstehung der Misogynie, erstmals nachweisbar im alten Griechenland, über ihre Auswüchse im alten Rom und das Paradox von Marienverehrung und Hexenverbrennung im Christentum. Holland beleuchtet auch das verzerrte Frauenbild im viktorianischen Zeitalter und gelangt darüber schließlich bis in unsere Zeit, indem er Pornografie und islamistische Frauenfeinde in die lange Reihe ihrer Vorgänger stellt.
Während er chronologisch vorgeht, bezieht sich Holland auf die frühen Schöpfungs- und Göttermythen und deckt die daraus abgeleitete Realpolitik der Zeit auf, die, von Männern gemacht, darauf abzuzielen schien, die Frau durch abstruse Ehe- und Scheidungsgesetze möglichst klein zu halten. Aber dabei belässt er es nicht, denn er setzt dem Leser auch altbekannte Geschichten wie die der sexbesessenen Messalina vor und analysiert, wie diese Geschichten, die wir heute als bekanntes Kulturgut hinnehmen und ob der großen Dichternamen, die dahinter stehen, kaum hinterfragen, prügelnden Ehemännern in früher Zeit eine sehr willkommene Rechtfertigung boten.

Besonders beeindruckend an Hollands Werk ist die Unnachgiebigkeit, mit der er dem Frauenhass durch die Jahrtausende nachspürt und psychologische Hintergründe beleuchtet. Wie er gleich zu Beginn Position bezieht und beschreibt, dass Männer, denen er von seiner Arbeit erzählte, schmunzelnd davon ausgingen, dass er an einer Rechtfertigung der Misogynie –sofern ihnen dieser Begriff denn geläufig war- aus männlicher Sicht arbeitete, während Frauen gespannte Nachfragen zu seinen Rechercheergebnissen stellten. Sympathiepunkte beim geneigten Leser sammelt er schon im Vorwort seiner Arbeit, wenn er auf die Frage, warum gerade ein Mann ein Buch über Frauenhass schreibt, schlicht antwortet: Weil Männer ihn erfunden haben.
Holland betrachtet die Geschichtsschreibung fast ausschließlich vom Standpunkt der Misogynie aus, was Kritiker „einseitig“ nennen könnten, doch ist Hollands Blickwinkel ein mutiger, völlig neuer, in keinem Geschichtsbuch zu findender. Wenn er Gewalt gegen Frauen- wobei es ihm an schockierenden Beispielen nicht mangelt- in politisch instabilen, an sich schon menschenverachtenden System beschreibt, dann zeigt er mit unvergleichlicher Klarheit auf, dass scheinbar religiös oder politisch motivierte Verbrechen besonders Verbrechen von Männern an Frauen sind; dass sich darin die Täter aller Anschauungen und Überzeugungen gleichen.

Jack Hollands Chronik des Frauenhasses ist gelungen, wichtig und viel zu wenig beachtet. Vor allem aber ist sie absolut lesenswert- für Menschen beiderlei Geschlechts.

Jack Holland „Misogynie- Die Geschichte des Frauenhasses“, Zweitausendeins 2007, 405 S.

  Geschichte des Abendlandes, Religionsgeschichte, Rolle der Frau im Wandel der Zeit