[Gastbeitrag] „African Voices” und „Voicing Africa” – Somalia

Der junge Blog emerald notes überzeugt seit Bestehen mit fundierten und ausführlichen Rezensionen zu Büchern, die ich bislang auf keinem anderen Blog gesehen habe. Eine wahre Fundgrube für alle Leser, die auf der Suche nach Neuem sind. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf afrikanischer Literatur, die bislang auch hier im Wissenstagebuch keinerlei Platz gefunden hat. Völlig zu Unrecht, wie sich zeigt, denn es gibt wunderbare Werke zu entdecken. Daher freue ich mich, heute den zweiten Teil eines Gastbeitrags veröffentlichen zu können, der sich mit einem ganz besonderen und tragischen Land beschäftigt: Somalia.

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Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

HochgeschwenderWie wurden die USA was sie heute sind? Gerade in diesen Nachwahlwochen blickt die Welt auf die USA – wie sie es seit ihrer Gründung getan hat. Doch wer sind „die Amerikaner“; was bewegte sie zur Unabhängigkeit? Michael Hochgeschwender liefert auf knapp 450 Seiten eine umfassende, fundierte und sehr lesbare Antwort für die Gründungszeit der Vereinigten Staaten.

Der Münchener Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte konzentriert sich auf die Jahre 1763-1815 und zeichnet minutiös die Ereignisse nach, die zur Unabhängigkeit der ehemals britischen Kolonien führten. Die bekannte Tea-Party nimmt dabei nicht mehr Raum ein, als viele andere, ebenso wichtige Ereignisse. Hochgeschwender knüpft an amerikanische Geschichtsforschung an und zeigt, wo möglich, Kontinuitäten bis in die heutige Zeit auf. Seine Darstellung endet nicht mit der Unabhängigkeit der USA, vielmehr beschreibt er auch die ersten schwierigen Jahrzehnte nach der Revolution und zeigt dabei auf, dass es das eine amerikanische Interesse nie gegeben hat, dass Religion, Grundbesitz, Familienzugehörigkeiten und Verbindungen nach Großbritannien lange Zeit eine große Rolle spielten.

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Alain Badiou: Wider den globalen Kapitalismus

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…Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris.

Mit Alain Badious Streitschrift habe ich lange gekämpft. Das dünne Büchlein umfasst gerade einmal 64 Seiten, aber die sind gefüllt mit sehr dichten, konsequent ausgeführten Gedanken. Immer wieder habe ich neu begonnen, Thesen unterstrichen, Zusammenhänge markiert. Das Büchlein ist die Mitschrift eines Vortrages, den Badiou am 23. November 2015 gehalten hat. Weiterlesen

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen

-wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.

Dass es Ungerechtigkeit auf der Welt gibt- und das seit jeher- ist allgemein bekannt und wird mit schöner Regelmäßigkeit angeprangert: von den Kirchen, verschiedenen NGOs, Politikern, Schauspielern. Immer wieder, gerade jetzt, da die Weihnachtszeit näher rückt, wird an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung der westlichen Industrieländer appelliert. Im günstigsten Fall weiß sie, welchen Weg ihre Spenden nehmen und in welche Projekte das Geld fließt. Was viel weniger bekannt ist, sind die Hintergründe, die Gründe dafür, warum Spenden überhaupt nötig sind. Warum ist die ,,Dritte Welt“ arm? Worum streiten sich die rivalisierenden Gruppen, die ganze Länder ins Elend stürzen? Für die Misere eines Großteils der Weltbevölkerung allein Naturkatastrophen und fehlende Düngemittel verantwortlich zu machen, würde viel zu kurz greifen. So leicht macht es sich Jean Ziegler, emeritierter Soziologie-Professor und Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, auch nicht.

Im ersten Teil seines Buches untersucht der Autor die Gründe für den ,,Hass auf den Westen“, der in fast allen armen Ländern mehr oder weniger offen zutage tritt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die jahrhundertelange Verachtung  der Völker der ,,Neuen Welt“, Afrikas und Asiens durch Sklaverei, Kolonialismus und Zwangschristianisierung ihre feste Verankerung im kollektiven Gedächtnis ebenjener gefunden hat. Dieses kollektive Gedächtnis wird erst in der heutigen Zeit aufgearbeitet. Um dieses Phänomen zu erklären, verweist er auf die offensichtliche Parallele zur Aufarbeitung der Verbrechen Nazi-Deutschlands, welche auch erst Jahrzehnte später begann.
Strikt verurteilt Ziegler die inschutznahme des Kolonialismus und der Zwangschristianisierung, wie sie u.a. von verschiedenen Politikern und dem Papst bei Auslandsbesuchen praktiziert wird. Anschaulich schildert er die Situation aus Sicht der unterworfenen Völker und straft damit die Beschwichtigungsversuche westlicher Politstars Lügen; die Darstellung des Sachverhalts durch Westler eine Beleidigung und Verdrehung der Geschichte.

Im zweiten Teil nimmt er Bezug auf die heutige Situation und macht deutlich, dass Wirtschaft und Börse an die Stelle der Sklavenmärkte und Baumwollplantagen getreten sind. Die Stellung der einst kolonialisierten Völker habe sich nicht geändert, einzig die Methoden des Westens seien unter dem Deckmantel der Menschenrechte andere geworden.
Diese Überlegung führt Ziegler im dritten Teil weiter aus. Er zeichnet die ,,Schizophrenie des Westens“ nach und macht die Arroganz und den Zynismus deutlich, welche hinter dieser stecken.

Die beiden letzten Teile seines Buches sind den Ländern Nigeria und Bolivien gewidmet, an welchen er, von seinen Reiseerfahrungen berichtend, das Ausmaß westlichen Einflusses deutlich macht. In beiden Ländern trägt der Westen einen Teil der Schuld an dem Elend der Bevölkerung, nicht allein durch politische Entscheidungen, sondern vielmehr durch die grenzenlose Gier seiner Wirtschaftsunternehmen, die mit erschreckender Skrupellosigkeit mit Militärregimes verhandeln und weder Rücksicht auf die Umwelt, noch auf die Armut der ausgebeuteten Bevölkerung nehmen. Am Beispiel Boliviens zeigt Ziegler dann, wie der Weg aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Schulden aussehen kann und welche neuen innen- und außenpolitischen Probleme daraus entstehen.

Fazit: Der Schweizer Jean Ziegler, u.a Preisträger des Literaturpreises für Menschenrechte (2008), informiert außerordentlich kompetent und verständlich über sonst eher schwer durchschaubare und oft bewusst zurückgehaltene  Zusammenhänge der westlichen  Politik gegenüber den armen Ländern der Welt.  Denn die Bilanz, die er zieht, ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Zu oft nutzen westliche Unternehmen die Abhängigkeit von Entwicklungsländern aus, und, was viel schlimmer ist, tragen erheblich dazu bei, diese wirtschaftliche Abhängigkeit zu stärken.  Ziegler deckt hier Zusammenhänge auf und stellt sie mit solch erschreckender Klarheit dar, dass es dem Leser nahezu unmöglich ist, die schreiende Ungerechtigkeit zu überhören. Durch die Schilderung einzelner Schicksale, wie sie Ziegler auf seinen weitläufigen Reisen erfahren hat, werden die abstrakten Zusammenhänge persönlich und damit für den Leser bedeutsam. Auch gibt der Autor Ausschnitte aus den Reden verschiedener Politiker wieder- die der westlichen wirken stets beschwichtigend, die angeprangerte Doppelzüngigkeit nur zu gut vertretend, während die der afrikanischen und südamerikanischen Politiker fordernd und aufrüttelnd auf ein neues, gerechteres System pochen.
Dabei greift Ziegler immer wieder die Verfehlungen verschiedener westlicher Industriestaaten und Staatsmänner/ -frauen  auf, wodurch deutlich wird, dass es sehr wohl zulässig ist, von ,dem Westen´ als einem einzigen, mächtigen Unterdrücker zu sprechen. Kaum ein Land gibt es, dass sich von der Überheblichkeit, welche sich auf seine Wirtschaftsleistung gründet, freisprechen kann.
Des Weiteren gibt Ziegler Informationen über die Abläufe der Verhandlungen der Vereinten Nationen, weist auf Unstimmigkeiten und die Dominanz des allgegenwärtigen Westens hin, stellt die Notwendigkeit und den Nutzen der UNO allerdings keiner weise in Frage, da er, selbst gut vertraut mit der Organisation, Vorteile ebenso klar sieht, wie er Fehler beim Namen nennt.

Bei all dem ermöglichen die getrennten Sach- und Personenregister ein schnelles Nachschlagen, während die ausführlichen Anmerkungen den ersten Wissensdurst stillen und Anhaltspunkte zu weiteren Recherchen bilden. Denn so gut recherchiert und persönlich beschrieben die Inhalte der verschiedenen Kapitel auch sind, können sie doch nur einen ersten Einstieg in die Problematik bieten, zu deren umfassenden Verständnis Kenntnisse bzgl. des internationalen Kapitalflusses, der Aufgaben von UN und IWF und der Zusammenarbeit der multinationalen Konzerne unerlässlich sind.

Insgesamt macht der Leser die Bekanntschaft vieler, ihm bis dato vielleicht unbekannter, Menschenrechtler und Schriftsteller der südlichen Hemisphäre, erlangt Wissen über, ihm vorher vielleicht unbekannte ,Konflikte und kommt, sofern er Zieglers Argumentation folgt, zu dem Schluss, dass die Arroganz des Westens, welche sich zuerst auf zivilisatorische Vorteile, heutzutage schlicht auf  Kapital gründet, in keiner Weise moralisch und menschlich vertretbar ist, und dass der Hass der armen Länder auf den Westen viel tiefer liegt und nachvollziehbarer ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Ein aktuelles und wichtiges Buch.

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. OT: La Haine de l’Occident, aus. d. Franz. von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag 2009, 288 S., 19,95€