I. Thales oder Die Geburt der Philosophie

Thales von MiletDie eigentliche „Geburt“ der Philosophie liegt im Dunkeln, was schon früher Anlass zu diversen Spekulationen und vermeintlichen Beweisen  gab. So stellt der evangelische Theologe Jakob Brucker (1696-1770) im 18. Jahrhundert in seinem Werk „Kritische Geschichte der Philosophie“ die These auf, die Philosophie entspringe sich selbst und gehe demnach noch hinter die Sintflut zu Adam und Noah zurück. Er kommt dann aber zu der Überlegung, dass Adam und seine Söhne wohl doch nicht die ersten Philosophen gewesen sein konnten, da sie, laut der Bibel, viel zu „beschäftigt“ gewesen seien, sich selbst am Leben zu erhalten und die ihnen zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Die „Sorge um den Leib“ hielt sie vom Philosophieren ab.
Ganz ähnlich denkt auch Aristoteles (384-322 v.Chr.): Er sagt, die Philosophie und die Wissenschaft allgemein –wobei anfangs ja teilweise deckungsgleich- würden erst möglich, wenn der Mensch versorgt ist und daher einen gewissen Freiraum zu anderen Überlegungen gewonnen hat. Dies sei zum ersten Mal im alten Ägypten der Fall gewesen, wo sich Priester der Mathematik und Astronomie widmen konnten. Die Philosophie sei aber erst bei den Griechen entstanden, dort nämlich bei einem reichen Händler aus der Stadt Milet. So gilt Thales von Milet (um 625-547 v.Chr.) als erster Philosoph der Geschichte.
In verschiedenen Erzählungen wird er als gerissener Geschäftsmann porträtiert; sicher ist, dass er sich mit Mathematik, Astronomie und Politik beschäftigte. Er berechnete eine Sonnenfinsternis voraus- als diese dann auch tatsächlich eintrat, erlangte er Berühmtheit, was den Spruch begründete „Die Philosophie der Griechen begann mit dem 28.Mai 585“.

Die Theorie
Thales wollte das Wesen der Dinge und ihren Ursprung erkennen; später bauen Platon und Aristoteles auf seinen Überlegungen auf, der Kaufmann aus Milet ist jedoch der erste, der sich die Frage nach dem Ursprung stellt. In seinem Denken konkurrieren eine Art früher Materialismus und die Frage nach der göttlichen Präsenz- eine heute noch aktuelle Kontroverse. Das Wasser nimmt bei Thales eine entscheidende Stellung ein, denn es gilt ihm als universeller Ursprung, sowohl der Natur als auch der menschlichen Seele. Dennoch ist für ihn „alles voll von Göttern“. Aristoteles interpretiert diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen folgendermaßen: Thales habe an die mythischen Flüsse Okeanos, welcher die Erde umfließt und magischer Schöpfer ist, und Styx, den Totenfluss, auf welchen die Götter einen heiligen Eid leisten, gedacht und damit gemeint, dass das Göttliche alles auf der Erde durchdringt, ebenso wie das Wasser allem Lebenden innewohnt.

→Die Philosophie beginnt also, zu erfragen, was bisher mit Mythen erklärt wurde, ohne dabei den substanziellen Inhalt des Mythos –die Aussage, dass die Wirklichkeit göttliche Tiefe besitzt- zu bestreiten.

Eine weitere Frage, die sich dann unweigerlich stellte war, wie das Ewige das Vergängliche hervorbringen kann, wenn doch die vergängliche Welt

Anaximander, Detailansicht aus "Die Schule von Athen", Raphael Santi, 1510/11, Stanzen des Vatikans, Rom

auf dem ewig Göttlichen gründet?
Darauf fand der ebenfalls aus Milet stammende Anaximander (ca. 610-547 v.Chr.) eine Antwort: Das Untergehen eines Dinges sei die Buße einer Schuld, jener Schuld nämlich, dass das Ding länger im Dasein bleiben will, als ihm zusteht und es damit anderen Dingen die Möglichkeit nimmt, ins Dasein zu treten, also einen Platz besetzt hält, der ihm nur auf Zeit gegeben wurde. Aber auch gegen das Göttliche macht es sich schuldig, denn das Göttliche will als unaufhörliche Schöpfungskraft verstanden werden. Wenn das Ding nun die Schöpfung neuer Dinge hemmt, würde das Göttliche selbst starr und ohnmächtig.

→D.h. der Untergang der Dinge wird mit dem Göttlichen gerechtfertigt und Vergänglichkeit wird zur Grundfrage der Philosophie.

Weischedel selbst schließt, indem er Bezug auf eine Anekdote nimmt, der zufolge Thales so in Gedanken vertieft war, dass er einen Brunnenschacht übersah und  hinein fiel:
„Aber wer nicht riskiert, den Grund, auf dem er steht, zu verlieren, in der verwegenen Hoffnung, einen tieferen und sicheren Grund zu erlangen, der wird nie wissen, was das Philosophieren in seinen Anfängen bedeutet.“ (S.20)

Interessantes
Thales von Milet wird zu den Sieben Weisen gezählt, griechischen Staatsmännern und Philosophen des siebten und sechsten Jahrhunderts vor Christus, die erstmals bei Platon erwähnt werden.
1.Thales von Milet
2.Pitakos aus Mytilene
3.Bias aus Priene
4.Solon aus Athen
5.Kleobulos aus Lindos
6. Myson aus Chenai/ Periander aus Korinth
7.Chilon aus Sparta

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