II. Parmenides und Heraklit oder Die gegensätzlichen Zwillinge

Der Titel dieses Kapitels rührt daher, dass man Heraklit von Ephesos gemeinhin als „Philosoph des Werdens“, Parmenides hingegen als „Philosoph des Seins“ betrachtet. Über beide gibt es relativ wenige Informationen.

Parmenides von Elea (ca. 540- 483 v. Chr.)
Parmenides lebte im 6. Jahrhundert vor Christus in Elea, Unteritalien und soll ein durchaus reicher Politiker gewesen sein. Ebenso soll er Reisen nach Athen unternommen haben, wo er auf den jungen Sokrates traf. Er drückte seine philosophischen Gedanken in Versform aus. So ist sein Lehrgedicht „Über die Natur“ überliefert, in welchem er die Ansicht vertritt, dass Wahrheit nicht durch Nachdenken erfahren werden kann, sondern dass der Mensch aufgeschlossen sein muss, um sie zu erkennen.
(Wobei sich diese beiden Dinge meiner Meinung nach nicht widersprechen müssen.)

Die Theorie
Parmenides unterscheidet zwischen Wahrheit und Meinung, d.h. der Art, wie der Mensch die Wirklichkeit sieht. Der Mensch gelange zur Meinung, indem er nicht das große Ganze wahrnehme, sondern nur das einzelne Ding, welches er dann für wirklich halte. Er übersehe die allem zu Grunde liegende Einheit, weil er die Welt von Gegensätzen dominiert sehe und halte außerdem das Vergängliche für das wirklich Existierende. Daraus ergibt sich für Parmenides die Aufgabe des Philosophen, zu erkennen, was wirklich ist, indem er hinter den „Schein“ der Dinge schaut.
Nach dieser Erkenntnis gibt es für ihn drei Möglichkeiten (Pfade) zu leben:
1. Man erkennt weiterhin die vermeintliche „Wahrheit“ der Meinung an und geht damit den Weg des Unwissens. –Parmenides jedoch warnt vor dieser Möglichkeit.
2. Man behauptet bei der Betrachtung von Sein und Nichtsein, dass das Nichts sei. –
Dies hält Parmenides für unmöglich, da er das Nichts für unerkennbar und damit unwahr hält.
3. Man sucht, was Sein ist. –Parmenides definiert das Sein als das, was übrigbleibt, wenn ein Ding vergeht, es also ins Nichts sinkt, und damit als die wahre Wirklichkeit.
Aus dieser dritten Möglichkeit kommt man zu dem berühmten Ausspruch:

„Das Sein ist.“

Die Merkzeichen des Seins sind ebenso definiert: Das Sein ist eins, d.h. es ist nicht aufgespalten in verschiedene Einzelteile wie endliche Dinge und enthält keine Gegensätzlichkeit, sondern Ganzheit. Daraus ergibt sich, dass es nicht vergänglich, sondern ewig ist. Der Gedankengang, der in Parmenides´ Philosophie begründet liegt, ist damit der folgende:
→Wer das Wahrhaftige sucht, darf sich nicht an die ihn umgebenden vergänglichen Dinge, sondern muss sich an das Ewige, Unvergängliche halten.

Diesen „Weltverlust“ wie Weischedel ihn nennt, findet man bei Heraklit nicht.

Heraklit von Ephesos (ca. 550-480 v.Chr.)
Über den Philosophen Heraklit, der aus Ephesos in Kleinasien stammt, ist, obwohl von seinen Werken selbst nichts überliefert ist, etwas mehr  bekannt als über Parmenides. So handelte es sich bei Heraklit wohl um einen politisch aktiven Aristokraten, welcher sich zu einem späteren Zeitpunkt in seinem Leben ins Gebirge zurückzog. Die kuriose Anekdote, dass er dort an Wassersucht erkrankte und sich mit Rindermist bedeckte, um sich selbst zu kurieren und seinen Körper auszutrocknen, erwähnt Weischedel ebenfalls. Heraklit wird auch „Der Dunkle“ genannt, da von seinem Werk nur rätselhafte Wortspiele und schwer verständliche Fragmente überliefert werden, die das Verständnis seiner Philosophie erschweren.

Die Theorie

Ebenso wie Parmenides spricht Heraklit sich gegen die „Meinung“ aus; die Menschen, die ihr anhingen, würden sich nur einbilden, die Welt zu verstehen. Einzig der Philosoph besitze die Einsicht. Daher äußert er sich auch kritisch gegenüber „Vielwissern“ wie Hesiod, Xenophanes, Pythagoras und sogar Homer, da sie kein „echtes“ Verstehen besäßen. Auch in der Religion, bei der Anbetung der Götter fehle es an Einsicht, am Logos.
Heraklit glaubt, dass der Logos bei den meisten Menschen durchaus vorhanden sei; die Aufgabe des Philosophen sei es, diesen zum Vorschein zu bringen. Mit dem Ausspruch „Der Seele ist ein Logos eigen“ richtet Heraklit als erster den Blick in das Innere des Menschen, zwar nicht im heutigen psychologischen Sinne, jedoch auch, um Antworten auf die Frage nach der Wahrheit zu erhalten.

Für Heraklit erscheint die Wirklichkeit in sich widersprüchlich; schon im einzelnen Seienden sah er Widersprüche. So nennt er als Beispiel das Meerwasser, das für Fische rein und vollkommen sei, für Menschen jedoch ungenießbar. Er hält in seiner Theorie an der Welt fest- ganz im Gegensatz zu Parmenides, der sie für Schein hält- da sie die Wirklichkeit des Menschen darstelle.
So seien alle Dinge durch ihre Gegensätze miteinander verbunden, was sich schon daran zeige, dass diese auch ineinander umschlagen können: „Kaltes erwärmt sich, Warmes kühlt ab.“
Die ganze Welt sei ein einziger Kreislauf von Verwandlungen: „Für Seelen ist es Tod, Wasser zu werden, für Wasser aber Tod, Erde zu werden; aus Erde aber wird Wasser, aus Wasser Seele.“ Das zentrale Symbol für Heraklit ist aber das Feuer, das verlöscht, aber immer wieder aufglimmt- in einem ewigen Kreislauf.

Schlussfolgerung
Weischedel kommt zu dem Schluss, dass die Teilung „Philosoph des Werdens“ für Heraklit und „Philosoph des Seins“ für Parmenides zu vereinfachend sei, da Heraklit zwar die Zerrissenheit der Welt beschreibe, aber ebenso, und darin nähern sich Parmenides und er an, die allem innewohnende Einheit erkenne. So ist die Formel „Alles ist eins“ der gemeinsame Nenner der beiden.
Ein signifikanter Unterschied bleibt allerdings bestehen: Für Heraklit existiert Vielheit durch die Verwandlung des Seins („Alles fließt“); für Parmenides ist Vielheit Schein und allein die Einheit wahrhaftig.

6 Gedanken zu “II. Parmenides und Heraklit oder Die gegensätzlichen Zwillinge

  1. Basil Stamoulis schreibt:

    Ihr Artikel hat mir gefallen. Ich würde aber sagen, dass von Parmenides Profil etwas wesentliches fehlt. Und das ist meiner Meinung nach das, was ihn zu seinem philosophischen Gedankegebäude führte. Ich würde sagen, dass er in etwa folgendermaßen dachte:

    »Sollte es das von uns wahrgenommene Viele geben, dann wäre die Bewegung die allererste Bedingung. Aber dieses Phänomen ist – wie alle Erscheinungen – trügerisch. In der tiefen Wahrheit gibt es sie eben nicht. Das was es wahrhaftig gibt, ist “das eine„.« Und genau diese philosophische Erfassung drückte dann Zenon mit seinen berühmten Paradoxien genial aus. Nur dass bisher niemand erkannte, was darin steckte.

    Wenn Sie das 3. Kapitel meines Sites http://www.stamoulis.de/ besuchen, werden Sie vielleicht überrascht sein, wohin die Parmenidischen Gedanken und Zenons Paradoxien führen.

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  2. Friedrich Koplin schreibt:

    Daß immer noch der tautologische Unsinn über den Parmenides verbreitet wird: „Sein ist, Nichtsein ist Nicht“, ist doch sehr erstaunlich. Will das denn keiner erkennen, daß ich nur das verneinen kann, was existiert!! Pure Unlogik wird dem Parmenides unterstellt. Wie konnte er mit solchem Unsinn der Inspirator Platons werden? Die tautologische Interpretation des Parmenides ist durchweg falsch. Das ist keine Frage der Interprtation, sondern belegbare Tatsache. Ich habe das Lehrgedicht seber komplett übersetzt und behrrsche soweit das alte Griechisch. Heraklit ist auch nicht der Antipode des Parmenides. Heraklit interpretiert in großen Teilen seiner Fragmente den Inhalt des Lehrgedichtes. Ersagt das sogar in seinem Frament1 B1. friko.1943@googlemail.com

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Wie im ersten Beitrag der Reihe dargestellt, handelt es sich bei den Texten zum Thema Philosophie um eine Kurzzusammenfassung der Texte Weischedels von 1975. Da ich die Zusammenstellung insgesamt gelungen finde, habe ich mich größtenteils darauf beschränkt, seine Ansicht hier zu referieren. Welche Wege die Forschung seit dieser Zusammenstellung gerade im Hinblick auf einzelne Philosophen gegangen ist, wurde an dieser Stelle aufgrund des überblicksartigen Charakters vernachlässigt (ebenso wie einige tiefer gehende Feinheiten). Fühlen Sie sich eingeladen, an dieser Stelle zu Ihrer Darstellung und/oder Übersetzung zu verlinken.

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  3. Michelle Kartsch schreibt:

    Ich freue mich sehr darüber diesen Artikel gefunden zu haben, da er durch die sehr verständliche Schreibweise mir gut geholfen hat, dass Denken dieser beiden Philosophen nachzuvollziehen. Und somit schon ein gutes Grundgerüst für meine eigene Seminararbeit zu haben.
    Einige der hier auch genutzten Zitate von Parmenides oder Heraklit würde ich gern selber in einem ähnlichen Kontext verwenden. Kann dies, aber leider nicht, da die Quellenangaben immer fehlen. Daher wäre ich jedem sehr verbunden, wenn irgendjemand diese mir nachreichen könnte.

    Mfg Michelle Kartsch
    Man könnte mich auch hier erreichen: Michael-kartsch@t-online.de

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Liebe Michelle, wie schön, dass dir der Artikel einen Einstieg bieten konnte; genau so ist er gedacht gewesen! Du hast Recht, wissenschaftlichen Anspruch erhebt er – wie auch das Übersichtswerk von Weischedel – allerdings nicht. Die Zitate habe ich von dort übernommen, wo sie auch ohne Quellenangabe abgedruckt wurden. Ein Blick in die Originaltexte oder Übersetzungen ist für ein tieferes Verständnis bestimmt unerlässlich. Ich vermute, dass die Hauptwerke der Philosophen mangels existierender Lizenzen online frei verfügbar sein müssten.
      Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Seminararbeit!
      Viele Grüße, Jana

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