♫ Tschingis Aitmatow: Dshamilja

In „Dshamilja“ berichtet der fünfzehnjährige Said von einer der schönsten Liebesgeschichten der jüngeren Literatur. Wo sie sich zuträgt? Im Kirgistan des Jahres 1943.
Während Saids älterer Bruder an der Front weilt, kehrt ein anderer, vom Krieg gezeichneter Soldat in sein Heimatdorf zurück. Danijar, der still und verschlossen stets Außenseiter bleibt. Doch als Dshamilja, die Saids Bruder geheiratet hatte, kurz bevor er eingezogen wurde, und Said mit dem nachdenklichen Danijar täglich Getreidelieferungen zum nächsten Bahnhof bringen müssen, verlieben sich die verheiratete Frau und der Kriegsheimkehrer. Der junge Said wird Mitwisser einer Liebe, die in der patriarchalischen Tradition des ehemaligen Nomadenvolkes nicht gebilligt wird.

Entweder, man findet Aitmatows „Dshamilja“ kitschig, oder aber wunderschön. Ich tendiere zu letzterem, denn nicht nur die zaghaft gegen alle Widerstände aufkeimende Liebe, sondern auch die Steppenlandschaft, die eben so wichtig ist, wie jeder der Protagonisten, wird in ihrer unglaublichen Schönheit beschrieben. Der Arbeitsalltag in der Kolchose, körperlich harte Arbeit als alles überstrahlender Lebensinhalt, das scheint uns heute ein wenig fremd. Aitmatow schildert die Getreideernte und die familiären Bindungen so eingehend, dass man das kirgisische Dorf vor sich sieht, den Duft der Steppe ebenso riecht, wie den Mist der Pferde.
Mal weiß man mehr als der fünfzehnjährige Said, der seine eigene Liebe Dshamilja, seiner Schwägerin gegenüber, noch nicht einzuordnen vermag. Dann wieder lässt man sich bereitwillig ein auf die reflektierten Äußerungen von Saids älterem Ich, das sich immer wieder erklärend zu Wort meldet.

Ulrich Matthes gelingt es mit seiner angenehmen Stimme, einfach vom einfachen Leben zu erzählen und Pausen einzustreuen, um die Tiefe der Emotionen auch dem geneigten Hörer zu überbringen. Er trägt Aitmatows poetische Schilderungen so schlicht vor, dass sich die herbe, unbekannte Schönheit der Steppe vor den Augen des Hörers darstellt; dass er das Ächzen der vollbeladenen Wagen und das kraftvolle Rauschen des Flusses zu hören meint.

Obwohl mit „Krieg“ und „Kolchose“ immer wieder auf den Sozialismus verwiesen wird, ja, „Dshamilja“ sogar Pflichtlektüre in den Schulen der DDR war, ist der Inhalt von Aitmatows Erzählung kein Politikum. Die  Bedingungen des Kolchose-Lebens gehören ebenso wie der Islam und der Respekt vor den nomadischen Ahnen zur Lebenswelt der Protagonisten, die man als Hörer interessiert annimmt. „Dshamilja“ ist nicht einfach nur eine Liebesgeschichte- denn davon gibt es viele. Aitmatows Erzählung führte mich in eine faszinierende, unbekannte Welt, mit deren Existenz ich mich bisher noch nie befasst hatte. Dieses Hörbuch war ein wahrer Glücksgriff.

Kirgistan, Kriegserleben, Kolchose-Alltag, Leben in nomadischer Tradition

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