VII. Plotin oder Die Gesichte des Entrückten

Plotin (205–270 n. Chr.) lehrte zunächst in Alexandrien, bis er nach Rom zog und dort öffentliche Vorlesungen hielt. Die Römer, besonders die römischen Senatoren, besuchten seine Vorträge rege; auch römische Frauen konnten ihnen, nicht selbstverständlich zu dieser Zeit, beiwohnen.

In seinen Vorlesungen ist Plotin auf der Suche nach dem Gottesbegriff. Er will sich Gott nähern, indem er alles beschreibt, was dieser nicht ist. Zu diesem Zweck verneint er das Weltliche, das Endliche und das eigene Dasein. Er erkennt Gott als „das reine Eine“, das die Vielheit der Welt umfasst. Er sieht das Eine besonders in ekstatischen Erfahrungen, losgelöst von seinem Körper. Plotin will erklären, wie vom Einen her die Vielheit, die es umfasst, entsteht. Er nimmt an, dass das Eine so selbstgenügsam sei, dass es „überfloss“ und aus dieser Überfülle die Vielheit der Welt hervorgebracht hat. Die Weltwerdung des Einen vollziehe sich in vier Stufen:

  1. Das Eine ist rein, daher muss der Prozess dadurch in Gang gekommen sein, dass das Eine sich selbst erblickt hat.
  2. Dadurch sind die Abbilder des Einen, der Geist und die geistige Welt entstanden. Sie entbehren aber der Reinheit des Einen, was sich schon daran zeigt, dass sie zu zweit auftreten.[1]
  3. Der Geist blickt hinab, dadurch entsteht die Weltenseele.
  4. Die Weltenseele blickt hinab und erschafft damit den Kosmos, die Sinneswelt und die Welt der Dinge mit ihrer unbeschreiblichen Vielheit.

Durch diese Herleitung vom Einen her gelangt Plotin zu einer „völligen Gotthaftigkeit der Welt“. Das Ziel des Menschen müsse es sein, zu seinem Ursprung, dem Einen, zurückzukehren. Wie das geschehen soll, beschreibt Plotin konsequenterweise auch in vier Stufen:

  1. Der Mensch muss sich vom persönlichen Genuss ab- und Tugenden wie Gerechtigkeit und         Besonnenheit zuwenden.
  2. Dann muss eine Abwendung von allen sinnlichen Genüssen erfolgen, sodass die Seele sich auf sich selber besinnt und dadurch die Ebene des Übermenschlichen erreicht.
  3. Es muss ein Aufstieg des Seelischen hin zum Geistigen erfolgen. Auf dieser Stufe entspringt die philosophische Existenz.
  4. Alles einzelne, auch Ideen, müssen fallen gelassen werden, sodass man in das „Unbetretbare         der Seele“ gelangt. Hier sollen Mensch und der Gott dann Eins werden.

Zu Plotin selbst hält Weischedel fest, dass dieser stets von Abscheu vor der körperlichen Existenz getrieben war, was sich besonders in seinen Essgewohnheiten – ein Stück Brot am Tag – und seiner Abneigung gegen Medikamente und ärztliche Behandlungen ausdrückt. Er schreibt es Plotins körperverachtendem Verhalten zu, dass dieser schließlich langsam dahinsiechte. Seine Abneigung gegen den Körper bringt Weischedel mit der weltlichen Abkehr aufgrund von Überdruss in Plotins Philosophie in Verbindung. Plotin bezeichnet das Leben in dieser Welt als „Verbannung und Fluch“. Ihm werden okkulte Fähigkeiten zugeschrieben, so soll er im Alltag sehr hellsichtig gewesen sein, magischen Angriffen widerstanden haben und einiges mehr. Er habe häufig „ekstatische Erlebnisse“ gehabt, durch die er versucht habe, dem Einen näher zu kommen.

Quelle: Wilhelm Weischedel, Die philosophische Hintertreppe, 30. Auflage, München 2000, S. 70–76.

[1] Wie die Prämisse zustande kommt, dass sich das Eine genau zwei Abbilder schaffe – und nicht etwa lediglich eins, was den nachfolgenden Gedankengang zum Einsturz brächte, wird nicht weiter ausgeführt.

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