Szilárd Borbély: Die Mittellosen

42450Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgültig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie Szilárd Borbélys. In der Erzählfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort für zartbesaitete Gemüter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klüger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im  Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

Der junge Erzähler sticht mit seinen scharfsinnigen Gedanken aus seiner Umgebung hervor und wird dafür gemieden und verprügelt. Denn „die Bauern“ denken nicht, um ihr eigenes Elend nicht sehen zu müssen, wie die Mutter feststellt. Sie selbst steht oft kurz vor dem Suizid, ihre Kinder zerren sie zurück, wenn sie versucht, sich umzubringen. Sie frönt dem Antisemitismus, pflegt dann hinter zugezogenen Vorhängen aber Bräuche, von denen man manchmal nicht weiß: Sind es christliche oder jüdische? Beides ist nicht gern gesehen in diesen vom Realsozialismus geprägten Zeiten. Der Vater sucht Anschluss, doch auch der tägliche Gang in die Kneipe hilft ihm nicht weiter; zu Hause prügelt er auf die Familie ein. Bestehen bleibt das Geheimnis um die Familie. Warum werden sie ausgegrenzt,ist es die Herkunft des Vaters, die sie zu Aussätzigen macht?

Positive Schilderungen kann man sich nach der Lektüre nur schwer ins Gedächtnis zu rufen. Warum man das Buch dann trotzdem nicht aus der Hand legen kann? Es ist die klare, harte Sprache, die einen in fast voyeuristischer Faszination weiterlesen lässt. Die schlechtesten Seiten der Menschen werden hier gnadenlos unters Vergrößerungsglas gezerrt. Dabei macht Borbély – ganz anders als sein Schriftstellerkollege und Landsmann György Dragomán – auch nicht vor Kindern halt. Diese agieren ebenso grausam und rücksichtslos wie die Erwachsenen. Der junge Erzähler ist davon nicht ausgenommen. Empfindet man erst Mitleid, so folgt Erschrecken, wenn er mit Freude Katzenjungen in der Regentonne ertränkt. Dabei ist es bemerkenswert, wie er sich dennoch der Verrohung standhaft widersetzt, trotz der alles umgreifenden Vulgarität sein Heil im Rechnen, in den Primzahlen sucht. Zurückgezogen, leise – vielleicht schon damals depressiv, wie der Autor später feststellt.

„Die Mittellosen“ ist als erster und letzter Roman von Szilárd Borbély untrennbar mit dessen Biografie verknüpft. Die in dieser Ausgabe abgedruckten Essays und die Erinnerungen eines Freundes tragen daher sehr dazu bei, das Gelesene besser einzuordnen.

Szilárd Borbély, Die Mittellosen (OT: Nincstelenek), aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer, Suhrkamp 2014, 350 S., 24,95€.

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