Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten (2005)

Immer wieder bin ich auf diesen Titel von Ishiguro gestoßen. Großartig soll er sein, erschreckend auch. Mein Fazit: Dieses Buch ist wirklich etwas Besonderes und hat den Ruhm, der ihm zuteil wird, verdient.

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Die Geschichte um das Dreiergespann Ruth, Tommy und Kathy beginnt ganz harmlos. Durch Rückblicke gewährt die erwachsene Kathy dem Leser Einblicke in die harmonische und sehr behütete Kindheit in einem englischen Internat. Immer wieder kam es dabei zu kleinen Reibereien unter den Kindern und Jugendlichen, nichts Ernstes, doch schon bald bekommt man als Leser ein ungutes Gefühl: Warum ist es Kathy so wichtig sich zu erinnern? Warum zeichnet sie scheinbar belanglose Erlebnisse und Gespräche so minutiös nach? Langsam erfolgt die Aufklärung: Kathy will ihren Beruf als Betreuerin niederlegen und ist bereit, Spenderin zu werden. Organspenderin, denn sie ist ein wandelndes Organlager, so wie alle Absolventen des Internates.

Die Geschichte lebt von den leisen Tönen. Schon bald ist klar, was die wahre Bestimmung der Internatsschüler ist, das Geheimnis ist gelüftet und doch liest man wie gebannt die Erzählungen von Malveranstaltungen, Kindergedichten und langen, ernsten Gesprächen, die um Mitschüler kreisen. Die Außenwelt scheint fast inexistent, die Schüler wissen, dass sie vor den Toren auf sie wartet, doch selbst als sie entlassen werden und jeden Schritt tun könnten, bleiben sie unter sich, unter Ihresgleichen. Fast schon nervtötend ist es, wenn Kathy jede Bemerkung, jeden Charakterzug Ruths und Tommys wiedergibt. Doch man spürt, dass es für die Erzählerin wichtig ist, dass sie die einzige ist, die ihre beiden Freunde vermisst und dass nach ihr wohl niemand sie vermissen wird.

Es fällt sehr schwer, Ishiguros Roman als Science Fiction zu deklarieren. Hier werden keine fremden Welten erschaffen, keine Cyborgs gebaut. Wir befinden uns in unserer Welt, die nach den gleichen Mechanismen funktioniert wie eh und je. Der kleine Unterschied besteht darin, dass es gelungen ist, Menschen zu klonen und diese Klone als „Ersatzteillager“ zu verwenden. Die Klone – die Internatsschüler – wissen, was auf sie zukommt, was ihre Bestimmung, ihre Daseinsberechtigung ist. Sie bäumen sich nicht auf; sie leben ihr kurzes, so normales Leben, um dann auf Operationstischen abzuschließen.
Als Leser begleitet man Ruth, Tommy und Kathy, begleitet ihr Lieben und Leiden, begleitet sie bis in den Tod. Wenn dann zum Schluss die Frage gestellt wird, ob Klone eine menschliche Seele haben, dann erscheint dem Leser diese Frage völlig absurd. Hat er doch soeben drei Menschen über 300 Seiten durch ihre Kindheit und Jugend begleitet, ihre Gedanken und Gefühle kennen gelernt.

Kazuo Ishiguro; Alles, was wir geben mussten (OT: Never Let Me Go), aus dem Englischen von Barbara Schaden ; Karl Blessing Verlag 2005, 352 S.


Andere Besprechungen zum Buch finden sich beim Leselurch ,der Bücherdiebin und den Buchbloggern.

Eine sehr ausführliche Besprechung (besser erst nach dem Lesen lesen!) hat man beim Deutschlandfunk verfasst.

Dieser Titel ist Teil meiner

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10 Gedanken zu “Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten (2005)

  1. Frank Duwald schreibt:

    Ich habe kürzlich „Was vom Tage übrigblieb“ von Ishiguro gelesen und rezensiert und muss sagen, dass mir nicht oft Buchcharaktere so nahe kommen wie es mir dort ergangen ist. Diese unglaubliche Sympathie und Zuneigung des Autors für seine Schöpfungen hat mich sehr berührt, weshalb ich definitiv auch den von dir besprochenen Roman irgendwann lesen werde. Danke für die Erinnerung daran.

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  2. Constanze Matthes schreibt:

    Dieser Roman hat mich tief beeindruckt und erschüttert. Zuletzt habe ich von Ishiguro „Der begrabene Riese“ gelesen, auf den ersten Blick ein Märchen, aber letztlich eine grandiose und ergreifende Geschichte. Viele Grüße

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Nachdem ich zuvor in vielen Besprechungen gelesen hatte, dass man nicht viel über den Inhalt schreiben könne, ohne zu viel zu verraten, habe ich mir das Buch schließlich einfach gekauft. Es war dann auch ganz anders, als ich erwartet hatte; beim Lesen hat sich tatsächlich eine Art Sogwirkung entfaltet. Schön, dass es dir auch so gut gefallen hat. „Der begrabene Riese“ behalte ich im Hinterkopf, danke für den Tipp.

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  3. Wortlichter schreibt:

    Oh nein, wie schrecklich.
    Aber eine Vorstellung, die vielleicht gar nicht so unrealistisch wäre, wenn Klone existieren würden. Und das ist wahrscheinlich auch so erschreckend daran.
    Tatsächlich hat man früher im Mittelalter auch darüber diskutiert, ob die Frau überhaupt eine Seele hat. Daran musste ich gerade unweigerlich denken.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Interessant, dass der Mensch offenbar immer versucht, andere Lebewesen dadurch herabzuwürdigen, dass er ihnen die Seele abspricht, sie gewissermaßen verdinglicht. Gleichberechtigung war in der bei Ishiguro geschilderten Gesellschaft übrigens durch und durch gegeben, vielleicht auch dadurch bedingt, dass die Klone aufgefordert wurden, ihre Sexualität selbstbewusst auszuleben.

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