Chaim Potok: Die Erwählten (1967)

New York zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: ein Baseballspiel zwischen zwei Schulen, Daniel am Schlagmal, Reuven fangbereit gegenüber. Aus dem Spiel wird schnell ein Krieg zwischen zwei Weltanschauungen. „Ich wollte dich umbringen“, wird Danny Reuven später im Krankenhaus gestehen – und damit eine fordernde, aufreibende und lebenslange Freundschaft begründen.

potok-die-erwaehlten Die 15-Jährigen leben nur einige Straßen weit auseinander und doch tauchen sie wie Fremde in die Welt des jeweils anderen ein: Dem liberal erzogene Reuven, der sich für Mathematik und den Krieg in Europa interessiert, sind die Umgangsformen und das gesprochene Jiddisch in der chassidischen Gemeinde unbekannt; Daniel hingegen sehnt sich nach der Freiheit zu lesen, was er möchte und einem so ungezwungenen, liebevollen Umgang wie Reuven ihn mit seinem Vater pflegt. Was die beiden verbindet sind ihre jüdische Erziehung und ihr Interesse am Talmud-Studium. Reuven lernt dafür, eines Tages Rabbi zu werden; Daniel lernt, weil er eines Tages Rabbi werden muss.

Prägend für das Denken und Handeln beider Jungen sind ihre Väter. Reuvens Vater ist ein jüdischer Gelehrter, dabei liberal und wissenschaftlichen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Er publiziert über den Talmud und wird gelesen – auch von Daniels Vater, dem Oberhaupt einer chassidischen Gemeinde, der von seinen Anhängern verehrt wird und in dessen Reich Weltliches keinen Platz hat. Die beiden Männer achten sich, beide sind auf ihre Art gläubig und doch wird es ihr Konflikt um die Gründung Israels sein, der sie unerbittlich gegenüberstehen lässt und die Freundschaft ihrer Söhne auf eine lange Probe stellt.

Chaim Potoks Roman ist ein wahres Fundstück und wirft den Leser ganz tief hinein in das jüdische Leben im New York der 40er Jahre. Rückblicke in die Geschichte inklusive. Hier fallen Namen historischer Personen, deren Existenz – zumindest an mir – bislang spurlos vorbeigegangen war. Manchmal erscheint dieser dichte Mikrokosmos allerdings zu klein, man zweifelt daran, ob sich 18-jährige Jungs über wirklich nichts anderes unterhalten als über das Talmudstudium und ihre Väter. Doch dann erfolgt ein Einschub über die Kriegsereignisse in Europa und einem wird versichert: Auch in diesen Straßenzügen verliert man das Weltgeschehen nicht aus dem Blick. Was man allerdings völlig aus dem Blick verliert, sind Frauen. Denn die werden in diesem Roman völlig marginalisiert. Namentlich wird eigentlich nur die Haushälterin erwähnt. Aber auch das passt zur sehr männlich dominierten Geschichte und Gesellschaft. (Als Gegengewicht unbedingt Deborah Feldmans „Unorthodox“ zur Hand nehmen!).

Chaim Potoks „Die Erwählten“ ist ein Werk, das die jüdische Gelehrsamkeit feiert und dabei – falls überhaupt möglich – noch mehr Lust aufs Lesen macht. Der Folgeroman „Das Versprechen“ steht jetzt ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Chaim Potok, Die Erwählten (OT: The Chosen), aus dem Englischen von Thomas Gunkel und Sabine Zwirner, Rotbuch Verlag 2002, 288 S.

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9 Gedanken zu “Chaim Potok: Die Erwählten (1967)

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Sehr gern! Ja, ich bin selbst erst durch Deborah Feldmans Buch auf dieses hier aufmerksam geworden, zuvor hatte ich auch noch nie von Potok gehört, obwohl viele seiner Bücher auch ins Deutsche übersetzt worden sind. Interessant, welche Wege unsere Aufmerksamkeit manchmal nimmt.

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      • literaturreich schreibt:

        Es liegt schon ca. 25-30 Jahre zurück, dass ich sie gelesen habe. Von Israel Joshua habe ich „Die Familie Aschkenasi“ gelesen, von Isaac waren es ein paar mehr, „Die Familie Moschkat“, „Eine Kindheit in Warschau““Verloren in Amerika“, die beiden letzten autobiografisch und der Erzählungsband „Der Kabbalist von East Broadway“. Ich mochte, glaube ich, alle, ist aber schon so lange her, eine Wiederlektüre eigentlich notwendig. Sie sind vor allem interessant, wenn man sich für das ostjüdische Leben, speziell auch in Amerika interessiert.

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        • Wissenstagebuch schreibt:

          Vielen Dank, das sind auf jeden Fall schon einmal gute Hinweise! ,,Die Erwählten“ nimmt auch mehrmals auf die osteuropäische Einwanderung Bezug; z.B. kommen beide Väter der Protagonisten aus Russland. Ich persönlich finde das sehr spannend, auch, wenn die Bücher, die ich zuletzt gelesen habe, immer viel mehr Bezug auf den wohl ursprünglich osteuropäischen Chassidismus nahmen als auf das liberale Judentum. Zu Letzterem möchte ich gern noch mehr lesen.

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