Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen (1975)

Allen Mitlesern ein frohes und gesundes neues Jahr! Es geht gleich los mit Nobelpreiskost; die wurde allerdings noch im alten Jahr gelesen. Dabei lief allerdings nicht alles so, wie zunächst gedacht:

Mit diesem viel gerühmten Roman hatte ich gleich zweifach einen schlechten Start – nur, um dann sehr positiv überrascht zu werden. Worum es geht: Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész schildert die Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reichs aus der Sicht eines unbedarften, geradezu naiven 15-Jährigen und verarbeitet damit seine eigenen furchtbaren Erfahrungen.

kertesz-roman-eines-schicksallosen

Der 15-jährige György (sprich etwa: „Djördch“) scheint sich nicht allzu viele Gedanken zu machen: Seine Eltern sind geschieden, den Streit zwischen ihnen um seine Person versteht er nicht so richtig. Er verhält sich so, wie er glaubt, dass die Menschen es von ihm erwarten, seine Eltern, die Nachbarn, die erste Freundin. Den gelben Stern auf seiner Jacke trägt er pflichtbewusst; was genau ein Jude sein soll, versteht er auch nicht so richtig, religiös ist kaum jemand in seinem Umfeld. Er merkt, dass die Menschen ihn anders behandeln, seit er den Stern trägt. Aber mit seinen Freunden, die auch einen gelben Stern tragen, kommt er bei der Arbeit in der Raffinerie gut zurecht. Als er eines Tages auf dem Weg dorthin aus dem Bus gezogen wird, lange ausharren muss und von einer Station zur nächsten gekarrt wird, da weiß er noch gar nicht, wie ihm geschieht. Erst, als er die Schornsteine der Krematorien sieht, den beißenden Geruch in der Nase hat und sich selbst kahlgeschoren und in Sträflingskleidung wiederfindet, beginnt er, die Bedeutung seines gelben Sterns zu verstehen.

Das ganz Besondere, sehr Eigene an diesem Roman sind die völlig wertungsfreien Beobachtungen, die der junge György dem Leser ungefiltert übermittelt. Genau darin liegt sein Schrecken und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Imre Kertész mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Zuerst hielt ist den Protagonisten für zu naiv dargestellt, hatte ich doch kurz zuvor Chaim Potoks „Die Erwählten“ gelesen. Denn auch hier geht es um 15-Jährige jüdische Jungen im Zweiten Weltkrieg, sie erschienen mir aber ungleich reflektierter, gebildeter zu sein als Kertész Figur. Doch nach und nach bekam ich Zugang zum jungen György und ganz zum Schluss, als er es schafft, heimzukehren nach Budapest und versucht, den Daheimgebliebenen seine Erlebnisse begreiflich zu machen (und es doch nicht schafft, viel zu sensationslüstern, empörungsbereit oder -unwillig sind die Gesprächspartner), hat mich Kertész vollends überzeugt.

Enttäuscht war ich zunächst auch, weil ich unter den gebrauchten Büchern nicht die bekannteste Ausgabe des Romans mit dem Coverbild eines Vogels finden konnte. Ich entschied mich dann für eine mit – wie mir schien – eher nichtssagendem Coverbild. Eine Lappalie, aber man hat ja so seine Vorlieben. Als ich das Buch zu Hause öffnete, war der Vogel sofort vergessen: Mein gebrauchtes Exemplar enthielt eine persönliche Widmung des erst kürzlich verstorbenen Autors. Zwar nicht mir gewidmet, trotzdem ein wahrer Schatzfund.


Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, (OT: Sorstalanság), aus dem Ungarischen von Christina Viragh, verschiedene Ausgaben. Ältere Ausgaben auch unter dem Titel „Mensch ohne Schicksal“.

Eine vollständige Version wird hier zum kostenlosen Download bereitgestellt: http://www.netz-gegen-nazis.de/seite/buecher-zum-download

Weitere Besprechungen finden sich u.a. bei
Zukunft braucht Erinnerung
Muromez
Celinas Bücherregal

Dieser Titel ist Teil meiner
k1024_leseliste

10 Gedanken zu “Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen (1975)

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Mir ging es mit diesem Buch zunächst auch wie Dir: Ich konnte mit dieser distanzierten, fast schon emapthielosen Sicht des Jungen erst wenig anfangen … und irgendwann dann habe ich erkannt: Das ist eigentlich die einzige Möglichkeit so über das Unvorstellbare zu schreiben. Ein Buch, das ich in jedem Schulunterricht behandelt haben möchte …

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, ich denke, ich musste das Buch auch erst ganz bis zum Ende lesen, um es wirklich zu verstehen. Außerdem habe ich (mit einigem Schaudern) festgestellt, dass ich mich in den empörungsbereiten Nachbarn, die – von den Schrecken der Deportation verschont geblieben – nicht nachvollziehen konnten, wie jemand offenbar so gleichgültig von seinem eigenen Martyrium berichtet, durchaus wiederfinden konnte. „Du musst doch weinen über dein eigenes Elend!“, habe ich gedacht und dann erst ganz zum Schluss verstanden, dass das wohl für Kertész keine Lösung war, mit seinem Schicksal umzugehen. Eine Freundin von mir hat das Buch tatsächlich in der Schule gelesen; ich hatte dort nicht einmal von ihm gehört. Du hast Recht, es gehört auf jeden Fall in den Unterricht.

      Gefällt 1 Person

  2. Susanna Maurer schreibt:

    Es ist sehr lange her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Für mich damals eine ungeheuer wichtige Leseerfahrung – ich meine zumindest, damals zum ersten Mal verstanden zu haben, wie es möglich war, so viele Menschen zu verschleppen, ohne dass diese sich wehrten. Diese Lektüre hat mich soviel gelehrt, wie all die Geschichtsstunden über den Nationalsozialismus zusammen.

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Stimmt, Kertész nimmt ja auch auf „das Kollektiv“ der Verschleppten Bezug, wenn er einzelne Figuren schildert, verschiedene Menschentypen gewissermaßen. So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber na klar: Es gibt die, die möglichst genau Folge leisten, jene, die ihrer Familie nachtrauern, die, die versuchen, sich mit Fachwissen oder Geld eine bessere Behandlung zu erkaufen (und mit beidem scheitern, da allein der gelbe Stern für die Wärter ausschlaggebend ist). Was dieses Buch wirklich schafft, ist ein winzig kleines Erahnen auf emotionaler Ebene in Gang zu setzen. Das hat bei mir der Geschichtsunterricht auch nicht leisten können.

      Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ich denke, viele andere, weniger furchtbare Themen würden durch eine solche Darstellung auch leiden, uninteressant, der Protagonist schlicht als „naiv“ bezeichnet werden. Der Roman lebt doch sehr stark von dem Kontrast zwischen Thema und Erzählweise. Wie schön, dass dieses tolle Buch so viele andere begeisterte Leser

      Gefällt 1 Person

  3. andreaschopfbalogh schreibt:

    Es ist schon sehr lange her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Am meisten erschüttert hat mich die Szene, als er, gerade von der KZ-Tortour zurückgekehrt, die Straßenbahn verlassen muss, weil er keinen Fahrschein hat. Ein Sinnbild für Einiges, was diese Katastrophe erst ermöglicht hat…

    Gefällt mir

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, diese Stelle war furchtbar. Fast genauso schlimm fand ich allerdings den Journalisten, der ihn aus dieser Situation gerettet und dann – bestimmt mit den besten Absichten – leicht aufdringlich ausgefragt hat. Interessant fand ich es, mal ein klein wenig darüber zu lesen, wie die Befreiten zurück in ihre Heimat gelangten. Auf Berichte darüber stößt man nicht so oft, finde ich.

      Gefällt 1 Person

  4. storiesonpaper schreibt:

    Dieses Buch stand 2016 auch auf meiner Leseliste. Leider ist der Funke bei mir nicht ganz übergesprungen. Vielleicht war es auch einfach nicht der richtige Zeitpunkt für mich..

    „Mein gebrauchtes Exemplar enthielt eine persönliche Widmung des erst kürzlich verstorbenen Autors. Zwar nicht mir gewidmet, trotzdem ein wahrer Schatzfund.“
    Wow! Wie toll!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s