Matthias Oden: Junktown (2017)

Oden_JunktownKommen wir gleich zur Sache: Junktown ist ein verkommenes Drecksloch. In einer dystopischen Zukunft ist der Drogenkonsum oberste Bürgerpflicht und wird von der Einheitspartei genauestens überwacht. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Zuchtreihen mit unterschiedlicher Genqualität zusammen; die Straßen sind leer, denn alle liegen sediert zu Hause rum. Als dann eine Brutmutter, eine riesige Gebärmaschine mit mehreren hundert Föten, umgebracht wird, nimmt sich der Ermittler Solomon Cain des Falles an. Seit sich seine Frau aus Liebe zur Partei den Goldenen Schuss gesetzt hat, kämpft er mit seinen Dämonen – und als seine Ermittlungen voranschreiten bald auch mit dem Staatsapparat.  

Die ersten Seiten las ich mit großer Skepsis. Zu abgefahren war mir die Schilderung der Vergewaltigung einer Gebärmaschine – die haushohe Maschine wurde nämlich genau wie eine menschliche Frau beschrieben. Intelligente Maschinen besitzen in Junktown Bürgerrechte, daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Außerdem argwöhnte ich, dass sich der obszöne Ton von Cains Kollegen durch den ganzen Roman ziehen würde – dem war zum Glück nicht so, obszöne Sprache wurde gewählt als Stilmittel eingesetzt – raues Polizistenleben eben.
Die Figur des verbitterten und zynischen Ermittlers Solomon Cain ist ein wandelndes Klischee und ungeheuer gut ausgearbeitet zugleich. In dem dystopischen Umfeld ergeben sich ganz neue Spielarten und abgedroschene Verhörszenarien bekommen aufgrund des Drogenkonsums und der allumfassenden staatlichen Überwachung ganz neue Wendungen. Die Stadt selbst ist hier eine Protagonistin, der man mit Faszination und Abscheu zugleich zusieht. Die vielen Anspielungen auf totalitäre Systeme sind zum Schreien komisch und wer einmal in den deutschen Behördendschungel eingetaucht ist, wird sich im von Bürokratie besessenen Junktown gleich zu Hause fühlen. Hier gibt es köstliche Seitenhiebe auf den öffentlichen Dienst.
Der Roman ist sehr durchgestylt; am Ende laufen alle Fäden konsequent zusammen, einige der beschriebenen Passagen laufen beim Lesen zugleich als Film vorm inneren Auge ab. Die Dialoge sind klar und präzise, spielen mit Klischees und führen unter dem Motto „Alle Macht den Drogen“ Altbekanntes ad absurdum.

Nach kurzer anfänglicher Fassungslosigkeit („Das kann der Autor doch nicht ernst meinen“) hab ich Junktown in vollen Zügen genossen und kann es jedem, der vor dem einen oder anderen derben Wort nicht zurückschreckt, empfehlen.
Ich habe mein Exemplar von der Bloggerin Belana Hermine geschenkt bekommen, die sich zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Beitrages auf einer Pilgerreise in Japan befindet. Ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal herzlich dafür und wünsche ihr einen stets sicheren Weg!

Matthias Oden, Junktown, Heyne Verlag 2017, 400 S., 12,99€.

Weitere Meinungen zum Buch finden sich auch bei BuchperlenblogBella’s Wonderworld,  Mandy’s Bücherecke, read books and fall in love, und Kejas Blogbuch.

9 Gedanken zu “Matthias Oden: Junktown (2017)

  1. Wissenstagebuch schreibt:

    Das war eine Beschreibung des Autors zu den Wahrnehmungen des Protagonisten Solomon Cain. Der ganze erste Abschnitt liest sich so. Anbei noch einmal der eindrucksvolle erste Satz:

    „Die Sonne hievte sich über den Horizont und schien nieder auf ein Junktown, das den Morgen so teilnahmslos über sich ergehen ließ wie eine Cracknutte den letzten Freier nach einer viel zu geschäftigen Nacht.“

    Im Kontext des Romans ist „Cracknutte“ vermutlich nicht mal despektierlich, denn hier ist Konsum und Exzess ja oberste Bürgerpflicht und das Rotlichtviertel ein staatliches Förderprojekt.

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  2. Sascha schreibt:

    Hm. Für mich klingt das dennoch ziemlich Menschenverachtend.Wenn es die Wahrnehmungen des Polizisten sind, ist es eben ein Stilmittel und soll genau das zeigen. Wie es im Zusammenhang des Romans zu lesen ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber schwer vorstellbar, dass „Cracknutte“ eine positive Konnotation meinen kann.

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  3. Wissenstagebuch schreibt:

    Auf jeden Fall, gerade deshalb fiel mir der Einstieg auch so schwer. Diese Sprache und dann die positive Besetzung von negativ konnotierten Begriffen. Alles, was in der hiesigen Welt schlecht wegkommt: Drogenkonsum, Prostitution, Drogentod, Exzess – ist bei Oden staatlich verordnet und gefördert. Es gibt die Figur einer Edelprostituierten, deren Beruf den anderen Figuren viel Anerkennung abnötigt. Für mich hat es den Charme dieses Romans ausgemacht, immer wieder darauf gestoßen zu werden, was ich als richtig und angemessen und was als falsch empfinde und das dann getrost über den Haufen geworfen zu sehen. Die derbe Sprache war allerdings (und mit Feuchtwanger noch im Ohr) zu Beginn eine Herausforderung.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, meines Erachtens lohnt es sich – auch, wenn ich selbst kein Fan von derber Sprache in Romanen (oder auch sonst) bin. Man kann auch Unschönes immer einigermaßen geschmackvoll verpacken. Aber hier passt es wirklich zur Atmosphäre und ist ihr sogar noch zuträglich. Ich bin gespannt, was du von dem Buch hältst!

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