Han Kang: Die Vegetarierin (2007/2016)

Nach den zahlreichen Besprechungen, die ich auf euren Buchblogs dazu gelesen habe, hatte ich mit einem fantasievollen Roman, vielleicht sogar mit einem Hauch von magischem Realismus gerechnet. Für mich stellte sich Die Vegetarierin jedoch als gewaltvolle Geschichte einer psychischen Störung und radikale Gesellschaftskritik dar.

Kang_Vegetarierin_160215.inddDer Inhalt ist schnell erzählt: Yeong-Hye wird von bestialischen Alpträumen heimgesucht und stellt bald darauf den Verzehr tierischer Produkte ein. Ihr Umfeld reagiert mit Unverständnis und Ablehnung, ihr Mann lässt sich scheiden. Sie selbst nimmt immer weiter ab und will am liebsten zur Pflanze werden, die sich nur noch von Wasser und Licht ernährt. Ihre ältere Schwester ist schließlich die einzige, die Yeong-Hye auf ihrem Weg in die psychiatrische Klinik begleitet – und das, obwohl sie mit ihrem Mann geschlafen hat.

Schon auf den ersten Seiten stellt sich ein Unwohlsein ein: der scharfe, herrische Ton mit dem Yeong-Hyes Ehemann sein „Recht“ auf dreimal täglich frisch zubereitete Fleischmahlzeiten, ehelichen Geschlechtsverkehr und eine wie aus dem Ei gepellte Ehefrau einfordert, ist entsetzlich. Der Ehemann entpuppt sich bei näherem Hinsehen auch schnell als ziemlicher Loser, der tatenlos zusieht, wie seine Frau vor seinen Augen von ihrem Vater misshandelt wird und dessen einziger Gedanke dem eigenen, fleischlosen „Leid“ gilt, das Yeong-Hye ihm zufügt.

Überhaupt sind die Männerfiguren in diesem Roman sehr negativ gezeichnet: Neben dem Ehemann gibt es den cholerischen Vater, ein Patriarch, der die Misshandlungen seiner Kinder bis in deren Erwachsenenalter fortsetzt. Yeong-Hyes Schwager dagegen ist eine gescheiterte Künstlerexistenz, die sich von seiner Frau aushalten lässt, den gemeinsamen Sohn ignoriert und regelmäßig tagelang verschwindet, nur, um seine Frau schließlich mit der labilen Yeong-Hye zu betrügen.
Leidtragende in dieser Geschichte sind die Frauen: Während Yeong-Hye langsam aber sicher vom Leser in den Wahnsinn begleitet wird, gewinnt ihre Schwester im Laufe der Geschichte an Profil: Sie entzog sich den Misshandlungen des Vaters früh durch ernstes, überangepasstes Verhalten, das ihr auch im Erwachsenenleben noch beruflichen Erfolg beschert, sie aber nicht glücklich werden lässt. Sie hat Schuldgefühle gegenüber ihrem Sohn, einem Kleinkind, das versucht, sie aufzuheitern. Die Erkrankung ihrer Schwester deutet sie als späte Reaktion auf die väterlichen Schikanen in ihrer gemeinsamen Kindheit. Die gesellschaftlichen Zwänge der südkoreanischen Gesellschaft, besonders die Tabuisierung von abweichendem Verhalten jedweder Art tragen ihr Übriges zum Unglück der beiden Frauenfiguren in diesem Roman bei.

Das Buch lässt sich sehr flüssig lesen; die Sprache ist einfach und anschaulich. Doch der kulturelle Subtext (die Bezeichnung aller Familienmitglieder mit Verwandtschaftsgrad, die Erinnerung an Armut nach dem Krieg, die kulturelle Bedeutung von Fleisch) schimmert hin und wieder durch, sodass ich persönlich die Mitveröffentlichung eines Essays/eines Vor- oder Nachwortes zu verschiedenen Aspekten der südkoreanischen Gesellschaft begrüßt hätte.

Festzuhalten bleibt: Im Grunde ist „Die Vegetarierin“ ein ziemlich trauriger Roman, der die Geschichte zweier Frauen erzählt, denen es nicht früh genug gelungen ist, sich von den Zwängen und Erwartungen ihres Umfeldes zu befreien und dafür einen hohen Preis zahlen: ihre Gesundheit und ihr persönliches Glück.

Han Kang, Die Vegetarierin (aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee), Aufbau Verlag 2016, 190 S., 18,95 €.

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Über „Die Vegetarierin“ haben auch geschrieben:

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Buchlingreport

8 Gedanken zu “Han Kang: Die Vegetarierin (2007/2016)

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, für mich auch. Die Sprache war sehr klar und schnörkellos. Mir ist auch aufgefallen: Wenn man das Cover genauer betrachtet, ist es nicht ,,schön“ im eigentlichen Sinne. Das Fleisch, die fleischigen Farben der Blüten – das spiegelt den Inhalt schon sehr gut wider.

      Gefällt 1 Person

  1. Wortlichter schreibt:

    Ich habe schon viele Rezensionen zu dem Buch gelesen und mir immer gedacht… naja.,.eher kein Buch für mich.
    Aber deine Rezension ist mit Abstand die direkteste und meiner Meinung nach Beste. Vielleicht muss ich das Buch doch lesen. Wirst du auch das neue Buch von Hang Kang lesen? Das wird sicher auch sehr heftig, im Gegensatz zu der Vegetarierin, kann man die Ausmaße bereits am Klappentext erahnen.
    Aber dass dieses Buch auch so eindringlich und heftig ist, hatte ich eigentlich nicht erwartet. Allerdings wird es dadurch interessant, dass es eine sehr weibliche Perspektive beleuchtet. Eine traurige Perspektive, die wohl leider auf der Welt in verschiedenen Kontexten sicherlich oft vorkommt und die sich nicht so oft in der Literatur wiederfindet.

    Viele Grüße, Anja

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Schön, dass ich dich für das Buch interessieren konnte. Interessant fand ich, wie schonungslos Kang die Diskriminierung der Frauen angeht: Sie erklärt nicht, beschönigt nicht, stellt die unangemessenen und verletzenden Aussagen des Ehemannes einfach in den Raum, auch, ohne sie mit Nachdruck in einen größeren Kontext einzubinden. Der ergibt sich dann, wenn man die Geschichte der Schwester hinzunimmt.
      Das neue Buch habe ich tatsächlich im Auge; Han Kang ist im englischsprachigen Raum wohl schon länger ein Begriff als bei uns, deshalb überlege ich, bei ihr vielleicht ins Englische umzuschwenken.
      Viele Grüße
      Jana

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