Meine literarische Nemesis

 

Nemesis

Ich brauche dieses Wort im Plural. Denn es gibt gleich drei Bücher, die ich als meine persönliche „literarische Nemesis“ bezeichnen kann (Übertreibung als Stilmittel). Während ich andere Bücher „weggeatmet“ habe, sind es diese drei Bücher, die sich bisher nicht bezwingen ließen – und damit vielleicht so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ für all die, deren tiefere Bedeutung mir aufgrund des Schnelllesens vielleicht entgangen ist.

Bei zweien meiner drei Bücher bin ich bis zur Hälfte vorgedrungen, bei einem habe ich es nicht einmal bis dahin geschafft. Und der Ulysses, der brandneu und noch unaufgeschlagen im Regal steht, ist noch gar nicht dabei. Vielleicht hat jeder mindestens ein solches Buch: Ein Werk, das man unbedingt lesen will, das man aber aus irgendwelchen wichtigen oder weniger wichtigen Gründen abgebrochen hat und das seitdem halb ausgelesen herumsteht. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Bei mir können die Gründe fürs Abbrechen nicht so wichtig gewesen sein, denn ich erinnere mich nicht an sie. Irgendwann wanderte das Buch mitsamt des noch herausragenden Lesezeichens zurück ins Regal. Wo es seitdem steht und guckt. An schlechten Tagen anklagender als an anderen. Vielleicht ärgern sie sich auch nur über den Staub, den sie langsam ansetzen.

Mann_Zauberberg

Platz 1 der Nemesis-Liste: Thomas Mann – Der Zauberberg

Hans Castorp und ich gingen den Weg ins Sanatorium gleich zweimal zusammen. In der Mitte des Buches ließ ich ihn dann allein zurück und stelle mir jetzt manchmal vor, wie er in seinem Liegestuhl liegt und unter seiner Wolldecke hervor in die Berge schaut. Ohne mich allerdings. Aber irgendwann möchte ich den Zauberberg erklimmen, der Literaturschlüssel dazu steht nämlich schon ebenso lange im Regal wie das Buch selbst. Zehn Jahre müssen es mittlerweile sein.

Foster_Unendlicher Spaß

Platz 2: David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Dieses Buch habe ich mir ironischer weise als Belohnung nach einer bestandenen Zwischenprüfung gekauft. Es sah zu gut aus da auf diesem Büchertisch. Die Kraft, es gleich zu lesen, konnte ich damals nicht aufbringen. Und kann es bis heute nicht. Nach ein paar wenigen Seiten warf ich das Handtuch und habe seitdem wohl mehr über dieses Buch und den Autor gelesen als im Werk selbst. Dafür feiere ich mit jeder Bloggerin, die dieses Monstrum bezwingt (und noch Spaß dabei hat).

Littell_nemesis

Platz 3: Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Die 1400 Seiten umfassende spannende und gleichermaßen verstörende fiktive Biografie eines homosexuellen SS-Offiziers tat schon beim Lesen weh. Die Schilderung von Massenerschießungen und anderen Grausamkeiten verlangt dem Leser einiges ab; gepaart mit einem Protagonisten, dessen Verhalten mir als stellenweise skurril in Erinnerung geblieben ist, ist Die Wohlgesinnten bestimmt keine gemütliche Feierabendlektüre. Nichtsdestotrotz lesenswert, denn man lernt so unglaublich viel über den Komplex Drittes Reich/Holocaust, dass man nach dem Lesen schlauer zurückbleibt. Oder halb-schlau wie ich, denn aus unerfindlichen Gründen habe ich genau auf der Hälfte der Strecke abgebrochen. Das Lesezeichen ragt seitdem mahnend genau aus der Hälfte des Buches hervor. Eigentlich könnte ich es genauso herausnehmen, denn ich habe das Buch vor vier Jahren begonnen und müsste sowieso von vorn anfangen.

Striche klein

Kommt euch das Beschriebene bekannt vor; habt ihr auch eine persönliche „literarische Nemesis“? (Der Titel kommt mir mittlerweile selbst übertrieben vor; nachdem ich die Bücher gelesen habe, wird er ja auch nicht mehr zutreffend sein.) Habt ihr euch vielleicht sogar auch an einem der Bücher von oben die Zähne ausgebissen? Oder sie souverän durchgelesen? Ich bin gespannt!

14 Gedanken zu “Meine literarische Nemesis

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Klar! Ich breche Bücher zwar selten ab; aber hin und wieder doch. Bei diesen hier hat es mich nur geärgert, denn alle drei sind Bücher, die ich unbedingt gelesen haben möchte (das waren auch die ersten auf der Leseliste). Bei denen zieht wohl auch die ,,Ausrede“ ,,schlechte Qualität“ nicht ;-). Brichst du häufig Bücher ab?

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  1. Jane schreibt:

    Anfang des Jahres hatte ich 6 angefangene Bücher auf meinem Kobo – und das, obwohl ich meist nicht mehr als 10-15 Stück generell darauf habe.

    1. Leo Tolstoi – Anna Karenina
    2. Alexander von Schönburg – Weltgeschichte to go 2
    3. Rolf Dobelli – Denkfehler und Irrwege 2 Die Kunst des klugen Handelns 3
    4. Sebastian Fitzek – Berlin blutrot 2
    5. Toni Feller – Das Gesicht des Todes 3
    6. Jens Seiler & Sandra La Cognata – Schneller Sprachen lernen

    Mittlerweile sind von diesen jedoch nur noch ‚Anna Karenina‘ und ‚Schneller Sprachen lernen‘ übrig. (das zweite, weil ich es aus der Onleihe ausgeliehen hatte, nicht zu Ende lesen konnte in der Zeit und seitdem das Programm nicht mehr wirklich funktioniert)
    Bei den anderen 4 Werken habe ich 2x 2 Torten und 2x 3 Torten vergeben – ich hätte sie mir also auch schenken können. Aber ich kann so schlecht Bücher abbrechen. Ich habe es tatsächlich noch nie getan. (irgendwann möchte ich es jedoch gerne lernen)

    ‚Anna Karenina‘ möchte ich gerne noch zu Ende lesen. Es kann ja eigentlich nur noch besser werden.. (ich weiß noch nicht mal, wie weit ich es geschafft habe)

    Derzeit habe ich ebenfalls ein Buch, bei welchem ich nicht so recht voran komme: ‚Einsteins Irrtum‘ von David Bodanis. Obwohl es sehr gute Bewertungen hat, kommt es mir doch ein wenig trocken rüber.

    Du siehst, du bist nicht allein. Bei deinen 3 oben genannten Büchern kann ich jedoch nicht mitreden.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Jane,
      ich finde auch, dass gerade Sachbücher tendenziell länger auf dem Nachtisch liegen als Romane (Ausnahmen bestätigen die Regel „What if…?“ hab ich innerhalb weniger Tage verschlungen).

      Mir geht es da wie dir, auch bei Büchern die mir nicht gefallen, kann ich unheimlich schwer abbrechen, gerade, wenn ich schon viel Zeit und ,,Mühe“ in das entsprechende Buch gesteckt habe.

      Anna Karenina möchte ich auch unbedingt noch lesen! Aber vielleicht besser erst, nachdem ich eines meiner drei Bücher von oben beendet habe…

      Viele Grüße!

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  2. reisenderbuecherwurm schreibt:

    Von diesen Büchern habe ich noch keins gelesen und gerade bei Thomas Mann würde ich zögern, weil mir zu Schulzeiten schon „Mario und der Zauberer“ nicht gefiel.
    Meine literarische Nemesis ist „Mobby Dick“ Mein Vater hat mir das als ich 14(?) war geschenkt, weil er fand ich müsste mehr Klassiker lesen. Es ist eine sehr hochwertige Ausgabe, aber ich habe das Buch bisher zwei Mal angefangen und zwei Mal abgebrochen. Ich schätze, dass es in beiden Fällen daran lag, dass ich zu jung war. Da ich nur selten Bücher abbreche traue ich mich jetzt seit Jahren nicht mehr an das Buch heran, obwohl ich es eigentlich lesen möchte.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Bei Mann habe ich mich auch erst einmal an seine Söhne gewagt. ,,Mephisto“ fand ich großartig und sehr unterhaltsam. Von Thomas Mann habe ich – Asche auf mein Haupt – bis auf ein paar Auszüge aus seinen Romanen noch gar nichts gelesen.

      Ich wünsche dir viel Erfolg – und Mut! – mit Moby Dick. Ich habe das Buch auch als Teenager gelesen und habe in Erinnerung, dass es mir gefallen hat, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht eine gekürzte Fassung gelesen habe. Gerade, wenn du eine so schöne Ausgabe hast, macht das Lesen noch mehr Spaß. Hast du schon ,,Der alte Mann und das Meer“ von Hemingway gelesen? Das ist zwar thematisch nicht ganz ähnlich, aber es lässt sich gut lesen und vielleicht macht es dir Lust auf Moby Dick?

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  3. spamdora schreibt:

    Ich habe die Wohlgesinnten und den Zauberberg auch noch ungelesen bei mir rumstehen. Den „Unendlichen Spaß“ habe ich mir mittlerweile sogar schon spaßeshalber zweimal durchgeatmet. Ich find das Buch geil. Aber ein Buch, wo ich auch beim Hingucken in den Schrank schon aufseufze, weil ich für 42 Seiten 3 Monate brauchte und ich es dann aufgab war „Horcynus Orca“ … in meinem nächsten Leben. Ich schwör.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Zweimal?! Jetzt hast du mich! Ich schau noch mal rein, gleich heute Abend. Ich weiß, dass Leser riesige Personennetzwerke zu dem Buch erstellt haben, Leserunden starten und und und. Da muss also wirklich was dran sein.
      Horcynus Orca steht auch auf meiner Leseliste. Mich hat damals die Rezension von Tobias gepackt (https://www.lesestunden.de/2015/04/horcynus-orca-stefano-darrigo/). Wenn du eine Leserunde dazu starten willst (auch noch in diesem Leben), sag Bescheid!

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      • spamdora schreibt:

        Wenn ich mal Zeit habe dafür, dann mach ich das (bzgl. Horcynus Orca) … aber den Unendlichen Spaß habe ich tatsächlich zwischen Rolland Garos und Wimbledon (zusammen mit meiner Schwester) gelesen. Wir tragen auch „Enfield Tennis Academy“ T-Shirts … wir haben einen leichten Tennisknall … Sie liebt Federer und ich Nadal.

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  4. Bookster HRO schreibt:

    Hab sie alle drei gelesen und fand sie auch alle großartig (den ZAUBERBERG mit Abstrichen, weil zwar gewinnbringend, aber furchtbar langatmig). Solche Herausforderungen stacheln mich immer an. Zu den Big Ones meines Bücherregals zählen auch Pynchons DIE ENDEN DER PARABEL und GEGEN DEN TAG, Joyce‘ ULYSSES und Dostojewskijs BRÜDER KARAMASOW. Der einzige Schinken, an den ich mich wohl nie rantrauen werde, ist Arno Schmidts ZETTELS TRAUM, der bei mir ganz oben über allen anderen Büchern thront und täglich voller Spott und Hohn auf mich niederblickt. Es gab schon Leute, die das Ding wieder verkauft haben, weil sie die bloße Existenz des fetten Buches nicht mehr ertragen konnten.
    Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Respekt! Dahin muss ich erstmal kommen! Ich habe dunkel im Hinterkopf, dass im Klassikerforum auch eine ,,Angstdiskussion“ zu Zettels Traum stattfand. Vielleicht haben sie dort sogar eine Leserunde angefangen. Aber wer viel sich schon von einem fetten Buch verhöhnen lassen?
      Viele Grüße unter dem Berg der dicken Schinken hervor!

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