Han Kang: Menschenwerk (2014/2017)

Kang_MenschenwerkHan Kang wurde dem breiten deutschsprachigen Publikum durch die Übersetzung ihres Romans „Die Vegetarierin“ bekannt. Ihr neues Buch „Menschenwerk“ erzählt die Geschichte des Gwangju-Massakers, der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Südkorea der 1980er Jahre in solch einer außergewöhnlichen Klarheit, dass es dem Leser fast körperliche Schmerzen bereitet. Ein Plädoyer für Humanismus und die Abkehr von Gewalt.

Die im südwestlichen Südkorea gelegene Millionenstadt Gwangju erfährt schlagartig landesweite Berühmtheit: Im Mai 1980 demonstrieren zunächst Studenten, bald schon große Teile der Bevölkerung gegen die herrschende Militärdiktatur und das verhängte Kriegsrecht unter Chun Doo-hwan, der sich 1979 an die Macht geputscht hat. Die Demonstrationen werden vom Militär mit äußerster Härte niedergeschlagen; unbewaffnete Zivilisten werden erschossen, verletzte Teilnehmer in Krankenhäusern hingerichtet. Folter und Schikanen im Nachgang des Aufstandes sind an der Tagesordnung und noch Jahrzehnte später leiden die beteiligten Zivilisten unter der unaussprechlichen Gewalt, die an ihnen verübt wurde.

Unaussprechliche Gewalt?

Beim Lesen von Han Kangs Roman habe ich festgestellt, dass es sehr wohl möglich ist, Worte für offenbar unnennbare Gräueltaten zu finden. Und was für welche. Die Autorin beschreibt das Grauen und das unmenschliche Vorgehen des Militärs, das andeutungsweise noch unter dem Eindruck des Koreakrieges und Einsätzen in Kambodscha steht, mit einer Klarheit, die mir in dieser Form noch nie begegnet ist. Ein ums andere Mal ließen mich ihre Zeilen sehr tief Luft holen.

„Zunächst waren die Leichen in einem Gang des Regierungsgebäudes abgelegt worden. Ein Mädchen, das die Sommeruniform des Supia-Gymnasiums trug, leicht zu erkennen an dem großen Kragen, säuberte zusammen mit einer jungen Frau in Straßenkleidern die blutüberströmten Gesichter der Toten mit feuchten Tüchern. Versonnen sahst du ihnen dabei zu, wie sie sich abmühten, die leichenstarren Arme in eine Position seitlich neben den Körper zu zwingen.“

Aus verschiedenen Perspektiven beschreibt Han Kang die Erlebnisse an den Tagen des Massakers und in der darauffolgenden Zeit, die für die überlebenden (sehr jungen) Akteure von Verhören, Folter und Traumata geprägt ist. Sie berichtet von Familien, die ihre Verletzten aus Angst vor dem Regime nicht ins Krankenhaus bringen und jungen Männern, die ihr Studium wegen durch Folter zerstörter Gesundheit aufgeben mussten. Diese Schilderungen – wie das Erlebte auch noch Jahrzehnte später, bis ins 21. Jahrhundert hinein das Leben der Akteure prägt – haben mich noch mehr betroffen gemacht als die Berichte über die Grausamkeiten des Militärs.

Die Autorin schreibt mit „Menschenwerk“ weniger eine Geschichte des Widerstandes als vielmehr eine Geschichte von Humanität in Zeiten der Grausamkeit. Menschen finden sich zusammen, helfen einander und stellen sich gemeinsam gegen das Unrecht. Nicht immer und unter allen Umständen. Aber in der Gwangju-Beschreibung der Autorin nimmt die menschliche Würde, auch als Würde der Toten gedacht, eine zentrale Rolle ein.

Mein Eindruck

In meinem Geschichtsbewusstsein kam das Massaker von Gwangju bis zur Lektüre von Han Kangs Buch schlicht nicht vor. Literatur zu diesem Thema ist mir bislang nicht untergekommen, auch Dokumentationen nicht. Die Aufbereitung dieses Themas in klaren Worten und die detaillierte, aber nie voyeuristische Schilderung der Grausamkeit (etwas, dass wir durch abstrakte Berichte über Todeszahlen und Sachschäden in den Nachrichten einfach nicht gewohnt sind), haben mich sehr bewegt. Han Kangs Sprache hat eine Schärfe, die dem Leser ins Fleisch schneidet und deutlich zeigt: Die schlimmste Grausamkeit ist immer Menschenwerk. Eine unbedingte Empfehlung.

Han Kang, „Menschenwerk“ (aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee), Aufbau Verlag 2017, 224 S., 20€, ISBN: 978-3-351-03683-6.


Weitere Meinungen zum Buch bei:
ausgelesen
fruehlingsmaerchen
umgeBUCHt

Material zum Thema:
Vorstellung des Romans vor historischem Hintergrund im mdr
Interview mit Han Kang in der faz
Dokumentation zum Gwangju-Massaker (koreanisch mit englischen Untertiteln)

Mehr Bücher zu Korea auf dem Wissenstagebuch:
Han Kang: Die Vegetarierin
Yeonmi Park: Meine Flucht aus Nordkorea
Hyeonseo Lee: Schwarze Magnolie
Jun-Hyung Park: Die Augen des Strafrechts

 

3 Gedanken zu “Han Kang: Menschenwerk (2014/2017)

  1. Kerstin schreibt:

    Hallo Jana,
    jetzt ist es doch passiert. Habe mir gerade das Buch bestellt. Vor etwas über einer Woche habe ich schon eine Rezension zu diesem Buch gelesen und wusste – ich muss das lesen – und jetzt hast du mich entgültig überzeugt. Was eine tolle aussagekräftige Rezension.
    Aus diesem Land kenne ich kein einziges Buch und das wird jetzt geändert. ‚Die Vegetarierin‘ hört sich auch sehr lesenswert an.
    Danke für diese ehrliche Buchvorstellung und eine tolle Woche für dich
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Liebe Kerstin,
      vielen Dank für das Lob, da werde ich ja ganz rot!
      Wie schön, dass ich dich mit der Rezension überzeugen konnte; lass mich unbedingt wissen, wie es dir gefallen hat. Ich selbst musste es oft aus der Hand legen und konnte immer nur kürzere Abschnitte lesen. Nicht zuletzt deshalb ist es jetzt schon eines meiner Highlights in diesem Jahr.
      Dir auch eine schöne Restwoche und viel Spaß bei der Lektüre!
      Jana

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