Stephen A. Smith: Revolution in Russland (2017)

Smith_RusslandIn diesem Jahr jährte sich die Oktoberrevolution in Russland zum hundertsten Mal. Das brachte eine ganze Flut von Sachbuch-Neuerscheinungen mit sich. Das Jahr ist also wie gemacht dafür, endlich einmal mehr über russische Geschichte zu erfahren. Weil mich nicht allein die Revolutionsjahre interessieren, habe ich mich für Stephen A. Smiths Werk entschieden: Es ist eines der wenigen, das auch das größere zeitliche Umfeld mit in den Blick nimmt.

Smith beleuchtet alle wichtigen Ereignisse: Vertreibung und Ermordung der Romanows, den Vertrag von Brest-Litowsk, den Aufstieg Lenins und schließlich Stalins. Das Ereignis an sich und dessen Hergang spielt dabei immer nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr beschreibt Smith die sozioökonomischen Auswirkungen auf die russische Bevölkerung und die Stimmung in verschiedenen Gruppen anhand zeitgenössischer Presse. Zwar konzentriert er sich auf Moskau und Petrograd als politische Pulverfässer; doch er wirft immer wieder einen Blick auf die entfernten Provinzen und dortigen Revolutionsereignisse, Bauernaufstände oder anti-jüdische Pogrome. Die Schilderungen sind dabei insbesondere im Hinblick auf die Wirtschaftskraft der verschiedenen Provinzen sehr ausführlich, sodass man sich stellenweise einer zwar interessanten, doch überbordenden Vielzahl von numerischen Detailinformationen gegenübersieht.

Großartig dagegen ist, dass Smith immer wieder die Rolle von einzelnen historischen Frauen und Frauengruppen wie Bäuerinnen und Arbeiterinnen in den Blick nimmt und ihre Relevanz und das frühsowjetische Frauenbild herausarbeitet. Ebenso lockern die abgedruckten Fotografien den Text auf und illustrieren das Beschriebene hilfreich.

Auch wenn das Werk für alle Leser geschrieben ist, denen die Revolutionsproblematik noch relativ unbekannt ist, so hatte ich dennoch Probleme, die verschiedenen Akteure zweifelsfrei auseinander zu halten. Als nach hundert Seiten die Worte „linke Sozialrevolutionäre“, „rechte Sozialrevolutionäre“ „Menschewiki“ und „Anarchisten“ fielen, konnte ich nicht zweifelsfrei sagen, wo genau jetzt die programmpolitischen Unterschiede liegen. Insgesamt hätte ich mir mehr Informationen über die verschiedenen ideologischen Strömungen gewünscht. Ein Glossar am Ende wer für unerfahrene Leser ideal gewesen, allerdings ist verständlich, dass ein solches neben den umfangreichen Anmerkungen und dem Register im Anhang dem wissenschaftlichen Anspruch des Buches nicht gerecht würde.

„Bei Revolutionen geht es um den Zusammenbruch von Staaten, um den Wettstreit zwischen rivalisierenden Machtansprüchen und um den Aufbau einer neuen Staatsmacht.“

All das – mit einer großen Prise Wirtschaft – schildert Stephen A. Smith auf verständliche und anschauliche Weise. Sein Fazit zieht er in einem klarsichtigen, ausgewogenen und sympathischen Urteil. Wer allerdings mehr über die Ideologien jener, die auf dem Weg an die Macht auf der Strecke blieben, lesen will, sollte auf Zusatzlektüre zurückgreifen.

Stephen A. Smith, Revolution in Russland. Das Zarenreich in der Krise 1890–1928 (OT: Russia in Revolution. An Empire Crisis, 1890 to 1928, aus dem Englischen von Michael Haupt), Philipp von Zabern 2017, 496 S., 39,95€ (bzw. 29,95€), ISBN: 978-3-8053-5068-6.

Tipp!: Europäische, insb. russische Geschichte, politische Ideologie, Kommunismus, Russland. 

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