10 Gründe, warum Orwells „1984“ auch heute noch aktuell ist

Orwell_1984

Im Jahr 2013 begann der Whistleblower Edward Snowden, öffentlich über die Überwachungspraxis der US-amerikanischen National Security Agency (NSA) zu sprechen. Besonders in Deutschland haben die Veröffentlichungen hohe Wellen geschlagen; das Entsetzen war groß – werden wir alle schon umfassend überwacht? In diesem Zusammenhang wurde immer wieder das neben „animal farm“ bekannteste Werk des britischen Schriftstellers George Orwell zitiert. In „1984“ entwirft er eine an den Stalinismus angelehnte Dystopie in der allumfassende Überwachung tatsächlich eine große Rolle spielt. Man tut dem Werk allerdings Unrecht, wenn man es immer nur auf diesen einen Aspekt reduziert. Orwell nimmt viele gesellschaftspolitische Entwicklungen vorweg, die sich tendenziell in unserer heutigen Zeit in verschiedenster Ausprägung wiederfinden. Zehn Denkanstöße, die „1984“ liefert:

  1. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander

In „1984“ sogar institutionalisiert als Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die proles leben vor sich hin, gehen fernab von staatstragenden Entscheidungen ihrem Leben nach, während die Partei-Mitglieder besser gestellt sind. Sie sind es auch, die überwacht und indoktriniert werden. Um die proles kümmert sich die Partei auf andere Weise.

  1. Die Massen werden ruhig gestellt

… und zwar bei Orwell durch seichte Filme, Musik und Pornografie – alles maschinell und wie am Fließband erstellt. Das wird dann staatlich beworben und unters Volk gebracht; die proles vermissen die Beschäftigung mit den wirklich großen Fragen nicht, sie sind ja anderweitig beschäftigt.

  1. Aufstieg ist möglich, aber schwierig

Eine gewisse Durchlässigkeit zwischen proles und Parteimitgliedern ist gegeben, wer aber in den innersten Zirkel aufsteigen will, wird kritisch beäugt und im Zweifel eliminiert. Zu viele intelligente und ehrgeizige Individuen kann die Partei nicht gebrauchen.

  1. Das Private ist öffentlich – und das kann ganz schön aufs Gemüt schlagen

„A Party member lives from birth to death under the eye of the Thought Police. Even when he is alone he can never be sure that he is alone. Wherever he may be, asleep or awake, working or resting, in his bath or in bed, he can be inspected without warning and without knowing that he is being inspected.“

Wie sehr genießt Orwells Protagonist eine Kammer ohne den allgegenwärtigen telescreen. Dass er versteckt doch vorhanden ist, ist bezeichnend. Im Gefängnis erfährt der Protagonist gar eine Überwachung durch Bildschirme auf jeder Seite des Raumes. Die telescreens lassen sich nicht abschalten – niemals. Ich fühlte mich ein kleines bisschen ans Smartphone erinnert. Wenn dann die Fitness-App piept und mich dazu auffordert, Sport zu machen umso mehr.

  1. Auch Sex ist öffentlich

Die Sexualmoral der Parteimitglieder ist vollkommen durchideologisiert. Lust gilt als verwerflich, es gilt nur, Kinder als Dienst für die Partei zu zeugen. Wer verbotener Weise auf der Suche nach Lust ist, landet fast unweigerlich bei den Prostituierten der proles. Ein klein wenig fühlte ich mich hier an die Sexualmoral der Kirche im Mittelalter erinnert.

  1. Eine Ideologie hat die Kraft, Familien zu zerstören

„It was almost normal for people over thirty to be frightened of their own children.”

Weil sie Big Brother huldigen und umstandslos ihre Eltern denunzieren. Der Staat spielt hier geschickt Familienmitglieder gegeneinander aus. Kinder werden von klein auf durch verschiedene Stadien der Indoktrination geleitet und sind im Alter von fünf, sechs Jahren schließlich so weit, dass sie ihre eigenen Eltern wegen vermeintlich abweichlerischen Verhaltens an die Geheimpolizei verraten.

1984

  1. Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft

Die Partei arbeitet mit tausenden von Mitarbeitern unermüdlich daran, alte Medien im Sinne ihrer Ideologie umzuschreiben. Orwells Protagonist ist tagtäglich damit befasst, die Times so zu verbessern, dass alle Aussagen Big Brothers stets zutreffen.

„The past is whatever the records and the memories agree upon. And since the Party is in full control of all records, and in equally full control of the minds of its members, it follows that the past is whatever the Party chooses to make it.“

Hier werden Fake News zur Wirklichkeit. Wissen über die Geschichte ist wichtig zur Ausrichtung des moralischen Kompasses – und das macht sich die Partei zunutze.

  1. Ein Sündenbock schweißt die Leute zusammen

In „1984“ ist der Sündenbock der frühere Chefideologe und jetzige Widersacher von Big Brother, Goldstein.  Ein weiterer Sündenbock ist die eine der beiden Nationen, mit der sich Big Brother gerade im Krieg befindet. Ihr und Goldstein werden täglich two minutes hate gewidmet, in denen sie verpflichtend zu beschimpfen sind. Wer nicht mitmacht, kann sich gleich selbst der Geheimpolizei ausliefern. Einmal im Jahr findet dann mit großer Vorbereitung eine ganze hate week statt, in der negative Emotionen kanalisiert und auf einen gemeinsamen Feind gerichtet werden. So reagieren sich die Bürger ab und werden nicht zur Gefahr für die Partei.

  1. Die Sprache ist der Schlüssel

„The Ministry of Peace concerns itself with war, the Ministry of Truth with lies, the Ministry of Love with torture and the Ministry of Plenty with starvation.“

Sprachlicher Euphemismus ist allgegenwärtig. Wer schon einmal ein „friedenssicherndes“ Schiff im Hafen hat liegen sehen, wird nicht abstreiten können, dass die Tendenz zur sprachlichen Augenwischerei auch bei uns vorhanden ist.

Die Partei in „1984“ geht noch einen Schritt weiter. Sie entwickelt eine völlig neue Sprache, Newspeak, die alle Zweideutigkeiten aus der Kommunikation verbannt, stark vereinfacht und für ideologische Konzepte, die nicht in die herrschende Weltanschauung passen, einfach keine Worte mehr hat. Sprache leistet entscheidenden Beitrag zur Wahrnehmung der Welt. Dass einfach Worte verschwinden könnten, ist eine bedrückende Vorstellung.  

  1. Technik ist nicht nur Segen, sondern auch Gefahr

Mittlerweile wohl eine Binsenweisheit, Ende der 1940er Jahre mit Entstehung des Buches aber vielleicht noch eine neue Erkenntnis. Telefone, Bildschirme, Mikrophone – hier wird alles zur Überwachung eingesetzt. Der (Partei-)Mensch steht im Mittelpunkt. Heute dreht sich die Diskussion wohl eher um die Frage, ob der Mensch angesichts der intelligenten Technik bald entbehrlich sein könnte.

  1. Nur Mut

Auch die stärkste Unterdrückung ist Gewohnheitssache. – Dem Protagonisten wird sein Mut zum Verhängnis. – Die Menschen haben verlernt, Fragen zu stellen und finden sich zu schnell mit Widrigkeiten ab. Ein Freund verschwindet? Frag bloß nicht wohin! – Es gibt immer Menschen, die auch vom verbrecherischsten System profitieren. – Die meisten Menschen sind eher bereit zu handeln, wenn das Unrecht ihr eigenes Leben betrifft als gegen allgemeine Ungerechtigkeit aufzustehen.

„‘If you want a picture of the future, imagine a boot stamping on a human face – for ever.’“

Orwells „1984“ ist drastisch, pessimistisch und macht nicht unbedingt Mut. Aber es zeigt viele Gefahren in der Entwicklung eines Staates und einer Gesellschaft auf, über die es sich lohnt nachzudenken. Einige dieser Gefahren hatten sich bei Entstehung des Buches Ende der 1940er bereits realisiert, andere danach, wieder andere (noch) gar nicht. Eine gute Intention wird in ihrer Totalität wieder schlecht. Oft erinnert „1984“ an die Geschichten, die man aus dem heutigen Nordkorea hört (z. B. Flucht aus Lager 14, Meine Flucht aus Nordkorea und Schwarze Magnolie). Die Kenntnis von Orwells Geschichte kann helfen, im richtigen Moment gegen Unrecht aufzustehen. Bevor es – wie im Roman – zu spät ist. Deshalb ist „1984“ auch heute noch unbedingt lesenswert.

George Orwell, 1984, erstmals erschienen 1949, verschiedene Ausgaben.

 

 

15 Gedanken zu “10 Gründe, warum Orwells „1984“ auch heute noch aktuell ist

  1. Sarah | Pergamentfalter schreibt:

    Hallo Jana,

    das ist wirklich eine schöne Zusammenfassung der wichtigsten Punkte! Vor allem machen sie wunderbar deutlich, wie aktuell das Buch trotz seines Alters immer noch ist.
    Ich selbst lese 1984 gerade, nachdem ich es immer wieder vor mir her geschoben habe. Der Einstieg war zwar etwas schwierig, aber seitdem gefällt es mir ziemlich gut. Vor allem gibt es so wunderbar viele Punkte zum Nachdenken. Gerade der Teleschirm lässt sich doch super auf unsere moderne Technik, die 24/7 angeschaltet ist, beziehen (wenn auch nicht mit ganz so krasser Überwachung … hoffe ich zumindest 😉 )

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Sarah,
      schön, dass du 1984 zur Hand genommen hast. Ich war so überrascht davon, wie viel Neues ich dort noch entdeckt habe – trotz der dauerpräsenten Zitate. Ich wünsche dir ganz viel Spaß und eine gwinnbringende Lektüre! Schreib gern hier noch einmal, wie dir das Buch am Ende gefallen hat.
      Viele Grüße
      Jana

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  2. Sabrina schreibt:

    Hallo Jana,

    ich habe 1984 erst Anfang des Jahres gelesen. Die Aktualität gibt einem wirklich zu Denken. Finde es sehr eindrücklich, wie du die einzelnen Punkte nochmal aufbereitet hast.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Sabrina,
      ich finde es schön zu lesen, wie viele Leser das Buch immer noch findet. Man kann sich eigentlich auch schlecht ,,Dystopien-Fan“ nennen, ohne dieses große Werk gelesen zu haben. Dabei sind dystopische Romane gerade im Jugendbuchbereich so aktuell.
      Viele Grüße
      Jana

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  3. Corinna schreibt:

    Hallo Jana,
    1984 habe ich in meiner Schulzeit gelesen und es hat mich damals schon tief beeindruckt. Wie du schon schreibst, ist leider vieles davon aktueller denn je.
    Wir haben gerade kürzlich im Freundeskreis darüber diskutiert, wie blind manche in Zeiten von Amazons Echo und der passenden Alexa sind, holen sich den Überwachungsstaat sozusagen freiwillig nach Hause.
    In diesem Sinne, viele Grüße,
    Corinna
    #litnetzwerk

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Corinna,
      1984 ist eine sehr bereichernde Schullektüre. Ich habe damals im Englischunterricht ,,Schöne neue Welt“ gelesen, aber 1984 hätte definitiv noch auf den Lehrplan gehört (auch, wenn Gewalt im Buch schon ziemlich eindringlich beschrieben wurde). Bzgl. der kleinen ,,Helfer“ im Alltag stimme ich dir zu. Manchmal gruselt es mich vor meinem Smartphone, aber ganz ohne ist in Uni und Job tatsächlich fast nicht mehr machbar. Man wird sehen, wo das hinführt.
      Viele Grüße und einen guten Rutsch,
      Jana

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      • Corinna schreibt:

        Ja, mit Smartphone usw. hast du natürlich völlig Recht. Es geht hier mehr um den unreflektierten Umgang mit solchen Dingen. Ich muss ja schließlich nicht einfach jede App installieren, sondern sollte über den Nutzen nachdenken. Wenn ich dann brauche, kein Thema.
        Ach, und wir hatten damals in der Schule die Wahl zwischen Huxley und Orwell und haben uns für 1984 entschieden ;-).
        Viele Grüße und ein schönes 2018,
        Corinna

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  4. Mikka Liest schreibt:

    Hallo!

    Ein sehr interessanter Beitrag! Ich finde ja besonders bezeichnend, wie die Verkaufszahlen von „1984“ in den USA durch die Decke geschossen sind, nachdem Trump an die Macht kam… Das macht insofern sogar ein bisschen Mut, weil es zeigt, dass es doch viele Menschen gibt, die sich bewusst sind, was da gerade passiert. Allerdings ist die Frage, ob diese Menschen irgendetwas dagegen tun können…

    LG,
    Mikka

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Ja, gerade so bin ich auch auf Atwoods ,,Report der Magd“ aufmerksam geworden. Es bleibt wichtig, dass es immer Journalisten und Privatpersonen gibt, die solche Klassiker gelesen haben und im richtigen Moment hervorholen. Hoffen wir das beste.
      Viele Grüße
      Jana

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