Sex and the City Anfang der Dreißiger? Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Die achtzehnjährige Doris liebt das Leben und die Männer. Deshalb zieht es sie aus der mittleren Stadt nach Berlin. Wenn nur das Ankommen nicht so schwierig wäre! Wenn man doch eine Ausbildung und Geld in der Tasche hätte! Aber wozu gibt es die Männer, die einem Restaurantbesuche und auch sonst so einiges spendieren? Ist das Sex and the City Anfang der 30er Jahre?

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Freche Sprache und anzüglicher Witz

Auf die Schriftstellerin Irmgard Keun und ihr turbulentes Leben bin ich erst durch einen ausführlichen Beitrag auf dem Blog Sätze&Schätze aufmerksam geworden. „Das kunstseidene Mädchen“ wurde notiert und geriet dann für einige Zeit in Vergessenheit. Umso erstaunter war ich, als ich das Buch aufschlug und in einen Strudel aus schnippischer Sprache und frechem, auch mal anzüglichem Witz, geriet. Großartig ist die Stelle, an der Doris ihren Chef von den nicht vorhandenen Kommata in ihrem Schreiben ablenken möchte – um jeden Preis:

„Und musste das Pickelgesicht darum ablenken und machte ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen.“

Die Figur der Doris ist herrlich ambivalent: Sie lügt, stiehlt und lässt sich guten Gewissens aushalten; dann wiederum wirkt sie zerbrechlich, selbstbewusst und ihrem Lebenswandel und politischen Desinteresse so weit von der Ideologie der erstarkenden Nationalsozialisten entfernt, dass man ihr schon allein deshalb Sympathie entgegenbringt. Ihre Aufzeichnungen sind unbefangen; die Goldenen Zwanziger klingen noch nach in ihrem Lebenshunger und der Suche nach Vergnügen, nach schönen Kleidern und dem Wunsch, in Berlin ein Glanz zu werden. In vielem ähnelt Keuns Doris der Figur Charlotte Ritter aus der Serie Babylon Berlin.

Kunstseiden oder halbseiden?

Doch auch den Schmutz und das Elend der großen Stadt lässt sie nicht aus: Berlin am Ende der Weimarer Republik frisst sie auf. Arbeitslosigkeit, Hunger, keine Bleibe – die Bedingungen, ein Glanz zu werden sind beileibe nicht die besten. Fehlende Aufstiegschancen aufgrund geringer Schulbildung, überhaupt die Schwierigkeit, als Frau eine Arbeit zu finden und dabei anständig zu bleiben. Von kunstseiden zu halbseiden ist es nur ein kleiner Schritt.

„Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.“

Irmgard Keun schreibt Sätze, denen man aus ganzem Herzen zustimmen möchte, die man auch aufgrund ihrer kreativen Grammatik für authentisch hält und aus denen der Humor lacht. Sie schreibt aber auch Sätze, denen man widersprechen möchte, weil sie naiv oder altklug daherkommen. So oder so, eins ist ihr Buch garantiert nicht: altbacken. Denn manchen von Doris‘ Sätzen kann man eine immerwährende Gültigkeit zusprechen. So auch diesem hier:

„Liebe an sich strengt an.“

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, 1932.

27 Gedanken zu “Sex and the City Anfang der Dreißiger? Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

  1. pinkmaibooks (@pinkmaibooks) schreibt:

    Ich muss ja gestehen, dass ich nie zu dem Buch gegriffen hätte.. aber ich hab auch nie vorher davon gehört. Schande über mein Haupt.
    Dein Beitrag hat auf jeden Fall neugierig gemacht und ich finde es schön, wenn „ältere“ Bücher eine Chance bekommen, zu glänzen.
    Alles Liebe,
    Sinah

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Sinah,
      ich habe den Eindruck, dass das Buch gar nicht allzu bekannt ist. In der letzten Zeit habe ich hier zwar häufiger mal eine Neuerscheinung besprochen, doch grundsätzlich konzentriere ich mich hier eher auf ältere Werke. Die verdienen mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie der letzte Hype. Gerade von den bisher gelesenen Klassikern habe ich einige richtig gern gewonnen. Vielleicht gefällt dir Keuns Buch ja!
      Viele Grüße
      Jana

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  2. Miss Foxy reads schreibt:

    Liebe Jana,

    wie schön, dass dir das Buch alles in allem gefallen hat. Ich habe es mal im Zuge eines Uni Seminars gelesen aber mich konnte es nicht so ganz erreichen. Das lag vor allem an Doris, mit der ich absolut nicht warm geworden bin. Und mit ihr steht und fällt meiner Meinung nach alles.

    Liebst,
    Jule

    #litnetzwerk

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Liebe Jule,
      das ist ja interessant, ich bin mit Doris auch nicht warm geworden; sie war mir sehr fremd, aber ich konnte es zum Ende hin doch mit einer gewissen Sympathie betrachten, wie sie sich durchschlägt. Aber das ging mir bei Sex and the City auch so. Die Geschichte an sich hatte für mich (trotz der Protagonistin) einen gewissen Charme.
      Viele Grüße,
      Jana

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  3. Sandra schreibt:

    Hi!
    Ich finde „Das kunstseidenen Mädchen“ auch wirklich gut, ich habe es im Rahmen einer Hausarbeit die ich zu dem Werk verfasst habe gelesen und war, ähnlich wie du, auch begeistert vom Schreibstil. Das Buch kann auch mit der heutigen Literatur mithalten, wird aber leider zu oft übersehen und gilt leider nur bei wenigen Literaturmenschen als Klassiker. Toll, dass du es auch nochmal so in den Fokus rückst!
    #litnetzwerk
    LG Sandra

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Sandra,
      dann bist du ja richtige Expertin für Keun; wie schön, dass du einen Kommentar hinterlassen hast. Ich möchte noch mehr Literatur aus der Zeit lesen insbesondere von Schriftstellerinnen. Dazu kommt hier in der nächsten Zeit bestimmt hin und wieder ein Artikel.
      Viele Grüße
      Jana

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  4. Jennifer schreibt:

    Hach, das klingt wirklich gut!
    Habe von Irmgard Keun bisher ja nur „Kind aller Länder“ gelesen, aber „Das kunstseidene Mädchen“ wurde mir auch sehr empfohlen (warst du das zufällig? Ich erinnere mich leider nicht mehr so genau :D)
    Wobei ich fast hoffe, dass das Buch nochmal mit einem hübschen Cover erscheint!
    Viele Grüße Jennifer
    #LitNetzwerk

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  5. jacquysthoughts schreibt:

    Dein Beitrag erinnert mich daran, dass ich in der Schule mal einen Auszug aus dem Buch lesen musste, super fand und ihn dann nicht mehr zuordnen konnte. „Ein Glanz werden“ war aber das Stichwort 🙂 Schön, dass dir das Buch so gefallen hast, ich werde es nun sicher auch bald lesen.

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Hallo Jacquy,
      danke für deinen Kommentar. Es freut mich, dass Keun zumindest auszugsweise in der Schule vorkommt. Das Buch ist kurzweilig und eignet sich vielleicht aufgrund der dafür dann doch zu schwach skizzierten historischen Hintergründe nicht allzu gut als Schullektüre. Für’s private Lesen ist’s aber allemal sehr zu empfehlen. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

      Gefällt 1 Person

  6. Wortlichter schreibt:

    Es gibt viele tolle Romane von Frauen aus den 20ern und 30ern. Leider sind wir dann mit dem 2. Weltkrieg wieder zurückgefallen. Und dann erinnerte man sich meist an die Männer…
    Irmgard Keun habe ich noch nicht gelesen, aber dafür sehr viele österreichische Autorinnen aus dieser Zeit. Es gibt zwei österreichische Verlage, die sich diesem Thema gewidmet haben: Der Verlag des vergessenen Buches und auch bei Edition Atelier ist vieles in der Thematik zu finden.

    Liebe Grüße, Anja

    Gefällt 1 Person

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Keun war ein guter Tipp von dir! Ich möchte in der nächsten Zeit mal ein wenig nach Frauenstimmen in der Weimarer Republik suchen – da gab es doch auch ein Literaturmagazin, das sich nur dieser Zeit verschrieben hatte…?
      Ich war ein wenig erstaunt darüber, dass mir Keun so gut gefallen hat, denn die Geschichte, die sie erzählt, hätte mich – hätte sie im Heute gespielt – nicht vom Hocker gerissen. Aber so schwang ein wenig historischer Charme mit. 😉

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      • arcimboldis_world schreibt:

        Das ist diese tolle illustrierte Ausgabe:
        PRODUKTINFORMATIONEN
        Titel: Das kunstseidene Mädchen
        Autor: Irmgard Keun
        Editor: Gerda Raidt
        EAN: 9783936428629
        ISBN: 978-3-936428-62-9
        Format: Gebunden
        Herausgeber: Büchergilde Edition, Frankfurt a.M.
        Genre: Romane & Erzählungen
        Anzahl Seiten: 200
        Veröffentlichung: 01.03.2006
        Jahr: 2006

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        • Wissenstagebuch schreibt:

          Ah, von der Büchergilde! Da sind die Erwartungen gleich ganz hoch. Ich habe gesehen, dass die Ausgabe zumindest online vergriffen ist; falls ich sie einmal ,,live“ sehe, denke ich an deinen Tipp.
          Mein Buch von Elif Shafak war auch von der Büchergilde – wunderschöner Einband, tolle Farben.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Auf den Blogs, die ich lese – unter anderen eure beiden – tauchte das Buch auch immer wieder auf, manchmal nur in einem Nebensatz. Aber da hat der Mere-Exposure-Effekt zugeschlagen und ich habe es bei der Zusammenstellung der 150-Klassiker-Liste sofort dazugepackt – und nicht bereut!

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