Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie

Schon 2009 veröffentlichte der britische Historiker Peter H. Wilson seine Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg. Ende des letzten Jahres erschien das Werk unter dem Titel „Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie“ auch auf Deutsch. Das allgemein wieder aufgeflammte Interesse an diesem großen, lang andauernden Konflikt kommt nicht von ungefähr, denn er begann 1618 und jährt sich damit 2018 zum 400. Mal. Wilsons Monumentalwerk macht den Konflikt greifbar.

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Der Inhalt – Knapp tausend Seiten Wissen

Leicht lässt sich ein Bezug zur heutigen Zeit finden, in der die Errungenschaften der Jahrhunderte wie Frieden, offene Grenzen und ein geeintes Europa offenbar auf die leichte Schulter genommen werden. Mit wie viel Blut dieses Europa nicht nur in zwei Weltkriegen, sondern schon im 17. Jahrhundert bezahlt wurde, zeigt Wilson eindrucksvoll in drei Abschnitten:

Das erste Dritte des knapp tausend Seiten umfassenden Werkes widmet er insbesondere den Anfängen der Konflikte. Hier legt er den Schwerpunkt auf den bitterernsten Religionskonflikt zwischen Katholiken und evangelischen Christen. Er geht auf die innen- und außenpolitische Situation der späteren Kriegsparteien Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, Spanien, Dänemark und Polen-Litauen ein.

Im zweiten Teil nimmt sich Wilson chronologisch die verschiedenen Konflikte vor, die später als Dreißigjähriger Krieg bezeichnet werden sollen. Über den Böhmischen Aufstand von 1618–1620 inklusive Prager Fenstersturz über die schwedische Intervention 1630–32 bis schließlich zum Westfälischen Frieden 1648.

Im letzten Teil zieht Wilson Bilanz: Wie ist der Westfälische Frieden zu bewerten, wie erholten sich die Kriegsparteien vom Krieg und wie hat er sich in das kollektive Gedächtnis Europas eingegraben?

Warum es sich lohnt

Der Mehrwert von Wilsons Werk wird schon beim Blick ins Inhalts- und Quellenverzeichnis deutlich. Eine solch umfassende Darstellung anzufertigen und dabei eine derartige Vielzahl von Quellen in verschiedensten Sprachen auszuwerten ist eine beachtliche Leistung. Die an Komplexität kaum zu übertreffenden Ereignisse dann auch noch in eine lesbare, dichte, aber nicht detailversessene Form zu bringen – das ist ein Meisterwerk.

Der Autor ist mit viel Herzblut dabei, das wird dem Leser schon anhand des Vorworts klar. So erinnert Wilson – ganz der heutigen Zeit verpflichtet – daran, dass sich der Konflikt für Jahrhunderte ins kollektive Gedächtnis Europas eingegraben hat. Dass er in der heutigen Zeit eher von den zwei Weltkriegen überlagert wird, sei verständlicherweise eine neuere Erscheinung. Ohne den Schrecken der Weltkriege zu relativieren, ruft Wilson in Erinnerung, dass Krieg für Europa keine neue Erscheinung ist und sich an Nationalität, Religion oder Erbfolge entzünden kann.

Die angenehm verständliche Sprache wird durch einen sehr umfangreichen Anhang ergänzt. Auf gut 150 Seiten veranschaulichen Stammbäume, Karten, Schlachtenpläne und ein Personenregister Wilsons Ausführungen; in der Mitte des Buches finden sich Farbabbildungen. Dazu kommen die ausführlichen Anmerkungen, u.a. zu Währungsangaben und ein Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen einlädt – sollte man nach diesem umfangreichen Werk noch Bedarf haben. Dem Umfang des Werkes ist leider ein sehr durchscheinendes Papier geschuldet – aber das ist nur ein kleines Manko und wohl auch kaum anders umsetzbar, wollte man kein Tischexemplar veröffentlichen.

Fazit: Wilsons Gesamtdarstellung ist eine große Empfehlung für alle Neugierigen, die gleich richtig tief ins Thema einsteigen wollen und sich insbesondere für die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs interessieren.

Peter H. Wilson, Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie (OT: Europe’s tragedy, aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel, Michael Haupt), Theiss 2017, 1160 S., 49,90€, ISBN 978-3-8062-3628-6.

Tipp-Blase Europäische Geschichte, Dreißigjähriger Krieg


Der Dreißigjährige Krieg bleibt auch auf anderen Blogs nicht unbeachtet. So hat der Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski ein Leseprojekt zum Thema gestartet. Passend zum Jahrestag sind neben Wilsons Werk auch weitere Darstellung erschienen z. B. von Herfried Münkler, Peter Englund oder Johannes Burkhardt.
Wer sich dem Thema lieber literarisch nähern möchte kann z. B. auf Brechts Mutter Courage, den abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch, Schillers Wallenstein oder Daniel Kehlmanns neuesten Roman Tyll zurückgreifen.

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