Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss (2018)

Auf das Erscheinen dieses Buches habe ich gespannt gewartet und dann mit angehaltenem Atem gelesen: Die unglaubliche Geschichte einer Frau, die mit 17 Jahren zum ersten Mal den Fuß in einen Unterrichtsraum setzt und schon mit Anfang 30 auf einen beeindruckenden akademischen Werdegang zurückblicken kann. Cambridge, Harvard – und das alles mit einer Familie im Nacken, die vor physischer und psychischer Gewalt nicht zurückschreckt. Gelebte Country Noir.

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Tara Westovers Geschichte ist sehr amerikanisch – und das gleich im doppelten Sinne: Zum einen lebt sie den amerikanischen Traum und arbeitet sich vom Schrottplatz auf dem heimischen Berg hoch bis in die Studienzimmer der renommiertesten Universitäten. Zum anderen ist ein Leben, wie es die Westovers führen, so wohl vor allem in den USA möglich: Religiöser Fundamentalismus, Waffenhorten, Abgeschiedenheit und konkrete Vorbereitungen auf den Weltuntergang bestimmen den Alltag. Keines der Kinder geht zur Schule, stattdessen sortieren sie mit ihrem Vater unter lebensgefährlichen Bedingungen Schrott, um ihn zu verkaufen. Das heißt dann Homeschooling. Die offensichtliche Intelligenz des Vaters geht mit abgrundtiefer Bildungsverachtung einher.

Da dem medizinischen Establishment nicht zu trauen ist, bildet sich die Mutter selbst zur Hebamme aus – und wird mit Anfragen von Familien, die ebenfalls unter dem Radar der Behörden bleiben wollen, überschüttet. Für die Autorin erwies es sich als Kampf, nachträglich eine Geburtsurkunde ausgestellt zu bekommen.
Über dieses Szenario herrscht der übermächtige und wohl auch psychisch erkrankte Vater wie der König vom Berg. Als er einen furchtbaren Unfall nur knapp und stark entstellt überlebt, steigt er zur Messiasfigur auf und sieht sich fortan von einer Schar von Anhängern umgeben.

Westovers Geschichte zeigt, wie weit sich Menschen im wohlhabenden Amerika von dem entfernt haben, was man als „Mainstream-Leben“ bezeichnen könnte. Sie haben sich eigenen, oft kruden, Verschwörungstheorien zugewandt. Gepaart mit einem religiösen Weltbild, in dem Frauen nur zum Gebären und Arbeiten da sind und ansonsten den Mund zu halten haben, entwickeln sich zumindest in Westovers Umfeld bewaffnete Strukturen, die ein Klima von Gewalt und Missbrauch begünstigen.

Großartig gelingt Tara Westover die Beschreibung ihrer inneren Zerissenheit. Trotz schlimmster Verletzungen, gar Todesdrohungen, kann sie sich nicht von ihrer Familie lösen. Sie lernt die Nächte durch, macht einen Abschluss nach dem anderen und traut sich doch lange Zeit nicht, Ärzte aufzusuchen oder sich impfen zu lassen. Ihre Kindheit prägt sie nachhaltig.
Die eine Hälfte der Geschwister schafft den Absprung, die andere Hälfte bleibt, finanziell abhängig von den Eltern, zurück. Man fragt sich, wie es Kindern andere Familien ähnlichen Lebensstils geht, die nicht die Intelligenz und Willensstärke Westovers mitbringen; die durch sehr frühe Eheschließungen und Schwangerschaften noch fester an dieses toxische Umfeld gebunden sind. Und davon muss es, den Schilderungen der Autorin zufolge, noch viele geben.

Die Moral von Westovers Geschichte ist eindeutig: Egal, welche Anstrengungen man unternimmt, um sich anzupassen, egal, welche Erfolge man erzielt, die eigene Familie lässt einen nie ganz los.
Das Buch hat auch mich lange Zeit nicht losgelassen: Interviews mit der Autorin, Anschauen von Landkarten im Internet und immer wieder die Frage, wie solche Lebenswege möglich sind. Eine klare Empfehlung.

Tara Westover, Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss (OT: Educated, aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld), Kiepenheuer&Witsch 2018, 448 S., 23€.


Weitere Besprechungen:
Deborahs Bücherhimmel
Zitronenfalterin
Bingereader

Mehr Lebensgeschichten fernab der glitzernden Skyline Amerikas:
J. D. Vance – Hillbilly-Elegie
Deborah Feldman – Unorthodox
Und historisch: Richard Wright – Black Boy

Fiktionales:
Smith Henderson – Montana
Emily Fridlund – Eine Geschichte der Wölfe
Callan Wink – Der letzte beste Ort
Hillary Jordan – Mudbound. Die Tränen von Mississippi

Tipp!: USA, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage/Mormonen, US-Gesellschaft

10 Gedanken zu “Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss (2018)

    • Wissenstagebuch schreibt:

      Auf jeden Fall; die Steine, die Westover in den Weg gelegt wurden, waren groß, gleichzeitig gab es auch viele helfende Hände. Sie hat ihren Weg gemacht; dabei zeigt das Buch aber auch sehr anschaulich, wie zerrissen sie trotz ihres augenscheinlichen Erfolges ist. Eine wirklich starke Persönlichkeit.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      Tolle Besprechung! Schön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Das ist wirklich eine einmalige Geschichte und ich frage mich, wie viele tausende von Kindern es gibt, die in ähnlichen Verhältnissen aufwachsen und nicht den Weg gehen können, den Westover aus eigener Kraft gehen konnte…

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      • Lesen... in vollen Zügen schreibt:

        Ja, ich bin immer schwer beeindruckt von Autobiografien von Leuten, die etwa mein Alter haben und ein absolut anderes Leben gelebt haben als ich.
        Trevor Noah zum Beispiel, oder eben Deborah Feldman.
        Das rückt einem den Kopf schon immer wieder zurecht und man kann die scheinbar normalen Dinge im Leben viel besser schätzen.
        In die Schule gegangen zu sein, oder nie gehungert zu haben,…

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        • Wissenstagebuch schreibt:

          ,,Das rückt einem den Kopf schon immer wieder zurecht und man kann die scheinbar normalen Dinge im Leben viel besser schätzen.“
          Das hast du schön gesagt; genauso geht es mir auch mit diesen Geschichten. Es ist spannend, dass es trotz Internet und Fernsehen, trotz derselben Netflix-Serien, die alle schauen, in der westlichen Welt Lebenswege gibt, die auf so extreme Art voneinander abweichen.

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    • Wissenstagebuch schreibt:

      So eine tolle, persönliche Besprechung! Vielen Dank fürs Verlinken. Ich habe auch überlegt, ob ich mit meiner Besprechung zu Westover auf Gemeinsamkeiten zu meinen Erfahrungen beziehe, habe mich aber letztlich nicht recht getraut.
      Ich glaube, der Caféhaussitzer hat auch einmal was Persönliches in diese Richtung geschrieben; interessant und schön, dass ,,wir alle“ dann gerade als Literaturblogger aufeinander aufmerksam werden. 🙂

      Viele Grüße, Jana

      Gefällt 1 Person

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