Stalin ist mir weggestorben – zweimal

Manchmal kommt ja eins zum anderen und dann hat man plötzlich in einer Woche mehr zum Tode Stalins gelesen als im gesamten Leben zuvor. Ein Tod, von dem ich wusste, dass sich Mythen darum ranken, mit dessen näheren Umständen ich mich aber gar nicht auskannte. Auch in dem Sachbuch zur Russischen Revolution, das zuletzt den Weg in mein Bücherregal fand, wurde der Tod des Diktators nur kurz behandelt. Hier zwei Tipps zu einem Roman und einem Comic, die den Tod Joseph Stalins in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellen.

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Der Roman „Guten Morgen, Genosse Elefant“

„Guten Morgen, Genosse Elefant“ ist ein Buch, das ich erst spät aus dem Regal gezogen habe. Obwohl mich das Thema – das Ende des Stalinismus – interessiert, und die Legenden um Leben und Tod des Diktators mich gleichermaßen gruseln wie faszinieren, habe ich die Lektüre etwas vor mir hergeschoben.

Das liegt an der Erzählperspektive, die schon im Klappentext beworben wird: Die Geschichte wird aus der Sicht des zwölfjährigen, durch einen Unfall am Hirn geschädigten, Sohn des Moskauer Chefveterinärs erzählt. Das klingt ziemlich abgedreht und ich war skeptisch. Wenn ich etwas über historische Zusammenhänge lesen will, dann ernsthaft; bei furchtbaren Ereignissen darf ein Buch auch schmerzhaft und verstörend sein, wie z. B. „Aber der Himmel – grandios“, das auf bedrückende Art den Alltag in einem sibirischen Gulag schildert.

Auf den ersten Seiten fühlte ich mich noch bestätigt; zu gewollt, zu belanglos erschienen mir die Betrachtungen des kleinen Juri. Aber dann! Juri landet in der Datscha des sterbenden Stalin und wird wegen der „plötzlichen Vakanz“ des Postens zum Vorkoster gemacht.

 „Dank der Anforderungen meiner Arbeit werde ich also mit gerade einmal zwölf Jahren ein leichter Raucher und schwerer Alkoholiker.“ (S. 102)

Sein „Engelsgesicht“ lässt sogar hartgesottene KPdSU-Kader munter drauflos plappern und weil alle Juri für ziemlich unterbelichtet halten, erfährt er so ziemlich alles über die Machtkämpfe, die im Zentralkomitee toben. Anfangs trägt Christopher Wilson mit seinem jugendlichen Protagonisten schon arg dick auf:

„Ich baue auf Ihr Schweigen. Außerdem will ich Sie beschützen.
Zu Ihrer eigenen Sicherheit.
Also, psssst.“ (S. 21)

Doch geht sein Konzept auf. Die Verschwörungen der Ministerratsmitglieder jener Zeit (Malenkow, Bulganin, Kaganowitsch, Mikojan, Beria, Molotow und Chruschtschow), deren Namen leicht verfremdet werden, lesen sich wie ein Krimi und die Demütigungen, die sie durch Stalin erfahren, lassen einen schaudern. Ihre eigenen Machenschaften dagegen sind so finster, dass man Juri fast zu seinem Unfall, der das Angstempfinden seines Gehirns gestört hat, beglückwünscht. Die Sympathien in dieser Geschichte liegen zwar eindeutig bei Juri und seinem Vater; doch bekommt man als Leser schon fast Mitleid mit dem nach einem Schlaganfall verwirrten und hilflosen Diktator, der wild fabulierend Kreise in seinem Studierzimmer abläuft.

Wilson nimmt seinen Protagonist immer mehr zurück und lässt die anderen Figuren für sich sprechen. Die naive Sichtweise des Erzählers wird zum Kunstgriff, um die wilden Geschichten um Stalins Tod – Achtung, hier gibt es gleich mehrere Stalins – in einer Geschichte unterzubringen. Der Schrecken jener Zeit geht dabei mitnichten verloren. Das hätte ich bei dem eingangs heiteren Ton nicht erwartet. Auch, wer sich mit naiven Erzählern schwer tut, kommt bei „Guten Morgen, Genosse Elefant“ auf seine Kosten.

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Der Comic „The Death of Stalin“

Ich kann mit Comics nicht unbedingt viel anfangen. Ich bin nie so richtig drangekommen und dann sind sie auch noch so schnell ausgelesen (hier habe ich darüber geschrieben). Aber „The Death of Stalin“ war ein Geschenk, verbunden mit einer deutlichen Empfehlung und bot sich als Lektüre direkt nach „Guten Morgen, Genosse Elefant“ an.

Was soll ich sagen? Dieser Comic ist bei nicht nur historisch akkurater als der Roman (der es ja gar nicht sein will), sondern hat mir den sowjetischen Ministerrat unter Stalin auch deutlicher vor Augen geführt. Die einzelnen Figuren sind ausgezeichnet unterscheidbar und mit ihren Ambitionen und wechselnden Loyalitäten sehr plastisch. Der Zeichenstil ist dem Thema angemessen düster und obwohl man ob der Absurdität der finsteren Machenschaften den Kopf schütteln kann, weiß man durch ein Vorwort der Zeichner, dass sie sich gewünscht hätten, mehr hinzu erfinden zu müssen.

Besonders gefallen hat mir auch das Nachwort, dass eine historische Einordnung vornimmt und auseinanderhält, was des Gelesenen Fiktion und was historische Realität ist. Das kommt dem Wissenstagebuch sehr entgegen. Der großformatige Comic ist ein echtes Schmuckstück und ich muss von meinem hohen Ross herunterkommen: Durch diesen Comic habe ich wirklich was über die Geschichte der Sowjetunion gelernt.

Fazit

Zwei Bücher also, die ich allein wegen ihrer Erzählform nicht gelesen hätte. Doch wegen des spannenden Themas fiel es mir leicht, mich auf sie einzulassen und ich habe durch beide Werke etwas über das Leben und den Tod Stalins gelernt. Eine weitere Empfehlung sind die Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Sowjetunion, die verschiedene Aspekte jener Zeit übersichtlich und nachvollziehbar darstellen.

 

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